Grüner Knopf: Wofür steht das staatliche Siegel?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Agentur Tinkerbelle
Der grüne Knopf soll bei VerbraucherInnen für Durchblick sorgen

Der sogenannte »Grüne Knopf« soll fair und ökologisch produzierte Kleidung sichtbar machen. Wird das erste staatliche Siegel etwas bewirken können? 

 

Spätestens, seit 2013 die Fast-Fashion-Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch einstürzte – ein Unglück, bei dem mehrere tausend Menschen ums Leben kamen – hofft die Allgemeinheit auf soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Textil-Lieferkette. Die Realität ist allerdings eine andere. Im Jahr 2014 kündigte Entwicklungsminister Gerd Müller erstmals ein Gütesiegel für fair produzierte Kleidung an. Und auch die Gründung eines Textilbündnisses im selben Jahr sollte die Umstände verbessern. Passiert ist allerdings nicht viel, da sich die einzelnen Unternehmen dort lediglich auf freiwilliger Basis beteiligen können. Wollen sie sich einfach nicht an gewisse Standards halten, wurden sie auch nicht direkt dazu gezwungen. Noch immer arbeiten viel zu viele Frauen und Minderjährige unter unwürdigen Bedingungen und für absurd niedrige Löhne. 

»Grüner Knopf«: Bringt er die Wende?

Jetzt soll ein neues Siegel alles ändern. »Wir brauchen ein Siegel, das den Kunden beim Einkauf einfach und klar signalisiert: Hier handelt es sich um fair produzierte Kleidung«, erklärte der Bundesentwicklungsminister in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk. Und: »Ausbeuterische Kinderarbeit zur Herstellung oder Gewinnung von Ressourcen muss ausgeschlossen werden.« So soll der »Grüne Knopf« künftig auf Kleidung zu sehen sein, bei deren Herstellung soziale Standards, gerechte Löhne und humane Arbeitsbedingungen umgesetzt werden, heißt es in einer Pressemitteilung der CDU/CSU-Bundesfraktion. Darüber hinaus verspricht das Siegel Wettbewerbsvorteile gegenüber Wettbewerbern, die sich nicht an die Vorgaben halten und somit auch keinen Anspruch auf den »Grünen Knopf« haben. So weit, so gut, doch auch dieses Mal soll das Siegel freiwillig sein. Was kann es also auf dieser Basis ausrichten?

Arbeiterinnen in einer Textilproduktion in Äthiopien.

»Grüner Knopf«: Die Kritik ist groß

Der Sprecher für Entwicklungspolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Uwe Kekeritz, äußerte sich skeptisch und ist vom Erfolg des Siegels nicht überzeugt. So bemängelt er zum Beispiel dass die Verantwortung auch weiterhin allein von den VerbraucherInnen getragen werde – denn ob jemand etwas mit einem »Grünen Knopf« oder ohne kauft, bleibt natürlich jeder und jedem selbst überlassen. Zudem gebe es noch keine Richtlinien, die etwa festlegen, wie eigentlich eine Überprüfung der einzelnen Unternehmen ablaufen soll oder welche Teile der Lieferkette genau abgedeckt werden. 

Gegenüber dem Deutschlandfunk äußerte auch Uwe Wötzel, Gewerkschafter bei ver.di und Verantwortlicher für die »Kampagne für saubere Kleidung«, große Kritik: »Das Ministerium möchte damit private Firmen, Auditoren beauftragen. Und wir wissen aus den vergangenen Jahren, dass insbesondere der TÜV dort keine gute Arbeit geleistet hat. Der TÜV hatte das Rana Plaza zertifiziert, er hatte auch in Pakistan und in anderen Ländern Zertifikate ausgestellt – und hinterher stellte sich heraus, dass diese Audits wirklich wirkungslos waren und die Beschäftigten dort nicht geschützt haben.« Zudem sei es äußerst kritisch zu bewerten, dass in den Kriterien auch die Zahlung des gesetzlichen Mindestlohnes verankert sei. Dieser sei in der Regel jedoch so niedrig, dass niemand davon leben könne. 

International anerkannte Siegel: Es gibt sie bereits

Und die Präsidentin des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie, Ingeborg Neumann, sagte gegenüber dem »Redaktionsnetzwerk Deutschland«, der Grüne Knopf werde zu einer größeren Siegelunklarheit führen: »Wir haben bereits zahlreiche Qualitätssiegel, die auch international anerkannt sind. Ein zusätzliches nationales Siegel macht deshalb keinen Sinn. […] Als Dachverband sprechen wir für die übergroße Mehrheit unserer Mitglieder, die alle die Sinnhaftigkeit des sogenannten Grünen Knopfes in Frage stellen. Und das sind 25 Landes- und Branchenverbände mit 1.400 zumeist mittelständischen Unternehmen, darunter 350 deutsche Qualitätsmodemarken, also nahezu die gesamte deutsche Textilindustrie«, sagte sie. 

Sieht ganz so aus, als sei gut gemeint in diesem Fall definitiv nicht gut genug. Verbände, Unternehmen und die deutsche Textilindustrie sind sich also einig: Der »Grüne Knopf« wird es wohl kaum zu einem Siegel schaffen, das flächendeckend zu mehr Verantwortung und Gerechtigkeit anhält. Worauf wir uns allerdings aktuell verlassen können, sind die strengen unabhängigen Siegel, die es bereits gibt und die unter anderem Wert auf nachhaltige Rohstoffe, faire Produktion und giftfreie Kleidung legen. Dazu gehören das Siegel der Fair Wear Foundation und des GOTS.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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