Fashion Week Berlin: Der Trend zum Trotz

Words by Jana Ahrens
Photography: Mercedes Benz Fashion Week
Lesezeit: 2 Minuten
Der Designer Kilian Kerner steht auf dem Laufsteg zwischen applaudierenden Models und lächelt

Was Mode kann und was auch wiederum nicht: Das ist ein wichtiges Thema, das auf der Fashion Week in Berlin noch stärker verhandelt wird als auf den großen Shows in anderen Metropolen. Der Vergleich zwischen dem Spektakel im Juli 2018 und dem im Januar 2019 zeigt das besonders deutlich.

 

Da entsteht eine neue Kraft in Berlin. Und sie ist lauter, entschiedener, es ließe sich fast sagen, sie ist mutiger als zuvor. Nein, damit zieht die Mode in Berlin nicht gleichauf mit den Fashion Weeks in Paris oder New York. Dafür fehlt einfach noch eine Portion Selbstbewusstsein und eine Menge Unterstützung von außen. Aber da passiert etwas. Das zeigt sich in einem Trend, der nicht neu ist und sich trotzdem noch einmal deutlich in den Kollektionen für den Winter 2019 abbildet. 

 

It’s not the song, it is the singing.

Andrew Hozier-Byrne

 

Es ist eine Art politischer Aktivismus. Der hatte es in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder auf den Laufsteg geschafft. Schon bevor die Idee von politischem Engagement zu einem Must-have-Lifestyle-Aspekt auf Instagram wurde, ließen bekannte Designer*innen wie Vivienne Westwood, Hussein Chalayan oder Viktor & Rolf Models in Statement-Shirts, provokant politischem Styling oder konzeptuellem Protest auftreten. Es scheint also naheliegend, dass auch die in Berlin präsentierenden Designer*innen auf die zunehmend bedrohlich wirkende politische Weltlage reagieren. Doch die Entwicklung der letzten Saison zeigt: Das Ganze geht tiefer.

 

It’s not the waking, it’s the rising.

Andrew Hozier-Byrne

 

Während die Entwürfe für den Sommer 2019 im Juni des letzten Jahres noch auf besonders deutlich ausformulierte Lebensfreude setzten – nach dem Motto: wir lassen uns nicht ein auf’s Böse – war diese Saison Schluss mit lustig. Bei der Präsentation der Kollektionen wurden prächtige Farben und glücklich herumtollende Models von einer Art gestaltetem Trotz, manchmal sogar von stilistischer Wut abgelöst. Das passiert einerseits in direkten Ansagen. Wie in den Statement-Shirts in der KXXK-Show von Kilian Kerner und der Musik zur Show von Rebekka Ruétz

 

»Cause power is my love and my righteous to me.

Andrew Hozier-Byrne

 

 

 

Andererseits zeigten die Entwürfe auf der grandiosen Graduierten-Show Neo.Fashion 2019 mehrheitlich eines: Die Zeit der visuellen Erklärungen ist vorbei. Fragen der Selbstermächtigung, der Genderfluidität oder der Sehnsucht nach Vielfalt werden als Selbstverständlichkeit präsentiert.

Es wird nicht vorsichtig der Fuß in die Idee einer Neuausrichtung gesteckt. Nein, es wird gemacht. Die Musik und die Performance zu den Kollektionen von Åsa Cannerheim-Petrin und Tatjana Brumund auf der Neo.Fashion, aber auch die von Amesh Wijesekera und Richert Beil auf der Mercedes Benz Fashion Week, waren druckvoll, kraftvoll und kompromisslos. Das Styling war selbst bei einer Designerin wie Lena Hoschek – deren gestalterischen Wurzeln deutlich in der Trachtenmode liegen – so androgyn, wie es taillenbetonte Looks nur irgendwie hergeben können. Die Frisuren zeigen: Vom Afro über den Vokuhila bis hin zur Glatze bei Frauen ist für alles Platz. Und welches biologische Geschlecht sich hinter geschminkten Gesichtern, kompliziert zu tragenden Schuhen oder langen Haarmähnen verbirgt, interessiert eigentlich eh niemanden mehr. 

 

And I could cry power.

Andrew Hozier-Byrne

Dass die Modebranche weiterhin mit einer ordentlichen Portion Sexismus, verkrusteten Vertriebsstrukturen, Schlankheitswahn und einem Nachhaltigkeitsproblem zu kämpfen hat, steht dabei natürlich außer Frage. Eine Industrie, die vordergründig zwar ultra-modern ist, in den Strukturen aber traditionell rückwärtsgewandt agiert, wandelt sich nicht so fix wie die vielen Fashion- und Beauty-Influencer in ihrer #10YearsChallenge

 

 

 

Trotz allem haben jungen Talente wie und etablierte Player im Januar 2019 Hoffnung gemacht darauf, dass die Mode ein wichtiger Spiegel der Gesellschaft bleibt. Dass sie einerseits etwas zu sagen hat, das sich lohnt angehört zu werden. Andererseits, dass sie nicht nur dazu aufruft, Statements zu setzen, sondern selber aufsteht und macht. Ein bisschen wie im aktuellen Track von Hozier, in dem es heißt: It’s not the waking, it’s the rising. Es geht nicht (nur) ums Aufwachen, es geht (vor allem) ums Aufstehen. Vielleicht klappt’s mit dem Aufstehen in Berlin ja auch langsam. 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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