Lebensmittel: Das steckt hinter verlässlichen Bio-Siegeln

Words by Jana Ahrens
Photography: Markus Spiske
Eine Hand, die ein Bund sehr orangener, junger Karotten mit etwas Erde daran in die Kamera hält.

Weniger als die Hälfte der Deutschen achtet beim Kauf von Lebensmitteln auf Bio-, Öko- oder Fairtrade-Siegel. Dabei stecken Industrie und Staat viel Energie und Geld in die Entwicklung entsprechender Programme. Doch die Flut an Siegeln und das Misstrauen in die Darstellung auf Lebensmittelverpackungen führen dazu, dass viele Menschen trotzdem den Eindruck haben, sich beim Einkaufen nicht richtig orientieren zu können. Deshalb haben wir uns genauer angeguckt: Welche Siegel sind wirklich verlässlich, und was können sie uns zusichern?

 

Was ist wohl die größte Herausforderung dabei, ein verlässliches und vertrauenswürdiges Öko-Siegel für die Zukunft unseres Essens zu etablieren? Ist es die Zusammenstellung der Kriterien, nach denen das Siegel vergeben wird? Das ist sicherlich schon eine komplexe Aufgabe. Doch noch viel aufwändiger ist es, hinterher die Einhaltung dieser Kriterien zu überprüfen. Deshalb lohnt es sich, hinter die Kulissen zu schauen und herauszufinden, welche Siegel-Anbieter dafür ein sinnvolles und vor allem auch transparentes System entwickelt haben.

 

Verpflichtender europäischer Mindeststandard

 

Das EU-Bio-Logo und das sechseckige Bio-Siegel

 

Das EU-Bio-Logo ist die Grundlage für Mindeststandards in Sachen Biolebensmittel in Deutschland. Denn alle Anbieter, die in Deutschland ein Produkt als ökologisches Biolebensmittel verkaufen wollen, sind seit 2012 verpflichtet, sich auf diese Standards kontrollieren zu lassen. Möchten sie diese Bezeichnung und das Logo nutzen, müssen sie zusätzlich einen Kontrollstellencode und eine allgemeine Herkunftsangabe der Zutaten auf der Produktverpackung abdrucken. Das schon seit 2001 bekannte sechseckige dürfen diese Produkte dann zusätzlich tragen.

 

Es muss allerdings dazugesagt werden, dass die Prüfung auf die von der EU vorgegebenen Standards zwar sehr verlässlich ist, diese Standards jedoch – verglichen mit den Anforderungen der einzelnen Anbauverbände – nicht besonders hoch sind. Die tatsächlichen Mindeststandards aus den EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau herauszulesen, ist gar nicht so einfach. Es handelt sich nämlich vor allem um allgemeine Zielsetzungen und weniger um klare Handlungsanweisungen. Was die einzelnen LandwirtInnen dann daraus machen, hängt von den jeweiligen Umständen und weiteren Siegel-Anbietern ab. 

 

Energie und natürliche Ressourcen wie Wasser, Boden, organische Substanzen und Luft müssen verantwortungsvoll genutzt werden.

Genetisch veränderte Organismen und daraus hergestellte Produkte dürfen im Öko-Landbau und in der Verarbeitung von Bio-Lebensmitteln nicht verwendet werden.

Die Verwendung ionisierender Strahlung zur Behandlung ökologischer/biologischer Lebens- oder Futtermittel oder der in ökologischen/biologischen Lebens- oder Futtermitteln verwendeten Ausgangsstoffe ist verboten.

Stammt das Produkt zu mindestens 95 % aus Bio-Produktion, darf die Bezeichnung „biologisch“ bzw. „ökologisch“ geführt werden.

Auch die Futtermittel für tierische Erzeugnisse müssen zu 95 % aus Bio-Produktion stammen.

Sind 5 % des Produkts oder der Futtermittel nicht aus Bio-Produktion, dann unterliegen sie strengen Ausnahmeregelungen. Nur wenn diese erfüllt sind, wird das Produkt oder Futtermittel als Bio-Produkt anerkannt.

BioBio und EdekaBio richten sich übrigens ebenfalls nach diesen Standards, halten also die europaweiten Mindeststandards sein.

 

Bio-Siegel von deutschen Erzeugerverbänden

 

Bioland Ökologischer Landbau

Hoher Ökostandard

Einfacher zu durchschauen – weil sehr viel konkreter ausformuliert – sind die Richtlinien des Bioland-Siegels. Für diese werden zwar die oben genannten EU-Richtlinien zugrundegelet, es werden daraus allerding sehr viel genauere Handlungsanweisungen abgeleitet, die einen ganzen Katalog von Vorgaben ergeben.

 

Ein Beispiel: Beim Pflanzenanbau müssen sich Betriebe dazu verpflichten, eine bestimmte Fruchtfolge einzuhalten. Das heißt, dass landwirtschaftliche Flächen nicht Jahr für Jahr mit denselben Monokulturen bewirtschaften werden dürfen. Vielmehr müssen im Jahreswechsel verschiedene Pflanzen angebaut werden, was dazu führt, dass der Boden seine Fruchtbarkeit behält, die Pflanzen gesund bleiben und zugleich vielfältige Futtermittel vom eigenen Hof für die hofeigenen Tiere zur Verfügung stehen. Dementsprechend unterliegen betriebsfremde Dünger und Futtermittel auch einer strengen Ausnahmeregelung. Möglichst viel sollte kontrollierbar vom eigenen Hof stammen.

 

Neuland Fleisch

Hoher Standard für artgerechte, umweltschonende Haltung

Eines der bekanntesten Siegel für deutsches Fleisch ist das Neuland-Siegel. Dabei muss allerdings einschränkend gesagt werden, dass das Neuland-Siegel in dem Sinne kein Bio-Siegel ist, weil die Tiere kein Bio-Futter erhalten. Neuland steht für besonders tiergerechte Haltung, in die aber natürlich auch eine umweltschonende Haltung mit hineinspielt. Das Neuland-Siegel hat, ähnlich wie das Bioland-Siegel, einen sehr hohen Standard, der mit konkreten, für die Verbraucher nachvollziehbaren Richtlinien belegt ist.

Die Tiere müssen auf Stroh und ohne Fixierung gehalten werden.

Die Tiere müssen Auslauf ins Freie haben oder aus Weidehaltung stammen.

Bei Stallhaltung müssen die Tiere Tageslicht haben.

Die Tiere müssen ausschließlich mit regionalen Futtermitteln versorgt werden.

Gentechnisch veränderte Futtermittel sind verboten.

Tiere dürfen nicht vorbeugend mit Antibiotika versorgt werden.

Die Tiere müssen aus Betrieben stammen, die eine bestimmte Anzahl von Vieh und eine Obergrenze von Flächenbesitz nicht überschreiten (bäuerliche Landwirtschaft statt industrielle Landwirtschaft).

Bio-Siegel mit derzeit zweifelhaftem Ruf

 

MSC Fisch

 

Das MSC-Siegel ist häufig auf Supermarkt-Produkten mit oder aus Fisch zu finden. Dieses Siegel ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. „MSC“ steht für „Marine Stewardship Council“, was sich ungefähr mit „Rat der Meeresverantwortlichen“ übersetzen lässt. Die gemeinnützige Organisation wurde 1997 vom Großkonzern Unilever gemeinsam mit WWF ins Leben gerufen. Neben Transparenz in der Fischerei hat sich der MSC das Verhindern der Überfischung der Meere auf die Fahnen geschrieben. Doch genau die Umsetzung dieser zwei Aspekte steht immer wieder in der Kritik. Verschiedene Institutionen – wie das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, oder die David Suzuki Foundation – haben festgestellt, dass MSC-Fische aus überfischten Regionen stammten und beim Fang der Fische gefährdete Arten mitgefangen wurden. Auch Greenpeace betont schon seit der Gründung des MSC, dass dessen Zertifizierungsstandards zu niedrig seien. Auch der BUND empfiehlt, lieber weniger Seefisch zu essen, als MSC zertifizierte Fischprodukte zu kaufen.

 

 

Öko-Test-Siegel

Über das in Deutschland so beliebte Öko-Test-Siegel, sagt der BUND: Vorsicht ist geboten. Woran liegt das? Obwohl das Siegel und die dazugehörige Zeitschrift sich seit 1985 einen sehr guten Ruf aufgebaut haben, geriet das Verbrauchermagazin in den letzten Jahren in die Kritik. Eine gescheiterte China-Expansion, anschließende finanzielle Ungereimtheiten, steigende Zertifizierungspreise und Untersuchungen dazu, dass über Jahre hinweg Auflagenzahlen gefälscht worden seien, machen dem Siegel und der Zeitschrift gerade zu schaffen. All diese Aspekte haben natürlich keinen direkten Einfluss darauf, wie individuelle Produkttests ablaufen. Deshalb heißt es in diesem Fall vielleicht einfach: Abwarten, vorsichtig sein und die weitere Entwicklung beobachten.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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