Kirr: Das Frauenkollektiv entwirft Mode mit Substanz

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Kirr
Diese Modelabel entwirft Mode mit Substanz
Das feministische Künstlerinnenkollektiv »Kirr« besteht seit 2012 und versteht sich in erster Linie als Denkplattform. Neben intensiven Gesprächen entsteht innerhalb der Gruppe Mode mit Substanz.
 

Wer die Shirts und Sweatshirts von Kirr – das steht für »keep it really real« – schon einmal gesehen hat, stellt sich unweigerlich die Frage, wer und vor allem was hinter deren Aufschriften und Motiven steckt. Das »Wer« lässt sich dabei schnell beantworten: Das in Berlin ansässige Kollektiv besteht aus einer Gruppe befreundeter Künstlerinnen. Zusammengekommen sind sie 2012, um sich innerhalb ihrer Arbeitsgruppe über spannende Themen wie Geschlecht, Sex, Liebe, Reproduktion, Kreation, Arbeit, Spiel, Macht und Gott zu unterhalten. 

Der intensive Austausch sorgte schließlich dafür, dass eine erste Modekollektion entstand. »Die gemeinsame Arbeit hat Auswirkungen auf das Bewusstsein der einzelnen Mitglieder des Kollektivs und wird von diesen in unterschiedliche gesellschaftliche, kulturelle und berufliche Bereiche weitergetragen. Die „street lady“-Kollektion ist eine von mehreren Ausdrucksvarianten des Kollektivs«, erklärt die Gruppe.

Kirr: Inspirationsquelle Sarah Bluffer Hrdy

Die Gespräche förderten somit diverse Inspirationsquellen zutage – somit kommen wir zum »Was« hinter den Aufdrucken –, die sich in der Kleidung widerspiegeln. Zu diesen Inspirationsquellen gehört unter anderem die US-amerikanische Harvard-Soziobiologin, National-Academy-Award-Preisträgerin und Mutter von 3 Kindern, Sarah Blaffer Hrdy. Für die Kollektion fand vor allem ihr Werk »Mother Nature: A History of Mothers, Infants and Natural Selection« Beachtung, in dem die Wissenschaftlerin die oft aufgestellte These widerlegt, die Evolution habe gegen die Frauen gearbeitet. Laut ihren Ausführungen gibt es keinen angeborenen Mutterinstinkt. Dennoch belegt sie, welche machtvollen Auswirkungen Mutterschaft auf die Evolution des Homo sapiens hatte und hat.

Who created the World? Another Woman! 

Weiterhin ließen sich die Künstlerinnen von der Flachlandgorilladame Koko (1971 -2018) inspirieren. Diese erreichte weltweit Bekanntheit, nachdem ihre Pflegerin Francine Patterson ihr die Gebärdensprache beigebracht hatte und Koko so in der Lage war, mit Menschen zu kommunizieren. Nach einiger Zeit versuchte man herauszufinden, ob die gelernten Zeichen über eine reine Konditionierung hinausgingen. So kam es zu folgender Unterhaltung: »What‘s the meaning of life?« Kokos Antwort war: »Man be good«. Auf die Frage »Who is God?« antwortete sie: »Me.« Auf die Folgefrage »Who created the world?« antwortete sie: »Another woman.« »Another woman«, in der Handschrift der Illustratorin Anne Christin Plate, ist eines der Schlüsselmotive der Kollektion. 

Weitere Motive: das Wort »Filoxenia« (griechisch für »Gastfreundschaft«) – der Name des Kreuzfahrtschiffes, das im Jahr 2014 über 300 Menschen aus dem Mittelmeer rettete – sowie die Schriftzüge »Anti Easy« und »Love Is The Message Truth Is The Way« und ein umgekehrtes Dreieck, das nach Gustave Courbets realistischem Meisterwerk »L’Origine du monde« benannt wurde (und auf das übrigens auch der Comic »Der Ursprung der Welt« von Liv Strömquist Bezug nimmt – wir berichteten).

Trag diese Haltung wie einen bequemen Pullover.

Kirr
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Kirr wird zur Kunst

Gesellschaftliche Relevanz wurde der Mode von Kirr zuletzt auch in einer Ausstellung der Kunsthalle Mannheim attestiert. Hier schweben die Shirts noch bis zum 15. September 2019in einer separaten »Artist‘s Box« von der Decke. Der Besuch lohnt sich nicht nur hier, sondern auch auf der Website von Kirr. Hier erfährt man auch, wie man sein ganz persönliches »Kunstwerk« nach Hause bekommt. Bestellt werden können die Shirts in Wunschgröße und mit Wunschmotiv über eine E-mail an hellolovely@keepitreallyreal.org.  

 

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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