Lina Wassong: Eine Kreativtechnologin auf großer Mission

27.08.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Wear It 2018: Lina Wassong im Interview mit Monda

In Berlin lebt und arbeitet Lina Wassong als Ingenieurin, Designerin und Autorin. Das Besondere an ihrer Arbeit ist, dass sie Elektronik mit Mode verbindet und uns damit schon heute einen Einblick in die Zukunft gewährt.

Lina Wassong gehört zu den Menschen, die ganz schnell in der Lage sind, ihr Umfeld zu beeindrucken – jedoch ohne, dass sie eine solche Bewunderung für ihre Person bewusst hervorrufen wollte. Denn sie ist, wie sie ist und tut einfach das, was ihr Spaß macht.

Ich habe unzähligen Frauen das Löten beigebracht.

Lina Wassong: Sie lötet Schmuckstücke

Als wir Lina auf dem Wear It Berlin begegnen, leitet sie gerade einen Workshop, bei dem Schmuck hergestellt wird. Doch wer sie kennt weiß, dass sie keine Perlen auf Gummibänder fädelt. Für die Schmuckstücke werden LEDs aufgelötet und anschließend mit der Elektronik zu einem Armband, einem Ohrring oder einer Kette verbaut. Sie vermittelt ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen gewissen technischen Hintergrund. Sie selbst hat Bekleidungstechnik studiert und sich seitdem auch sehr viel selbst beigebracht. Wie sie uns erzählt, war das allerdings nicht ihre Idee: “Meine Mutter hatte es mir damals vorgeschlagen. Da mich der technische Hintergrund interessiert hat, habe ich mich dazu entschlossen, das Studium zu beginnen.”

Eine Bekleidungstechnikerin oder ein Bekleidungstechniker weiß ganz genau, wie Textilien hergestellt werden, wie sie gefärbt und produziert werden. Außerdem kennen sie sich mit den jeweiligen Maschinen aus. “Mit Design an sich hat das gar nichts zu tun, sondern mit der technischen Umsetzung”, so Lina weiter. Eine Designerin oder ein Designer ist also immer auf die Bekleidungstechnikerin oder den Bekleidungstechniker angewiesen.

Wear It Festival 2018
Auf dem Wear It Festival 2018 gab Lina Wassong einen Workshop bei dem viele einzigartige Schmuckstücke entstanden / Bildquelle: BOLD Push / Vladimir Dziomba

San Francisco als Inspirationsquelle und Zentrum der Technologie

Während ihres Studiums hat sich Lina Grundkenntnisse in den Bereichen Elektronik, Physik und auch Programmieren angeeignet. Bei ihrem Praxissemester in San Francisco entdeckte sie dann endgültig ihre Leidenschaft für Technologie, wie sie uns verrät:

“Die ganze Stadt lebt von technischen Innovationen. Ich habe mich schnell von den Vibes inspirieren lassen und Lust bekommen, selbst etwas auszuprobieren. Zunächst habe ich damit begonnen an Websites zu arbeiten und mir den Code genauer angeschaut. Dann bin ich darauf gestoßen, dass sich leitendes Garn in diverse Stoffe einnähen lässt, um LED’s zum Leuchten zu bringen. Relativ schnell habe ich dann auch angefangen mit Mikro-Controllern zu arbeiten. Ich habe diese programmiert, um LED’s unterschiedlich ansteuern zu können oder mit Sensoren Designs zu erstellen, die auf Umwelteinflüsse reagieren. In diesen Bereich habe ich mich dann immer weiter eingelesen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich allerdings noch nicht an das Löten getraut. Ich hatte noch zu großem Respekt davor.”

Es lässt sich auch kreativ mit Technik sein.

Die Zeit in San Francisco hat Lina nachhaltig geprägt. Sie ist sich sicher, dass Technologie die Zukunft bedeutet und, dass es sich um eine sichere Industrie handelt. Sie findet, dass es sich lohnt, diese Industrie zu verstehen. “Es lässt sich kreativ mit Technik sein. Zudem finde ich es einfach toll, Technik und Mode zu verbinden – das zeigt völlig neue Weg auf.”

Lina Wassong: Ihr Designkonzept basiert auf dem Nervensystem eines Oktopusses

Und genau das ist es, womit sich Lina Wassong tagtäglich beschäftigt. Ihr Ziel ist es, “die analoge Welt in eine digitale Umgebung zu verwandeln”. Mithilfe von zum Teil selbst angeeignetem Wissen erschafft sie Kleidungsstücke, die mit digitalen Fertigungstechniken wie 3D-Druck und Laserschneiden entstehen. So entwarf sie unter anderem das “Parallax Kleid”. Das Designkonzept basiert auf dem Nervensystem eines Oktopusses. Das Kontrollzentrum der Oktopusse erstreckt sich in alle acht Arme, wodurch sich die Arme autonom bewegen können. Das verleiht diesem Kontrollprinzip spezielle Problemlösungsfähigkeiten. Auf Linas Design bezogen heißt das: Mikrokontrollierende Mechanismen innerhalb des Kleides lassen die individuell kontrollierten Arme mit der Umgebung interagieren, indem sie Bewegung durch Infrarot-Sensortechnologie erkennen.

Lina Wassong: Das “Monitor Kleid”

Und dann wäre da noch das “Monitor Kleid”, das die Herzaktivität der Trägerin aufzeichnet und darstellt. Drei Elektroden innerhalb des Kleides messen die elektrischen Signale, die durch den Körper laufen. Diese analogen Impulse, die von der Muskelaktivität des Herzens ausgehen, werden in digitale Signale umgewandelt. Der Mikrocontroller sendet die Daten dann über ein drahtloses Netzwerk und leuchtet einen Kreis von LEDs vor dem Kleid auf, der mit jedem Herzschlag violett blinkt. Die an das drahtlose Netzwerk gesendete Information wird von einem Computer aufgenommen, der die Daten überwacht, um sie zu animieren. Die elektrischen Signale des Herzens sind auf dem Display sowie dem Kleid selbst sichtbar.

Die Zukunft der FashionTech

Noch arbeitet Lina Wassong hauptsächlich an Prototypen. Doch wer weiß? Vielleicht tragen wir in einigen Jahren alle ein Monitor Kleid von ihr. Wo sie die nahe Zukunft ihres Bereichs sieht, hat sie uns auch noch verraten. “Ich denke vor allem bei Schmuck und kleinen Accessoires wird es sich immer mehr durchsetzen. Komplett leuchtende Kleidung wird sich jedoch zunächst eher im Show-Bereich weiter etablieren. Funktional sehe ich die nahe Zukunft vor allem im Bereich Medizin oder auch Sport. Für Maßanfertigungen werden digitale Tools künftig auch immer mehr zum Einsatz kommen.”

Lina Wassong: “Ich lasse sie einfach machen”

Neben ihrer Arbeit als Designerin schreibt Lina übrigens auch noch Artikel und Bücher – darunter auch eines, dass Grundschülern das Programmieren beibringen soll. Neben regelmäßigen Workshops ist sie dann auch noch als akademische Mitarbeiterin der Design-Abteilung der FH Potsdam tätig. Hier leitet sie die sogenannte Interface Werkstatt. Und zum Abschluss wollten wir dann doch noch von ihr wissen, ob sie sich als Frau in ihrem Bereich noch manchmal durchsetzen muss. “Ab und zu merke ich schon noch, dass Männer es komisch finden, wenn ich als Frau mehr von Technik weiß und erklären kann, wie es funktioniert und wie bestimmte Dinge zusammengebaut werden. Und wenn ich mich dann behaupte und Männer es trotzdem besser wissen wollen, lasse ich sie einfach machen.”

Eine “Taktik” die den Kopf ganz schnell wieder frei macht für wichtigere Dinge, wie innovative Ideen, Designs und eine Technik, die im besten Fall unser Leben und unsere Welt positiv beeinflusst.

Das Beitragsbild ist von BOLD Push / Vladimir Dziomba

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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