, Yooneeque macht individuelle Sportswear aus deinen Daten

13.09.2018
Words by Jana Ahrens
Gruenderin Anna Franziska Michel in yooneeque Design

Die Möglichkeit, einem Design von der Stange eine ganz persönliche Note zu verleihen – oft Individualisierung genannt – ist in den letzten Jahren von einem Trend zu einem eigenen Fashion-Segment geworden. Das Berliner Label yooneeque treibt diese Art der Kollaboration zwischen Kunden und Designern mit Hilfe von künstlicher Intelligenz weiter voran.

Statt einfach nur Schriftzüge aufzusticken oder schlicht die Farbe auszutauschen, entstehen die All-Over-Prints und platzierten Drucke von yooneeque beispielsweise dadurch, dass persönliche Daten, z.B. Trainigsdaten wie Puls oder Schrittzahl, in ein individuelles Design umgewandelt werden. Wir haben die Gründerin Anna Franziska Michel dazu befragt, wie die Idee zu yooneeque entstanden ist und wie aus Daten farbenfrohe Muster werden.

Yooneeque-Kollektion-Digital-Eatery
Bildquelle: yooneeque

Du hast Sportwissenschaft und Modedesign studiert. Wie ist daraus dein Modelabel yooneeque geworden?

Ich wollte immer etwas verändern in der Mode. Als ich mit einem Bekannten unterwegs war, der das Quantified-Self-Movement in Madrid gegründet hat, hat er automatisiert alle 40 Sekunden ein Bild von mir gemacht und all diese Bilder gesammelt. Mein erster Impuls war: Oh cool, das Material kann man für Textilprints nutzen. Er hat mir dann auf seinem Computer noch viel mehr Daten gezeigt, die er sammelt. Er macht das bewusst, aber wir alle sammeln ja heute in der einen oder anderen Form Daten. Da dachte ich: Ok, wenn wir alle heute aus einer Daten-Matrix bestehen, dann kann man auch Mode umdenken. Indem man diese Daten mit einbezieht in den Design-Prozess. Das war der Grundstein für yooneeque.

Das ist eine Unterstützung, und nicht etwas, das mir den Job nimmt.

Hast du da auch gleich die Individualisierung mitgedacht?

Ja klar, diese Datensammlungen sind wie ein Fingerabdruck. Mode lässt sich damit viel individueller gestalten als bisher.

Wie stehst du zu der Sorge, dass Modedesignerinnen durch künstliche Intelligenz ersetzt werden könnten?

Ich glaube nicht daran. Ich arbeite gemeinsam mit einer Programmiererin an unserer Software. Ich bin dabei diejenige, die entscheidet, in welche Richtung es gehen soll. Die Software lernt durch meinen Stil. Also braucht es, neben der Programmiererin, auch die Designerin. Ich hatte nach dem Studium direkt ein erstes Label, für das ich Gemaltes von meinen Kindern als Textilprint umgesetzt habe. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass es in der Wertschöpfungskette so viele Schritte gibt, dass man sie gar nicht alle selber machen kann. Da freu ich mich doch über ein Tool, das meinen Stil lernt und meine Prints für mich druckbereit macht. Das ist eine Unterstützung, und nicht etwas, das mir den Job nimmt.

Yooneeque-Kollektion-Digital-Eatery
Bildquelle: yooneeque

Wie schwer ist es denn, so eine künstliche Intelligenz zu trainieren?

Das ist nicht einfach. Der Daten-Output muss erst einmal sortiert werden, und dann läuft es nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Sieht es jetzt gut aus, was hier rauskommt? Man kann das Ergebnis nur bedingt beeinflussen. Oft bekommen wir ein Ergebnis und denken gemeinsam: Nee, das ist nicht gut. Noch einmal von vorne. Dann verändern wir die Parameter, geben alles neu ein und wiederholen den Prozess. Die Einschätzung im Vorhinein ist noch recht schwierig.

Ihr habt bei null angefangen?

Absolut. Ich hatte die Idee und dachte anfangs auch, ich lerne selber programmieren. Ich habe mir ein Programmierlernbuch gekauft. Aber das Ergebnis aus der Beschäftigung damit war ein Skizzenbuch mit Ideen. (Lacht) Das Fazit war, dass ich alle im Informatikbereich an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) angeschrieben und gefragt habe, ob jemand mit mir dieses Ding programmieren kann. Professor Dr. Claßen von der Wirtschaftsinformatik hat sich dafür interessiert. Er ist auf Business Intelligence spezialisiert und hat mit uns im Master-Programm eine Forschungsgruppe gegründet, die er seit März 2017 leitet. Die beiden Programmiererinnen, die jetzt Teil unseres Teams sind, kommen aus dieser Gruppe. Kommendes Semester folgt die nächste Forschungsgruppe. Sie entwickelt die Idee so weiter, dass Prints mithilfe der künstlichen Intelligenz direkt virtuell in den Schnitt eingepasst werden können. Dadurch haben wir viel weniger Stoffreste und wir können die Schnitte lasern lassen, statt sie auszuschneiden.

Wie und wo können Kunden euren Service nutzen und eure Designs kaufen?

Wir haben unsere eigene Kollektion entwickelt. Die basiert auf unseren persönlichen Daten und ist für alle verfügbar, ohne dass wir irgendwelche Daten brauchen. Aber wir bauen auch einen Konfigurator für unsere Webseite. Da kann man dann die Daten zu einzelnen Parametern hochladen und sich aussuchen, auf welchem Kleidungsstück die wie dargestellt werden sollen. Wir kombinieren dann alles. Für diesen Service arbeiten wir sehr eng mit Prof. Dr. Claßen zusammen. Er ist, neben Johanna Michel aus dem Modedesign, unser Mentor beim Start-up-Stipendium.

Bis der Konfigurator steht, kann man uns eine E-Mail schreiben, und dann können wir Daten in ein Design aus Linien umsetzen. Dieses Linien-Design setzen wir gerade beispielsweise für ein Volleyball-Team und für ein Rad-Team ein. Wir begleiten diese Teams eine Woche lang und machen mit ihnen Leistungstests. Die Trainingsdaten, die in dieser Woche anfallen, setzen wir dann als Linien-Design zusammen. Da lässt sich schön nachvollziehen, welche Linien zu welchen Daten gehören, weil wir die Linien beschriften können. Das ist einfacher nachzuvollziehen als die komplexeren Prints aus unserer Fashionweek-Kollektion.

Yooneeque-Kollektion-Digital-Eatery
Bildquelle: yooneeque

Aber individuelle Radbekleidung, das ist eine echte Herausforderung.

Stimmt, Prints wie das Sporty Lava sind schon erheblich komplexer.

Ja, das ist richtig schön geworden. Aber da müssen wir auch noch viel nacharbeiten. Das geht vielen so, die mit KI arbeiten. Deshalb haben wir uns bei der Kollaboration mit dem Radsportprofi André Greipel auch für das Linien-Design entschieden. Wir haben seine Tour-de-France-Daten für ihn auf einem Trikot umgesetzt. Aber für mich als Designerin muss es im Muster noch einen Schritt weitergehen.

Wie reagieren die Menschen aus der Sport-Welt auf das Konzept?

Sehr gut. Da arbeiten wir gerade nicht nur an den Prints, sondern auch an den Schnitten. Volleyball-Trikots sind noch relativ gut selber zu entwickeln. Aber individuelle Radbekleidung, das ist eine echte Herausforderung. Da werden verschiedene Stoffe so kombiniert, dass sie gut vor Wind schützen und das Trikot trotzdem atmungsaktiv ist. Individuelle Trikots liegen deshalb bei anderen Anbietern im Preisbereich ab 300 Euro. Bei anderen Produzenten muss man mindestens 10 Trikots für eine Bestellung zusammenhaben. Dafür versuchen wir dann, ab und an einen kleinen Instagram-Push zu machen.

Yooneeque-Kollektion-Digital-Eatery
Bildquelle: yooneeque

Lass uns noch mal über Quantified-Self reden. Siehst du das Sammeln von persönlichen Daten auch kritisch?

Die Leute, die ich beim Quantified-Self-Movement kennengelernt habe, die sammeln ihre Daten ihrer Gesundheit zuliebe. Oft geht es um Themen wie Diabetes. Diese Menschen müssen sich sowieso ganz genau überwachen. Für sie ist das Quantified-Self-Movement wie eine Selbsthilfegruppe, die sich trifft, um rauszufinden: Wie kann ich meine Daten verbessern, damit ich gesünder lebe? Das finde ich vollkommen unkritisch. Aber natürlich bin ich nicht dafür, dass man jegliche Daten sammelt, aufzeichnet und teilt.

Wie geht ihr mit dem Thema Datenschutz um?

Wir haben einen professionellen Datenschutzberater beauftragt. Wir werden da sehr gründlich betreut. Unser Fokus liegt darauf, aus Daten etwas Schönes zu machen. Wir alle produzieren ja sowieso diese ganzen Daten. Statt dass man Werbung ausgespielt bekommt, bekommt man bei uns, auf Wunsch und mit viel Entscheidungsfreiheit, ein Kleidungsstück ausgespielt. So wird auch eine direkte Zusammenarbeit mit den Designern möglich. Es ist nicht so, dass die Designer sagen: So hier, diesen Sommer tragen wir alle Blumenprints. Sondern der Input kommt bei uns von den Kunden direkt.

Wir wurden am Anfang nicht ernst genommen.

Yooneeque-Kollektion-Digital-Eatery
Bildquelle: yooneeque

Ihr arbeitet mit Wirtschaftsinformatikern, Datenschützern und Modedesignern und habt euch über die Uni vernetzt. Diese Idee der interdisziplinären Projekte an Universitäten, nach denen heute immer mehr verlangt wird, ist dann ja bei euch total aufgegangen, oder?

Ja, aber es war schwierig. Es ist primär eine Willensfrage. Wir wurden am Anfang nicht ernst genommen. Ich habe einfach alle, die etwas mit Informatik zu tun haben, angeschrieben. Erst hat mir niemand geantwortet. Dann nur so: “Hä? Modedesign? Erklär das noch mal. Neee.” Prof. Dr. Claßen war wirklich der Einzige, der auf mich zugekommen ist.

Wurde es dann leichter?

Wir werden jetzt parallel den Konfigurator anbieten, mit dem wir Designs entwerfen können, die auf den Daten unserer Kunden basieren, über den Onlineshop aber auch die Kollektion mit unseren Daten verkaufen. Dazu kommt ein Pop-up-Store in der Auguststraße in Berlin, der im Oktober eröffnet wird. Seit Mitte August haben wir auch eine neue Kollegin im Marketing. Sie wird das umsetzen und uns helfen, für 2019 einen Business Angel zu finden.

Lass uns noch mal ein bisschen über das Design reden. Ihr habt jetzt pro yooneeque-Teammitglied einen Print, richtig?

Ja, genau. Ich habe meine Daten vom Joggen genutzt, eine Kollegin ihre Yogadaten und so weiter. Und die Suse, die macht Yoga. Wir haben dann ganz viele Design-Tests gemacht und auch viel wieder verworfen. Ich habe dann vorausgewählt, was generell funktionieren könnte, und die Kollegen haben zusätzlich mitentschieden, was ihnen persönlich gefällt. Da blieben am Ende trotzdem noch 20 Prints pro Person übrig. Am Ende hing es dann vom Schnitt und der Materialauswahl ab. Wir haben einen tollen Materialsponsor. Ulrich von Glahn von der Thermocolor Vertriebs GmbH aus Westerstede unterstützt uns ähnlich stark wie Prof. Dr. Claßen und Johanna Michel.

Yooneeque-Kollektion-Digital-Eatery
Bildquelle: yooneeque

Mit welcher Print-Technik arbeitet ihr?

Zurzeit arbeiten wir mit digitalem Print. Aber wir werden Ende des Jahres auf Sublimationsprint umstellen. Dabei wird der Farbstoff über eine Papierschablone auf den Stoff aufgedampft. Das können wir super mit dem direkten Einpassen der Prints in den Schnitt kombinieren, um den Stoff danach zu lasern. Das verkürzt die Wertschöpfungskette noch einmal enorm.

Wo kann man eure Entwürfe denn als Nächstes bewundern?

Im Oktober in unserem Pop-up-Shop in der Auguststraße in Berlin und im Januar dann auf der Graduiertenshow von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Wer darüber auf dem Laufenden gehalten werden möchte, abonniert am besten gleich unseren Newsletter.

Vielen Dank, Franziska, für diesen tollen Einblick in eure Arbeit.

share:
FacebookPinterest
Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

kommentieren