Recap Berliner Fashion Week Frühjahr/Sommer 2019

10.07.2018
Words by Jana Ahrens
Lena Hoschek - Show - Berlin Fashion Week Spring/Summer 2019

Lebensfreude, Lust am Bunten und grenzenloser Optimismus: Das scheint die Fashion Week in Berlin diesen Sommer auszustrahlen. Aber ist das Bemühen um blühende Landschaften und überbordende Möglichkeiten glaubwürdig? Eine Analyse.

Dass sich das Paradigma klar abgrenzbarer Trends in der Mode inzwischen in der Auflösung befindet – dass also alle Ideen und Geschmäcker nebeneinander existieren – das ist für Modeinteressierte keine Neuigkeit. Doch wie geht die Modebranche intern damit um, dass die Grenzen immer mehr verschwimmen? Wie reagiert sie darauf, dass Aktivismus zum Lifestyle wird und in einer der ältesten kapitalistischen Branchen immer stärker Einzug hält? Wie schafft sie es, den immer weiter an Kontur verlierenden Begriff der Authentizität wiederzubeleben, wenn er für das Verkaufen von Mode doch so wichtig geworden ist?

Fashion-Week-Berlin-Backstage
Bildquelle: amazonaws

Mode verkauft sich über große Emotionen. Doch viele, die dieses Jahr die acht verschiedenen Berliner Messen besuchten, berichteten davon, dass die neuen Kollektionen bei ihnen primär ein Gefühl von Überforderung ausgelöst hätten. Verwirrung statt Begeisterung – woran liegt das? Das Motto der Marken auf den Messen schien zu sein: von allem nicht nur etwas, sondern gleich ganz viel. Spitzenbesätze, alle Farben des Regenbogens, Printmuster und Materialmix, nicht nur in einer Kollektion untergebracht, sondern möglichst auch gleich in einem Teil. Auch die Inszenierung der Kollektionen schien sich mehr auf Bombast als auf Treffsicherheit zu verlassen. Das Auge hatte kaum eine Chance, an einem einzelnen Entwurf oder einer besonderen Marke hängen zu bleiben. Dafür war auf den Ständen und in den Kollektionen einfach viel zu viel los.

Fashion Week Berlin
Bildquelle: Premium Group

Es scheint fast so, als würde sich die ganze Modewelt mit viel Tamtam und bunten Farben von der so gar nicht schillernden Realität ablenken wollen. Sinkende Besucherzahlen auf den Messen, sinkende Verkaufszahlen auf den Flächen und eine weltpolitische Lage, die nicht nur generell das Gruseln lehrt, sondern sich für einen so global aufgestellten Markt wie die Modebranche auch noch alles andere als optimal entwickelt. Brexit, Wirtschaftsembargos und Rechtsruck – all das soll offenbar mit bunten Farben und fröhlichen Mustern weggelacht werden. An sich keine doofe Idee. Aber im Kontext der Modebranche wirkt das eher zynisch und kurzsichtig denn optimistisch.

Vermutlich liegt der Modemarkt gar nicht so falsch, wenn er meint, in einem auf Lebensfreude ausgerichteten Angebot die Bedürfnisse der Käufer vorauszusehen. Doch Lebensfreude lässt sich eben nicht fix von einer Saison zur nächsten in ein marktfähiges Angebot integrieren.

I'Vr Isabel Vollrath - Show - Berlin Fashion Week Spring/Summer 2019
Isabell Vollrath (R) bei ihrer I’Vr Isabel Vollrath Show während der Berlin Fashion Week Spring/Summer 2019 im Ewerk / Bildquelle: John Phillips/Getty Images for MBFW)

Wenn uns jetzt nach Juhu-Gefühl und visueller Vielfalt ist, dann wenden wir uns Labels und Designern zu, die sich in diesem Kontext längst einen Namen gemacht haben. Weil sie in ihrer Arbeit mit Farben, Texturen und optimistischen Looks Erfahrung haben, sich darin zeigen und nicht dahinter verstecken. Wir schauen uns beispielsweise die Kollektionen von Lena Hoschek oder IVR’ Isabel Vollrath an, die ihre Entwürfe schon seit Jahren auf Basis handwerklichen Könnens und ausgiebiger Recherchen bildreich gestalten. Oder wir suchen das Gute dieser Welt in den divers orientierten und nachhaltig produzierten Entwürfen von GmbH, die diese Haltungen aus einem ganz klaren Selbstverständnis heraus schöpfen und nicht als Marketing-Werkzeug benutzen.

So oder so: Die Authentizität, die mit der im Mainstream angekommenen Idee von Vielfalt abgebildet werden soll, lässt sich nicht saisonal durch die Überlagerung aller Farben in einer Kollektion erzeugen. Feminismus bildet sich nicht platt in femininen Looks ab, und für Diversität braucht es mehr als ein, zwei schwarze Models. Vielen Labels gelingt es einfach nicht mehr, ihre Käufer*innen da abzuholen, wo sie bereits stehen. Das Fazit der Fashion Week in Berlin könnte deshalb lauten: Den meisten gestandenen Labels im Mittelsegment steht die Herausforderung einer Besinnung auf ihr Kerngeschäft bevor. Dabei können sie sich bei den jungen, aufstrebenden Designern aus Berlin und bei der internationalen Avantgarde noch einiges abschauen.

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Das Beitragsbild ist von John Phillips/Getty Images für Lena Hoschek

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Jana Ahrens

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Bis 2013 hat sie als Modedesignerin gearbeitet. Seitdem widmet sie sich dem Schreiben. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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