Abitur in Deutschland: Warum immer weniger Schüler*innen bestehen

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Eliott Reyna
ARTIKEL ANHÖREN
Jetzt anhören
Drei Jugendliche unterhalten sich
Schließen

Wird das Abitur immer schwerer oder sind fehlende Förderung und Unterstützung dafür verantwortlich, dass das Bildungsniveau immer weiter auseinanderklafft? Immer mehr Schülerinnen und Schüler fallen durch die Abiturprüfungen – doch zeitgleich gibt es auch einen Aufwärtstrend. 

 

Immer wieder sorgen die Abiturprüfungen für Diskussionen. Mal war das Abitur in seiner Gesamtheit zu schwierig, mal handelte es sich nur um einzelne Fächer oder – und das ist eher selten der Fall – es war viel zu leicht. Am Ende lässt sich an den Abschlussnoten ein gewisser Eindruck davon gewinnen, wie die Schülerinnen und Schüler die ganze Sache empfunden haben. Sollte man zumindest meinen. 

Durchfallquote ist gestiegen

Denn obwohl die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die durch eine Abiturprüfung fallen, seit neun Jahren bundesweit immer weiter ansteigt – laut einer Statistik der Kultusministerkonferenz fielen 2017 etwa 3,8 Prozent der Prüflinge durch, während es 2009 noch2,4 Prozent waren – lässt sich zeitgleich auch eine gegenläufige Entwicklung beobachten: Die Durchschnittsnote 1,0 wurde 2017 von knapp einem Viertel der Abiturient*innen erreicht. Unterm Strich bedeutet das also, dass sowohl die sehr schlechten als auch die sehr guten Noten immer weiter zunehmen, wie aus einer Erhebung der Deutschen Presse-Agentur hervorgeht.

Steht der Lehrermangel einer individuellen Förderung im Weg?

Doch womit hat diese Entwicklung zu tun? Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung ist sicher, dass der schulische Erfolg stark vom Elternhaus abhängt. So erklärte er, dass für einige Kinder der Zugang zu notwendigen Förderungen auch außerhalb des Klassenzimmers von Haus aus vorhanden sei – für andere wiederum nicht. Das sorge dafür, dass immer mehr Kinder »durch den Rost« fielen. »Die Schere öffnet sich immer weiter«, so Beckmann. Doch auch der zunehmende Lehrermangel trage dazu bei, dass die Schülerinnen und Schüler zum Teil nicht genügend auf die großen Herausforderungen, die ein Abitur mit sich bringt, vorbereitet würden: »Vom Kindergarten bis zum Abitur muss der Anspruch, individuelle Förderung zu gewährleisten, einlösbar sein. Dafür braucht es ausreichend ausgebildete Lehrkräfte, die fachlich und didaktisch kompetent sind und viel Zeit für Kinder und Jugendliche in kleinen Gruppen in den Schulen haben. Die Politik ist in allen Bundesländern gefordert, dies umzusetzen.«

 

Motivation und Lernbereitschaft fehlen

Experten sprachen sich ebenfalls mit großer Sorge über die persönliche Lernbereitschaft der Schülerinnen und Schüler aus. Da schlechte Leistungen vor dem Abitur einfach ausgeglichen werden könnten und nicht alle belegten Kurse für die Abschlussnote relevant seien, werde die Motivation automatisch gebremst. Im Abitur gelten derartige »Sonderregelungen« jedoch nicht: »Im Abitur zeigt sich die Frucht von kontinuierlichem Lernen und kontinuierlichem Leisten – im Positiven wie im Negativen«, sagt die Vorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing. Zuletzt plädierte sie auch dafür, die Abiturientinnen und Abiturienten leistungsgerechter zu bewerten: »Was ich will, ist, dass gute Leistung gut bewertet wird, sehr gute Leistung sehr gut, aber nicht-ausreichende Leistung eben auch nicht-ausreichend.« Aktuell braucht es in Tests und Klausuren noch nicht einmal die Hälfte der Maximalpunkzahl, um zu bestehen. Was nett gemeint ist, führt am Ende allerdings nur dazu, dass Schülerinnen und Schüler schlecht auf das bevorstehende Studium und Arbeitsleben vorbereitet sind. 

Basisfähigkeiten fehlen 

Um etwas zu verändern, bedarf es also nicht nur der intensiveren Förderung in den Schulen und zu Hause. Wenn bereits für die Zulassung zum Abitur mehr getan werden muss und Ausgleiche nicht mehr so einfach möglich sind, würden sich die meisten Schülerinnen und Schüler eventuell auch wieder stärker engagieren. Und wie sehr sich dabei bereits von Haus aus etwas ändern muss, zeigt sich sogar schon bei den Kleinsten. »Wir sehen, dass die Voraussetzungen, mit denen Kinder in die Schule kommen, immer mehr abnehmen. Manche verfügen nicht mehr über die notwendigen Basisfähigkeiten, wie das Abzählen einer Menge, die Vorstellung einer gleichbleibenden Menge solange nichts hinzugefügt oder weggenommen wird, und die Erfahrung, dass zum Beispiel für jede Person am Tisch eine Gabel eingedeckt werden muss«, so UdoBeckmann.

Ob die Abiturnoten von 2019 die Tendenz verstärken, dass die Schere zwischen schlechten und besonders guten Noten weiter auseinanderklafft, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Durch die zahlreichen 1er-Schülerinnen und ‑Schüler ist der Notenschnitt zuletzt immerhin insgesamt etwas besser geworden. Eine Tendenz, die der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, gern beibehalten würde.

Share:
Tags
BildungAudio

Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

4 Kommentare

Georg Rack
#3 — vor 1 Monat 2 Wochen
Das mit der Durchschnittsnote 1,0 ist so ein Bauchfleck, dass man darüber keine Zehntelsekunde diskutieren oder recherchieren oder Worte verlieren sollte.
Aber es sei. Ich flecke halt Bauch und verliere ein Wort (das sichert Arbeitsplätze im Fundamt):
Mittelwert (»Durchschnitt«) von mehreren gleichgroßen Zahlen ist diese Zahl selbst. Siebzehnmal die 1 hat den Mittelwert 1 ... ein Mathematiker würde es den trivialen Fall der Mittelwertbildung nennen. Aber er vermeidet dies, weil ein Mathematiker wie gesagt seine Würde dabei einbüßen würde.
Außer er ist ein Schullehrer.
Der ist würdelos.
F.Weigl
#2 — vor 3 Monaten 3 Wochen
Natürlich ist es nicht so. Das Abitur heute hat gegenüber früher einen geringeren Wert.Nur meinen viele Eltern, die selbst das Abitur nicht geschafft haben, sie müssten ihre Kinder unbedingt auf das Gymansium schicken, auch wenn deren Fähigkeiten dafür nicht ausreichen. In der Schweiz z.B. müssen die Kinder nach der 6.Klasse eine Aufnahmeprüfung für das Gymnasium machen- so war es früher, in den 50.er-Jahren auch in Deutschland üblich. Dadurch kam schon früher eine Auslese zustande, was nichts über die Qualitäten eines Schülers aussagt, der ganz andere Qualitäten aufzuweisen hat, die ihn zu einem hochqualifizierten Handwerker oder Techniker befähigen. Also liebeMedien, verbreitet nicht so einen Käse der nur falsche Hoffnungen weckt.
Jürgen Binnebößel
#1 — vor 4 Monaten
Hallo, leider eine sehr falsche Aussage drin (mindestens - mehr habe ich nicht recherchiert):

Ach ja: In den nachfolgenden Zeilen sind sowohl männliche als auch weibliche und diverse gemeint - ich schreibe das nicht jedes Mal extra...

Sie schreiben: « Die Durchschnittsnote 1,0 wurde 2017 von knapp einem Viertel der Abiturient*innen erreicht. Unterm Strich bedeutet das also, dass sowohl die sehr schlechten als auch die sehr guten Noten immer weiter zunehmen, wie aus einer Erhebung der Deutschen Presse-Agentur hervorgeht.«

Das muss Ihnen doch sofort auffallen, dass das nicht stimmen kann. Ein Viertel mit 1,0. Hallo.... Ich habe mal kurz recherchiert und das hier gefunden (https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/immer-mehr-einser-abiturienten-1580/):

»Nimmt dem IW zufolge die Abiturienten mit Note 1,9 und besser in den Blick, ist ihr Anteil an der Bevölkerung von 5,9 Prozent auf 10,1 Prozent und ihr Anteil an allen erfolgreichen Abiturienten von 19,7 auf 24,9 Prozent gestiegen.«

Jetzt gibt es ja einen riesigen Unterschied zwischen »1,0« und »besser als 1,9«. Häufig liest man auch von den 1er Abiturienten, was auch Viele falsch verstehen und denken, das sei 1,0. Ist es aber nicht. Ein 1er Abiturient ist jemand, der eine 1 vor dem Komma stehen hat.

Im gleichen Artikel steht noch:
Die Höchstnote 1,0 erreichten im Jahr 2017 mit 5.769 mehr als doppelt so viele Abiturienten wie im Jahr 2006 mit 2.529.

Also: Knapp unter 6.000 statt ein Viertel - ist doch wohl ein kleiner Unterschied. Woll?






Sigurd Schneider
#1.1 — vor 2 Monaten
Danke für die Richtigstellung. Qualität wird auch bei den Journalisten immer schlechter, Sensation erscheint wichtiger.

In reply to #1 by Jürgen Binnebößel

Kommentieren