Können Mode-Konferenzen für Nachhaltigkeit sorgen?

Words by Jana Ahrens
Photography: Copenhagen Fashion Summit
Verschiedene junge Frauen mit verschiedenem ethnischem Hintergrund sitzen an einem Tisch vor einer Kreidetafel und unterhalten sich konzentriert
Neben Bewegungen wie Fridays for Future gibt es auch große Konferenzen und spannende Programme, innerhalb derer sich junge Menschen für die Zukunft unseres Planeten engagieren. Eines dieser Programme ist das Youth Fashion Summit, für das sich Studierende aus der ganzen Welt alle zwei Jahre bewerben können, um die nachhaltige Zukunft der Mode zu entwickeln und mitzugestalten.
 

Für den Durchlauf von 2018 bis 2019 hat Kim Gerlach von Kim Goes Eko daran teilgenommen. Sie erzählt von den Vor- und Nachteilen und gibt eine Einschätzung dazu ab, ob die Arbeit mit den anderen Studierenden in Zukunft einen Effekt auf die Modeindustrie haben wird. 

Was ist das Youth Fashion Summit?

Kim, beschreib doch mal kurz, worum es beim Youth Fashion Summit geht und wie du zur Teilnahme gekommen bist?

Das Youth Fashion Summit ist ein interdisziplinäres Programm. Das heißt, es gibt viele Teilnehmer*innen, die aus dem Modebereich, aus Studienprogrammen mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit oder aus der Kulturwissenschaft kommen. Eigentlich querbeet. Die Bedingung für eine Bewerbung ist, dass du zum Zeitpunkt der Bewerbung noch an einer Uni eingeschrieben bist. Das Programm läuft über zwei Jahre und zu jedem Copenhagen Fashion Summit gibt es ein Youth Summit. Pro Durchlauf sind die Teilnehmer*innen also bei zwei Summits dabei.

Kim Gerlach von Kim goes Eko beim Youth Fashion Summit 2019

Dieses Aufeinandertreffen von Welten und Kulturen hat mich sehr beeindruckt.

2018 haben wir uns also als Teilnehmer*innen zum ersten Mal getroffen und an zwei verschiedenen SDGs gearbeitet. SDGs sind von der UN definierte „Sustainability Development Goals“, also nachhaltige Entwicklungsziele. Anhand dieser zwei SDGs haben wir uns 2018 die Modeindustrie angeschaut und in kleinen Gruppen analysiert, was verbessert werden kann. Dieses Jahr – also 2019 – war es nur ein Ziel, nämlich „Gender Equality“. Und dadurch, dass die Schmuckmarke Pandora als Sponsor mit dabei war, haben wir uns auf die Schmuckindustrie fokussiert.

 

Hab ihr trotz des größeren Fokus auch wieder in kleinen Teams gearbeitet?

Ja, wir haben vier Teams gebildet, die sich vier verschiedene Stadien der Produktionskette angeschaut haben. Das waren Rohstoffe, Sourcing, Produktion von Schmuck und als viertes die Konsumenten und die Gesellschaft.

Wir sind als die jungen Disruptiven eingeladen.

Wie sieht euer Tagesablauf aus, wenn ihr euch nur einmal im Jahr seht?

Während der Tage parallel zum Copenhagen Fashion Summit ist unser Arbeitsrhythmus krass intensiv. Das eigenständige Lernen und die eigenständigen Recherchen zwischen den Summits sind entspannter.

Das heißt, abseits der beiden Events 2018 und 2019 wird noch weitergearbeitet?

Genau. Weiter in den kleinen Gruppen. Die Konstellation der Gruppen wurde so gewählt, dass wir aus verschiedenen Disziplinen und Ländern kommen. Beispielsweise habe ich Fallstudien aus Schweden angeschaut, weil ich in Malmö lebe. Meine Partner*innen aus Italien, Neuseeland und Holland haben eigene nationale Studien untersucht, und dann haben wir die alle zum Summit hin verglichen.

Es ist krass zu erleben, wie viel Wissen in den verschiedenen Köpfen steckt.

Entsteht durch diese internationale Zusammenarbeit auch ein Netzwerk?

Ja. Darum geht es mir bei der Teilnahme hauptsächlich. Nicht um den schönen Abschlussfilm, den wir jetzt haben, sondern darum, dass ich, egal wo ich in Zukunft mit meiner Arbeit lande, ein interdisziplinäres Netzwerk habe, in dem Menschen ähnliche Werte haben. Und der persönliche Austausch ist mir wichtig. Zwischen den Summits liest du nur Nachrichten und hast Deadlines und schreibst online. Aber sich jetzt nach einem Jahr wiederzusehen war super herzlich. Aber natürlich auch anstrengend. Unsere Summit-Tage beginnen um 08:00 morgens, und wir haben bis 02:00 Uhr nachts durchgearbeitet. Das geht dann so drei Tage am Stück. Am vierten Tag präsentieren wir dann unsere Ergebnisse auf der großen Bühne des Copenhagen Fashion Summit. Das ist sehr intensiv.

Nachhaltigkeit in der Welt von Schmuck und Mode

Was war für dich die überraschendste Erfahrung, sowohl zum Thema Mode 2018, als auch zum Thema Schmuck 2019?

Einmal die nationalen und kulturellen Unterschiede beim Thema Nachhaltigkeit. Es gibt sehr verschiedene Verständnisse von Nachhaltigkeit. Wir haben beispielsweise einen Teilnehmer aus Nord-Mazedonien in unserer Gruppe. Für den ist Fahrradfahren keine Frage von Nachhaltigkeit. Es ist einfach normal, weil er keine andere Möglichkeit der Fortbewegung hat. Wir stellen es als ach-so-tollen Einsatz für Nachhaltigkeit dar, wenn wir uns für das Fahrrad entscheiden, er hat einfach gar keine Wahl. Das ist schon eine krasse Parallelwelt. Dieses Aufeinandertreffen von Welten und Kulturen hat mich sehr beeindruckt.

Hinzu kommt, dass ich die Zusammenarbeit in der Gruppe super professionell fand. Es ist krass zu erleben, wie viel Wissen in den verschiedenen Köpfen steckt. Und was sich alles tut, wenn man das mal für drei intensive Tage zusammenlegt. Ich habe super viel von den anderen gelernt.

Es fehlt die Brücke zwischen den abstrakten Worten und dem konkreten Implementieren.

Und ich fand es sehr überraschend, dass Pandora eines der nachhaltigsten Unternehmen im Bereich Schmuck ist. Aber ich frage mich, warum die das nicht kommunizieren. Es gibt den BSR-Report, Business for Social Responsibility. Der hat die Schmuck-Industrie komplett durchleuchtet und geschaut, welche Rahmenbedingungen eingehalten werden. Da zeigt sich, dass Pandora echt einen guten Job macht. Klar sind auch die noch weit weg von dem, was alles gemacht werden kann. Das liegt aber genau an denselben Problemen wie in der Modeindustrie auch. Man muss mit den anderen Firmen zusammenarbeiten. Verschiedene Firmen haben die gleichen Minen und die gleichen Lieferanten und es wird wenig kollaboriert.

 

Das Problem der Komplexität in der Produktionskette?

Genau. In der Mode ist das ja so: Es gibt unzähligen NGOs – global, lokal oder auf nationaler Ebene –, die immer mehr verschiedene Auflagen und White Papers produzieren. Ich glaube, dass viele Mode- oder Schmuckmarken überfordert sind damit und in dem ganzen Konstrukt von Wörtern und Richtlinien nicht genau verstehen, wo sie ansetzen können. Da fehlt die Brücke zwischen den abstrakten Worten und Wünschen der NGOs, hin zu einer Erklärung, wie die Labels das konkret implementieren können. Das haben wir im Youth Fashion Summit versucht rauszufinden. In vielen Fällen haben wir in unserem Programm mit einer schnellen Recherche festgestellt: Es gibt super viel Material und Empfehlungen zu den einzelnen Auflagen, aber die werden dann nicht umgesetzt.

Ist das in der Schmuckindustrie auch so?

Silber ist der meistverwendete Rohstoff in der Schmuckindustrie. Silber und Gold sind die am stärksten regulierten Märkte in der Schmuckindustrie. Auch im Bereich Sustainability. Diamant zieht jetzt seit ein paar Jahren nach. Aber ich kenne mich da nicht so gut aus. Vor ca. 5 Jahren gab es da die ersten Zertifizierungen.

Kritik am Youth Fashion Summit

Gab es auch Aspekte, die dir nicht gefallen haben?

Wir durften CEOs, die auf dem Copenhagen Fashion Summit zu Gast waren, Fragen stellen. Wir hatten in der Vorbereitung nach 30 Minuten schon 10 Fragen zusammen. Von denen wurden nur 2 ausgewählt, und die wurden so lange frisiert, bis etwas völlig Harmloses dabei rauskam. Wir waren aber von Anfang an als die jungen Disruptiven eingeladen. Deshalb hat es mich enttäuscht, dass sich das Summit diese Konfrontation nicht zugetraut hat. Deshalb stehen wir als „Youth“ auch nicht hinter den Fragen, die dann gestellt wurden. Wir stehen aber hinter unserem eigenen gesprochenen Wort, das von uns selber auf der Bühne kam.

Wir können nicht jedes Jahr erneut sagen: Jetzt ist die Zeit, etwas zu tun.

Hast du denn den Eindruck, dass das, was ihr an Wissen zusammengetragen habt, jetzt auch einen Einfluss auf die Weiterentwicklung des Summit hat?

Nee, ich glaube nicht. Ich war ziemlich stolz darauf zu hören, dass in den zwei Talks nach unserem Auftritt zumindest die Ergebnisse des Youth Fashion Summit erwähnt wurden. Es hat uns das Gefühl gegeben, dass uns zugehört wurde. Aber wir können nicht jedes Jahr erneut sagen: Jetzt ist die Zeit, etwas zu tun. Ich weiß nicht. Vielleicht haben die Labels das schon so oft gehört, dass es keine Wirkung mehr zeigt

Durch unser persönlicheres Storytelling dieses Jahr wollten wir ganz bewusst dafür sorgen, dass es noch ein bisschen mehr wehtut. Es bringt nichts mehr, die Labels als abstraktes Konstrukt zu kritisieren. Damit sind wir bisher nicht weitergekommen. Ich hoffe, dass jetzt etwas passiert.

Vielen Dank für diesen Einblick, liebe Kim.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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