Wear It Festival 2018: Die Fashion-Tech-Revolution beginnt jetzt

21.06.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro

Wie sieht eigentlich die Zukunft im Bereich Fashion-Tech aus? Und auf welche Wearables sollten wir künftig setzen? Auf dem Wear It Festival 2018 ging es um Innovationen, Optimierungen und einen Weg, den uns die voranschreitende Digitalisierung schon seit Jahren weist. Wir haben einen Blick auf das gewagt, was uns erwartet…

Wear It Festival 2018
Bildquelle: Monda

Wer auf dem Wear It Festival in Berlin Nerds im klassischen Sinne erwartet, dürfte mächtig überrascht sein. Junge Kreative treffen hier auf gestandene Design-Experten, und inspirierende Entrepreneure auf technikbegeisterte Stakeholder. So unterschiedlich viele der Speaker und Teilnehmer auf den ersten Blick zu sein scheinen, sie verbindet doch ein ganz wichtiger Aspekt: Jeder und jede einzelne von ihnen steht für den Fortschritt – am liebsten hier und jetzt und ohne große Umwege. Am Dienstag und Mittwoch ging es bei den Ausstellern sowie in den Workshops und Vorträgen vor allem um kreative Technik, die unser Leben erleichtert, und Mode, die ganz dringend smarter, aber auch nachhaltiger werden muss. Fashion-Tech-Expertin Muchaneta Kapfunde wies in ihrer Präsentation darauf hin, dass bereits Milch, Ananas, Pilze, Orangenschale und Kuhmist zum Einsatz kommen, um nachhaltige Stoffe herzustellen und diese weiter zu verarbeiten Werden wir an einen Punkt kommen, an dem wir Leder oder andere Textilien nur noch im Labor herstellen und keine Tiere mehr dafür töten? Laut Muchaneta Kapfunde ist das einer der nächsten logischen Schritte. Sie machte außerdem darauf aufmerksam, dass Wearables künftig noch kundenfreundlicher werden müssen, indem sie unsichtbarer gemacht werden. Ein gutes Beispiel ist “Ringly”. Das Schmucklabel stellt hübsche und bezahlbare Armbänder und Ringe her, in denen eine Menge Technik steckt: ein integrierter Fitness-Tracker, ein Meditationsmodus und eine Vibrationsfunktion, die ankommende Anrufe und Nachrichten signalisiert.

Muchaneta Kapfunde
Muchaneta Kapfunde bei einem ihrer Vorträge / Bildquelle: Monda

Generell war auf dem Wear It Festival besonders auffällig, dass die Veranstaltung auch unter dem Motto “The Future is female” hätte stehen können. Die weiblichen Speaker brachten einige spannende Themen mit, und zwar erfrischenderweise nicht nur im Bereich Mode, sondern auch, wenn es um Technologie allgemein oder spezieller um Roboter- oder Nanotechnologie ging. Von Nicole Cifani wurde eine Smartwatch vorgestellt, die sich ohne Strom und allein durch Körperwärme auflädt. Veronika Härdl zeigte einen Mantel, der seinen Träger (ja, leider gibt es ihn bisher nur für Männer) selbstregulierend wärmt. Und dann spielten auch Ideen eine Rolle, die uns Menschen optimieren sollen.

Moon Ribas erzählte von ihrem Leben als Cyborg
Moon Ribas erzählte von ihrem Leben als Cyborg / Bildquelle: Monda

Moon Ribas: Selbstoptimierung hat einen Namen

So kam einer der beeindruckendsten und einprägsamsten Vorträge für uns ganz klar von Moon Ribas. Sie trägt die Technologie nicht am, sondern im Körper. Die katalanische Künstlerin, die sich kontinuierlich selbst optimiert und inzwischen sogar über einen weiteren Sinn verfügt, ließ sich Online-Sensoren in die Füße implantieren, die die seismischen Bewegungen der Erde aufzeichnen. Sobald es irgendwo auf der Welt ein Erdbeben gibt, spürt Ribas dieses in Form von Echtzeit-Vibrationen. Das Implantat, das sich vor ihrem Sprunggelenk befindet, macht es ihr auch möglich, Bewegungen auf dem Mond wahrzunehmen. Um ihren Gedanken zur Selbstoptimierung mehr Raum und Gehör zu verschaffen, gründete sie 2010 gemeinsam mit Neil Harbisson, der eine implantierte Antenne in seinem Kopf trägt, die sogenannte Cyborg Foundation. Die Organisation hilft Menschen dabei, ebenfalls zu Cyborgs zu werden, deren Rechte durchzusetzen und neuerschaffenen Körperteilen und Sinnen zu größerer Akzeptanz zu verhelfen. Auf dem Festival berichtete sie auch über ihr Zahnimplantat, das es ihr ermöglicht, durch Klopfbewegungen mit Neil zu kommunizieren. “Es wird Zeit, uns selbst zu optimieren”, erklärt sie.

Auch wenn die Ideen und Vorstellungen von Moon Ribas vielleicht erst einmal befremdlich klingen und wir selbst derzeit lieber keine Implantate in unserem Körper haben möchten, scheint das Interesse daran zuzunehmen und sich zu einem richtigen Trend zu entwickeln. Der Blick in Richtung Cyborg Foundation, Moon Ribas und aller anderen bisher existierenden Cyborgs dürfte auch in Zukunft sehr spannend bleiben.

Wer diesen Mantel trägt, wird von öffentlichen Überwachungskameras nicht gesehen…
Wer diesen Mantel trägt, wird von öffentlichen Überwachungskameras nicht gesehen… / Bildquelle: Monda

Wear It: Die 3-D-Technologie verändert die Modeindustrie

Ob in den Bereichen Wissenschaft, Technik, Mode oder Architektur ¬– auf dem Wear It Festival spielten vor allem 3-D-Drucke eine wesentliche Rolle. Die Technologie wird von Forschern und etablierten Designern immer häufiger verwendet, um Prototypen, aber auch nützliche Gegenstände und eben auch Kleidung zu produzieren. In vielen Gesprächen wurde allerdings klar, dass wir derzeit von der Produktion für eine große Masse weit entfernt sind. Noch immer sind die Drucker zu langsam und zu kostenintensiv. Doch auch das werde sich laut Experten wie Muchaneta Kapfunde und der Designerin Julia Körner, die ebenfalls einen Vortrag über ihre Arbeit hielt und durch ihre einzigartige Arbeit in dem Hollywoodfilm “Black Panther” große Anerkennung erlangte, ändern. Wann, das sei eine andere Frage. Doch vor allem, wenn es um die Produktion von Schuhen geht, dürfte die Industrie schon bald vermehrt auf die 3-D-Drucktechnik zurückgreifen. Vorreiter auf diesem Gebiet ist ganz klar adidas: Der “Futurecraft 4D”-Sneaker, der über eine aus Licht und Sauerstoff gefertigte Zwischensohle verfügt, ist ein erstes Beispiel für diese völlig neue Produktionsweise und inspiriert – wie sich auf der Messe herausstellte – immer mehr Designer und junge Startups dazu, einen ähnlichen Weg zu gehen.

Der Mantel der Marke Strellson hält seinen Träger warm
Der Mantel der Marke Strellson hält seinen Träger warm / Bildquelle: Monda

Die Themen Nachhaltigkeit, integrierte Technologien, Selbstoptimierung und 3-D-Druck standen auf dem Wear It 2018 im Vordergrund und werden ganz sicher auch darüber hinaus unsere Zukunft maßgeblich steuern und beeinflussen. Wir freuen uns schon auf nächstes Jahr und sind gespannt darauf, von welchen spannenden Innovationen wir uns auf dem Wear It Festival 2019 überraschen lassen dürfen.

Das Beitragsbild ist von Michael Wittig

share:
FacebookPinterest
Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

kommentieren