Label to Watch: Jyoti bringt faire Mode von Indien nach Berlin

10.09.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Jyoti: Das Fair Fashion Label

Es müsste noch deutlich mehr Labels geben, die ihre Mode fair und nachhaltig produzieren? Ja, da stimmen wir zu. Doch es gibt bereits einige tolle Unternehmen, die mit gutem Beispiel vorangehen. Dazu gehört Jyoti – eine Marke, die vieles bereits von Anfang an richtig gemacht hat…

Geht nicht gibt’s nicht! Dieses Motto scheint für Jeanine Glöyer und Carolin Hofer, die Geschäftsführerinnen von Jyoti – Fair Works, zu gelten. Die Idee für das Label stammt von Jeanine, die sich schon vor der Gründung im Jahr 2013 große Gedanken über die Frauen in der Textilindustrie gemacht hatte. Mit ihrer Idee wollte sie für Ausbildungsmöglichkeiten und gut bezahlte Arbeitsplätze sorgen. Der anfängliche Wunsch ließ ihre Idee wachsen und Jyoti zu dem werden, was es heute ist: ein deutsch-indisches Fair-Fashion-Label.

Jyoti: Fair Fashion Label
Bei Jyoti wird alles in liebevoller Handarbeit hergestellt / Bildquelle: Jyoti – Fair Works/ Janosch Kunze

Jyoti: Liebevolle Handarbeit

Von Berlin aus sowie zeitweise direkt aus Indien, genauer aus Chittapur und Londa, leiten Jeanine und Carolin das Unternehmen, das Kleidung sozial und ökologisch nachhaltig produziert. Gemeinsam mit ihrem Kooperationspartner, der NGO Jyoti Seva Kendra, sorgen sie dafür, dass sozial benachteiligte Frauen als Näherinnen neben einer dauerhaften Anstellung diverse Weiterbildungsmöglichkeiten, ein faires Gehalt und regelmäßige Krankheitsvorsorgeuntersuchungen bekommen. Und wer sehen möchte, wer für die in liebevoller Handarbeit gestaltete Mode und die dazugehörigen Accessoires verantwortlich ist, kann das auf der Website von Jyoti tun. Jede Näherin wird hier mit einem Kurzprofil vorgestellt.

“Schon klar, wir alleine werden die Textilindustrie wahrscheinlich nicht umkrempeln. Aber wir können als positives Beispiel vorangehen und zeigen, dass es anders, besser, gerechter geht. Wir können für andere Unternehmen Inspiration und für KundInnen Alternative sein. Und wir können 17 Frauen in Indien einen Lebensunterhalt ermöglichen. Und das ist auch schon eine ganze Menge, finden wir.”

– Jeanine, Gründerin –

Jyoti: Fair Fashion Label
Bildquelle: Jyoti – Fair Works

Jyoti steht für Nachhaltigkeit und Transparenz

Die offene Kommunikation über das Wo, Wie, Wann, Weshalb und Warum ist Jeanine, Carolin und dem gesamten Team besonders wichtig. Diese Transparenz erreichen sie, indem jeder von ihnen immer mal wieder für mehrere Wochen in Indien ist, um jede einzelne Angestellte vor Ort persönlich kennenzulernen und die Wertschöpfungskette kontinuierlich zu verbessern. So spielte von Anfang an der Nachhaltigkeitsaspekt eine entscheidende Rolle. Nicht nur bei der Produktion an sich, sondern auch, wenn es um das Design geht, legen die Gründerinnen seit Anbeginn Wert auf Zeitlosigkeit und achten stets darauf, dass so wenig Verschnitt wie möglich entsteht.

So ist es kaum verwunderlich, dass selbst die Schritte der Herstellung und Produktion für alle nachvollziehbar sind und es auch in Zukunft bleiben sollen. Der Weg führt von der Baumwolle über das Garn bis hin zum Stoff und der Kleidung, die dann von Chittapur oder Londa nach Berlin kommt. Das Sortiment von Jyoti umfasst unter anderem Mode für Frauen, Männer und Kinder sowie Schmuck, Handtaschen, Kuscheltiere, Bettwäsche und Schals.

“In Indien habe ich gelernt, die Grenzen meiner Wohlfühlzone ganz schön auszuweiten, und ich würde von mir behaupten, den meisten Herausforderungen recht gelassen entgegenzusehen.”

– Carolin Hofer –

Um Jyoti und die Personen dahinter noch besser kennenzulernen, haben wir Carolin unseren Steckbrief zugeschickt. Wie ihr Alltag aussieht und welche Visionen sie für die Zukunft hat, verrät sie hier:

Carolin Hofer bei der Arbeit in Indien
Carolin Hofer bei der Arbeit in Indien / Bildquelle: Jyoti – Fair Works/ Janosch Kunze

Mein Jobtitel: Wir sind ein ganz kleines Team hier bei Jyoti und bleiben, was die Aufgaben und damit auch den Jobtitel angeht, flexibel. Unseren Praktikantinnen sagen wir immer, sie dürfen sich gern einen Titel aussuchen. In meinem Personalbogen steht “Geschäftsführerin”, ich selbst würde sagen, ich bin vor allem für den Einkauf und die Produktionsplanung, ein bisschen fürs Accounting und dann noch für vieles andere zuständig.

Welche Aufgaben sich dahinter verbergen: Vielleicht zunächst mal die Aufgabenbereiche, die tatsächlich klar unter uns aufgeteilt sind: Den Großteil der Arbeitswoche kümmere ich mich um unsere Stoffhändler. Wir werden zurzeit von sieben kleinen Webereien und Kooperativen, zu denen wir sehr persönliche Beziehungen pflegen, mit Stoffen beliefert. Mindestens einmal im Jahr fahre ich nach Indien, um mit den Webern über neue Designs, Farben und Materialien zu sprechen, und in der restlichen Zeit kontaktiere ich sie von hier aus per WhatsApp oder E-Mail. Dabei geht es vor allem darum, unsere Stoffbestände in den Nähwerkstätten immer wieder zu füllen, bei den Händlern nachzubestellen, das Programm für die nächsten Monate aufzustellen etc. Die andere “Rund-um-die-Uhr-Leitung” nach Indien ist die zu den Frauen in den Nähwerkstätten. Wir fahren zwar regelmäßig nach Chittapur und Londa, um den Frauen neue Schnitte und Designs zu erklären, aber es gibt täglich Nachfragen von ihrer (welche Knöpfe werden verwendet, wann kommen die Stoffe an, wie viel Zentimeter werden hier umgenäht) und unserer (wurde dieses Produkt schon abgeschickt, wie lange braucht ihr für ein Kleidungsstück) Seite. Daneben kümmere ich mich um die Pflege unseres Online-Auftrittes, d.h. um das Einpflegen neuer Produkte und die regelmäßige Aktualisierung der Shop-Oberfläche sowie um alle Arten von Kalkulationen wie z.B. Preisberechnungen. Weitere Aufgaben, die ich nicht alleine, aber zusammen mit meinen Kolleginnen bewältige, sind beispielsweise das Design, sprich die Ideensammlung und ausarbeitung für neue Kollektionen, oder auch immer wieder Bildungsarbeit in Form von Workshops an Schulen oder bei speziellen Veranstaltungen. Momentan halte ich außerdem den Kontakt mit den Einzelhändlern, die unsere Kollektionen in ihren Läden verkaufen, und stelle dementsprechend das Programm für die Nähwerkstätten zusammen.

Wie viel ich gern pro Woche arbeiten würde: In meiner Traumwelt arbeiten wir alle halbtags, so dass man vor allem an so schönen Sommertagen die Sonne nicht immer nur durchs Fenster sieht, sondern wirklich auf der Haut spürt. Ich liebe die Arbeit, die ich mache, aber in meinem Kopf gibt es noch so viele andere Dinge, mit denen ich mich gerne intensiver beschäftigen würde und für die momentan nicht so viel Zeit bleibt. Ich bin aber zuversichtlich, dass Jyoti irgendwann so gut läuft, dass wir uns alle ein bisschen mehr zurücklehnen können.

Wie viel ich tatsächlich pro Woche arbeite: Ich bin zurzeit jeden Tag um die neun Stunden im Büro (inkl. Mittagspause). Dazu kommen ab und zu Wochenendveranstaltungen wie Messen, Märkte oder Fotoshootings und natürlich die Zeit, die man selbst an freien Abenden oder am Wochenende mit Nachdenken verbringt, weil man die Arbeit nicht so wirklich ausblenden kann. Ich glaube aber, viele Selbstständige haben sehr viel längere Arbeitszeiten und man darf bei alledem nicht vergessen, dass sich unsere Zeit hier im Büro meistens eher wie ein gemütliches Treffen mit guten Freunden anfühlt und wir trotz allem Einsatz sehr flexibel sind und viel einfacher als in anderen Jobs mal einen Tag freimachen können, falls jemand übers verlängerte Wochenende verreisen will o.ä.

So strukturiere ich mich selber: Ich habe ein sehr, sehr volles Notizbuch. Ohne das würde ich inzwischen vermutlich verzweifeln. Meistens läuft mein Tag ungefähr so ab: Am Morgen checke ich zuerst meine E-Mails und beantworte all diejenigen, die sich schnell erledigen lassen sofort – die anderen Themen verteile ich auf meine verschiedenen To-do-Listen. Dann versuche ich, noch vor dem Mittagessen alles zu erledigen, was viel Konzentration am Stück oder ein bisschen Kreativität braucht, sowas wie dieses Interview zum Beispiel. Nachmittags ist mein Kopf meistens schon ein bisschen zu ausgelaugt dafür und ich bespreche lieber Dinge im Team und erledige die Aufgaben, die man einfach nur abhaken muss. Abends und am Wochenende lasse ich meinen Laptop im Büro, dann komme ich gar nicht erst auf die Idee, in meine Mails zu schauen oder doch noch einmal “kurz” etwas zu erledigen. Das war erst einmal sehr ungewohnt, auch privat kaum mehr am Computer zu sitzen, aber inzwischen genieße ich es und freue mich vor allem darüber, jeden Morgen und Abend ohne Gepäck auf meinem Fahrrad durch Berlin zu flitzen.

Die Aussicht von meinem Arbeitsplatz: Direkt vor meiner Nase hängt seit kurzem ein kleines Katzenfoto. Das haben mir die anderen vom Ausflug in den Baumarkt mitgebracht, und es macht mir seitdem gute Laune. Und dann hinter dem Fenster liegt die Okerstraße, ganz in der Nähe vom Tempelhofer Feld. Ich mag es, den ganzen Tag hinausschauen zu können, egal ob zum Nachdenken oder zum Ablenkenlassen. Und für Letzteres ist diese Straße wirklich optimal geeignet!

Carolin Hofer
Carolin Hofer kennt jede Mitarbeiterin / Bildquelle: Jyoti – Fair Works/ Janosch Kunze

Meine Lieblingspause: Das Mittagessen natürlich! Wir kochen hier im Büro fast immer zusammen und essen dann auf unserer kleinen Veranda vor dem Laden. Das muss von draußen sehr witzig aussehen, wie wir so aufgereiht nebeneinandersitzen und über unsere weißen Blumenkästen auf die Straße schauen. Zumindest bekommen wir dabei immer viele lachende Blicke und Kommentare zugeworfen. Und an den anderen Tagen machen wir den Laden kurz zu, laufen durch den Schillerkiez und probieren uns durch das große kulinarische Angebot.

So halte ich mich wach: Wir haben einige gute Cafés hier in den Nebenstraßen – und unseren Haus-Späti nebenan, mit einem unerschöpflichem Club-Mate-Vorrat!

Meine Energie hole ich mir hier: Eigentlich ist die Energie immer da. Durch die unglaublichen Menschen, mit denen ich zusammenarbeite und die ich sehr liebe, durch ganz viel Abwechslung in meinen Tätigkeiten, den täglichen Überraschungen (nicht immer nur positive) und durch ganz viel Bestätigung von unseren Kunden. Hier in unserem Büro gibt es inzwischen eine ganze Wand voller liebevoller Postkarten und Briefe, die man sich immer wieder durchlesen kann, wenn die Motivation doch mal kurz verschwunden ist.

Meine Komfortzone endet hier: In Indien habe ich gelernt, die Grenzen meiner Wohlfühlzone ganz schön auszuweiten, und ich würde von mir behaupten, den meisten Herausforderungen recht gelassen entgegenzusehen. Trotzdem gibt es natürlich Aufgaben, die mich viel Überwindung kosten, und dazu gehören definitiv Vorträge vor großen Menschenmengen, einer Videokamera oder Ähnlichem.

Wenn ich diesen Job nicht machen würde, dann wäre ich: …irgendwo um Berlin herum bei der Umsetzung eines Earthships und anderen alternativen Baukonzepten dabei oder schon längst in den Süden der Türkei ausgewandert, um zu lernen, wie man Honig und Käse macht.

In den nächsten Monaten freue ich mich auf: Auf jeden Fall freue ich mich darauf, im Januar nach Indien zu fahren und die vier neuen Frauen in unserem indischen Team kennenzulernen. Und bis dahin freue ich mich auf vieles! Eine neue Kollektion, die stressigen, aber gemütlichen Wochen vor Weihnachten, Unterstützung durch neue Praktikantinnen und Praktikanten, viele „Namastes“ und „How-are-yous?“ zwischen uns und den Frauen in der Werkstatt, Verzweiflung und Freude über Stoffsendungen aus Indien und eigentlich auf jeden einzelnen Morgen, an dem ich hier in den Laden komme, das Rollo hoch mache, frische Luft reinlasse und mich mit einem Kaffee vor das Fenster zur Okerstraße setze.

Vielen Dank, liebe Carolin!

Jyoti: Fair Fashion Label
Bildquelle:Jyoti – Fair Works/ Janosch Kunze

Jyoti findest du online hier und in folgenden Stores:

Jyoti-Store Okerstr. 45, 12049 Berlin
Supermarché Wiener Str. 16, 10999 Berlin
Wertvoll Marienburger Str. 39, 10405 Berlin
homage store Dieffenbachstraße 15, 10967 Berlin
LOVECO Sonntagstraße 29, 10245 Berlin
Fairfitters Brüsseler Str. 77, 50672 Köln
LOVEAFAIR Marktstr. 22, 99423 Weimar
Captain Svenson Bartelsstraße 2, 20357 Hamburg

Erfahre mehr auf dem Jyoti-Blog

Das Beitragsbild ist von Jyoti – Fair Works/ morgen.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

  1. Barbara Müllen

    Ich würde liebend gerne fair produzierte Kleidung tragen und kann und möchte mir auch leisten, einen fairen (guten) Preis dafür zu bezahlen. Leider sind aber komplett a l l e Kleidungsstücke, die ich auf dieser Seite sowie im kompletten Internet finde, für mich völlig untragbar. Ich bin eine bald 70 Jahre alte Großmutter und möchte mich sportlich ohne Firlefanz bis klassisch-elegant kleiden. Leider bin ich nur 1,66m groß und trage Kleidergröße 44/46, Kleider kommen für mich aus Figurgründen gar nicht in Frage, nur Hosen, vozugsweise Jeans und längere Oberteile.
    Ich warte immer noch auf Designerinnen und Produzentinnen, die so etwas fertigen.

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