Julia Körner im Interview: Sie entwickelt die Mode der Zukunft

25.07.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Julia Körner

Wenn es um die Themen Architektur, Design und Mode geht, ist Julia Körner definitiv eine absolute Koryphäe. Denn das, was sie Tag für Tag tut und womit sie sich aktuell beschäftigt, hat vor ihr wirklich noch niemand gemacht.

Als wir Julia Körner zum Interview treffen, wirkt sie unglaublich entspannt. Und das, obwohl sie gerade einen Reisemarathon hinter sich hat und kurz vor einer Präsentation steht. Los Angeles, Salzburg, Wien, Linz, Innsbruck, Berlin und anschließend weiter nach Jordanien. Die gebürtige Salzburgerin ist Architektin und Designerin. Doch ihre Arbeiten entstehen nur selten auf dem Papier oder traditionell mit Nadel und Faden. Sie ist eine Expertin für 3D-Druck und entwickelt ihre Designs am Computer.

Ihre Arbeiten begeistern: sei es im architektonischen Bereich oder in der Mode. Einige haben es sogar bis in einen Hollywood-Film geschafft. Scheinbar ganz nebenbei unterrichtet sie übrigens auch noch an der University of California in Los Angeles (UCLA). Im Interview haben wir mit ihr über die Zukunft des 3D-Drucks und der Mode – und über ihre Karriere in einem männerdominierten Bereich gesprochen, in dem es für Diskussionen keinen Platz gibt.

Das Zusammenspiel von Kunst und Natur hat mich schon immer inspiriert.

Woher kommt dein Interesse für den 3D-Druck?

Das Zusammenspiel von Kunst und Natur hat mich schon immer inspiriert. Ich habe Architektur an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert und während dieser Zeit mit den ersten 3D-Druckern experimentiert. In der Architektur werden diese hauptsächlich verwendet, um Prototypen herzustellen. Damals habe ich außerdem intensiv mit Designer Ross Lovegrove zusammengearbeitet. In seinem Studio in London habe ich zum ersten Mal erfahren, wie der 3D-Druck für Produkte eingesetzt werden kann. Da der Maßstab in diesem Fall deutlich kleiner ist, können Ideen viel schneller umgesetzt werden als in der Architektur. Daraufhin habe ich mich immer mehr damit auseinandergesetzt, wie ich von der Natur inspirierte Systeme am Computer umsetzen und drucken kann.

Wie kam es zu der Begegnung mit Ross Lovegrove?

Während meiner Studienzeit hatten wir immer wieder internationale Gäste zu Besuch, unter denen auch Ross Lovegrove war. Meine Arbeitsweise gefiel ihm auf Anhieb sehr gut. 2007 lud er mich für ein Praktikum nach London ein. Während meines gesamten Studiums habe ich immer wieder an diversen Projekten mit ihm zusammengearbeitet, bei denen es hauptsächlich um Produktdesign ging. Lampen, Parfumflaschen, Autos – aber auch Installationen und Pavillons wurden realisiert. Vieles davon war aber auch nur ein Versuch. Ross Lovegrove hat außerdem sehr viel mit digitalen Prozess- und Fertigungsmethoden gearbeitet und ist in diesem Bereich ein absoluter Vorreiter, weil er diese Methoden ins Produktdesign gebracht hat. Ich habe sehr viel von ihm gelernt.

Würdest du ihn als eine Art Mentor bezeichnen?

Ja, auf jeden Fall. Er und Professor Greg Lynn, den ich an der Universität für angewandte Kunst in Wien kennengelernt habe. Er war auch derjenige, der mich 2012 an die UCLA geholt und mich eingeladen hat, mit ihm zu unterrichten. Inzwischen leite ich meine eigenen Design-Kurse.

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Cellular Complexity Tex Fab/Acadia Canada/Julia Körner mit Marie Boltenstern & Kais Al-Rawi/2013/Bildquelle: Julia Körner

Wie genau hast du dann die Brücke von der Architektur zur Mode geschlagen?

Die niederländische Modedesignerin Iris van Herpen war damals auf der Suche nach einer Person, die Kenntnisse im 3D-Druck hat. Sie ist auf mich aufmerksam geworden, und kurze Zeit später habe ich angefangen, Kollaborationen mit ihr zu realisieren. Dabei entstanden erste Haute-Couture-Designs. Mit der Zeit hat sich das nicht nur weiterentwickelt, sondern es kamen auch immer größere Projekte zustande, die mich über Paris bis nach Hollywood geführt haben. Mit meinem eigenen Label bin ich extrem daran interessiert, diese Mode tragbar zu machen. Im Moment handelt es sich eher um Designs für Fashion Shows oder Filme – anschließend landet vieles dann in Museen.

Hattest du zu Beginn deines Studiums das Gefühl, du tauchst in einen Bereich ein, der eher männerdominiert ist?

Während meines Studiums war ich von einer Menge Frauen umgeben. Erst später, als es in den Beruf ging, wurden die Frauen dann immer weniger. Mir persönlich fällt es besonders bei den Kollaborationen mit den diversen Herstellern der Technologien auf. Auch bei Vorträgen oder bei Panels bin ich oftmals die einzige Frau. Allerdings finde ich das gar nicht so schlimm. Es ist einfach so, dass die meisten Frauen sich nicht dafür interessieren, etwas am Computer zu entwerfen und stundenlang zu tüfteln. Was mich allerdings stört, ist, wenn ich weiß, dass ich bei Vorträgen nur eingeladen werde, damit überhaupt eine Frau anwesend ist.

3D Printed Bio Piracy Dress_Julia Koerner & Iris Van Herpen_2014_©Michel Zoeter
3D Printed Bio Piracy Dress/Julia Koerner in Kooperation mit Iris Van Herpen/2014/Bildquelle: Michel Zoeter

Gab es Momente, in denen du das Gefühl hattest, du musst dich durchsetzen?

Das ist ein Problem, mit dem ich tagtäglich konfrontiert bin. Ich merke oft, dass die Menschen vorurteilsbehaftet auf mich zukommen. Nach zwei, drei Sätzen, heißt es dann aber: „Oh wow, sie weiß, wovon sie spricht.“ Dann werde ich plötzlich anders wahrgenommen und behandelt. Ähnlich verhält es sich an der Universität in Los Angeles, an der ich unterrichte. Im Führungsbereich gibt es fast nur männliche Professoren. Ich muss mich auch heute noch oft durchsetzen und die Herrschaften daran erinnern, dass ich auf demselben Level bin wie sie. Doch auch das ist meistens nicht genug. Und natürlich fällt mir auf, dass mir in diese Richtung noch keine Stelle angeboten wurde, obwohl ich vielleicht sogar talentierter bin, als der eine oder andere männliche Kollege.

Es wird immer Männer geben, die sich von Frauen stark eingeschüchtert fühlen.

Wie ist das für dich?

Anfangs habe ich mich sehr geärgert, doch dann wurde mir klar, dass ich nur etwas ändern kann, in dem ich zeige, dass ich es besser mache. Das hat mir die Kraft gegeben, mich noch mehr auf meine persönliche Arbeit zu konzentrieren. Ich halte mich zurück, stehe drüber und mache einen fantastischen Job. Es wird immer Männer geben, die sich von Frauen stark eingeschüchtert fühlen. Natürlich sind aber nicht alle so.

Österreich vs. USA: Hast du signifikante Unterschiede im Arbeitsalltag festgestellt?

In den USA ist das Verhältnis von Männern und Frauen in einem Unternehmen häufig streng geregelt. An der Universität muss in bestimmten Positionen eine gewisse Anzahl an Frauen vertreten sein. Bei Ausschreibungen werden meistens Frauen empfohlen, um für ein gutes Gleichgewicht zu sorgen. Aber die Theorie unterscheidet sich stark von der Praxis. Da ich im akademischen Bereich bisher in Europa nur Workshops geleitet habe, habe ich keinen Vergleich, aber ich würde sagen, es ist ähnlich.

Du hast mit JK-Design dein eigenes Unternehmen gegründet. Wie kam es dazu?

Im Jahr 2015 habe ich meine erste Kollektion in Zusammenarbeit mit Stratasys, einer US-amerikanischen 3D-Druck-Firma, herausgebracht. Im letzten Jahr folgte die Iceland-Kollektion, die neben Westen und Röcken zusätzlich auch aus Accessoires besteht. Auf unterschiedlichen Auktionen in Los Angeles konnte ich nicht nur meine Kollektion zeigen, sondern auch einige meiner Stücke verkaufen. Da ist mir klargeworden, dass es tatsächlich Kundinnen gibt, die sich dafür begeistern. Vor Kurzem habe ich meinen Online-Shop eröffnet, wo die Designs auch bestellt werden können.

Welche Materialien verwendest du genau?

Anfangs handelte es sich hauptsächlich um harte Materialien – die mit dem Mammoth Stereolithographie Verfahren gedruckt wurden. Heute drucke ich meist mit flexiblen “Rubber Based” und gummiartigen Materialien. Es gibt aber auch Materialien, die wiederverwendbar und recycelbar sind. Materialforscher gewinnen aus eingeschmolzenen Plastikflaschen ein Filament, mit dem gedruckt werden kann. Ich arbeite allerdings hauptsächlich mit flexiblen Elementen. Das Verfahren nennt sich Selective Laser Sintering (SLS-3D-Druck). Der 3D-Drucker wird mit einem Pulver gefüllt, und ein Laser schmilzt Lage für Lage die Form, die zuvor am Computer generiert wurde. Die Box, in dem sich das Pulver befindet, wird dann entfernt, das restliche Pulver, das nicht verschmolzen ist, wird wie in einem archäologischen Prozess einfach entfernt. Jetzt bleibt das Objekt übrig und kann weiterverarbeitet werden. Es kann eingefärbt oder mit anderen Textilien zusammengenäht werden. Das Spannende: Einerseits kann mit der Geometrie am Computer versucht werden, Texturen und Stoffe zu imitieren, die schon existieren. Andererseits können ganz neue Ästhetiken generiert werden, weil die Geometrie unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Viele meiner Designs sehen sehr verschlungen und organisch aus. Das kann mit keiner anderen Herstellungsmöglichkeit so entstehen. Dadurch generiert das Design einen eigenen Wert und kann nicht so leicht kopiert werden. Ich lasse mich von Korallen, Kerbstrukturen und Schwämmen, die ich in der Natur finde, inspirieren, scanne sie in 3D und wandle die Strukturen für meine Designs ab.

Du scannst Schwämme und Korallen. Wie funktioniert das genau?

Es gibt High-End-Technologien, mit denen man 3D-scannen kann. Ich habe mir eine Open-Source-App am Smartphone heruntergeladen und bin einfach in der Wüste und am Toten Meer herumgelaufen, um Strukturen abzuscannen. Die Auflösung ist natürlich nicht mit der eines tollen und sehr teuren 3D-Scanners zu vergleichen, aber das Telefon habe ich immer und überall dabei. Es gibt viele unterschiedliche Apps, die dafür genutzt werden können. Ich habe Autodesk verwendet, doch inzwischen wurde die App eingestellt. Da der 3D-Druck an sich sehr teuer ist, versuche ich, die Kosten bei allen anderen Prozessen unten zu halten.

Eine Vorreiterrolle ist toll, aber sicher nicht einfach.

Julia Körner
Bildquelle: Pia Clodi

Kommst du beim Drucken oft an deine Grenzen?

Ich vergleiche das mit der Arbeit an speziellen Stoffen. Es gibt eine ganz bestimmte Vorstellung, die aber nicht immer umsetzbar ist, wenn der Stoff nicht das tut, was der Designer oder die Designerin möchte. Ich arbeite seit 13 Jahren mit 3D-Druckern. Mit der Zeit habe ich die Technologie unglaublich gut kennengelernt. Ich designe inzwischen mit dem Hintergrund, dass ich vorher genau darüber nachdenke, was voraussichtlich möglich ist und was nicht. In der Vergangenheit habe ich sehr viel ausprobiert und musste auch durchaus feststellen, dass ich in einer Sackgasse gelandet bin. Ich habe kein Vorbild, nach dem ich mich richten kann. Niemand vor mir hat so etwas gemacht. Eine Vorreiterrolle ist toll, aber sicher nicht einfach.

Wo siehst du die Zukunft? Werden in Zukunft alle Menschen ihre Kleidung einfach selbst drucken?

Ich bin immer sehr vorsichtig mit der Annahme, dass in der Zukunft jeder Mensch seinen 3D-Drucker zuhause hat. Viele Menschen besitzen einen Papierdrucker, aber um ein Buch oder ein Magazin zu drucken, wird trotzdem eine professionelle Produktion benötigt. Ich glaube eher, dass es so sein wird, dass Geschäfte oder Institutionen 3D-Drucker zur Verfügung stellen, um eine mitgebrachte 3D-Datei, die im Internet gekauft werden kann, dort auszudrucken. Oder dass wir schon bald mithilfe von Virtual Reality im Netz etwas anprobieren, was sich genau unserem Körper anpasst. Nach der Bestellung wird der 3D-Druck direkt nach Hause geliefert oder kann irgendwo abgeholt werden. Es gibt momentan einige von diesen Desktop-Druckern, die auch schon gekauft werden können. Das Problem ist, dass die Leute nicht wissen, was sie damit designen können und bis jemand die Erfahrung gesammelt oder mal einen Kurs belegt hat, dauert es sehr lange. Ich denke auch, dass die Funktion des Designers oder der Person, die vorgibt, welcher Stil gerade interessant ist, dennoch extrem wichtig bleibt. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Labels in Zukunft 3D-Dateien anbieten, die gekauft werden können. Große Marken werden weiterhin eine Rolle spielen.

Wo shoppst du gern?

Ich mag Shops wie AllSaints und Cos. Ich bin aber auch immer wieder in kleineren Läden unterwegs und kleide mich bei Freunden ein, die selbst Mode designen. Mein Stil ist easy und leger. Ich mag Kleidung, die funktioniert, leicht und angenehm zu tragen ist. Das kann man vom 3D-Druck natürlich nicht unbedingt behaupten, aber deshalb habe ich angefangen, diese Technik mit traditionelleren Materialien zu verbinden. Zonen, auf die man sich setzt, werden nicht 3D-gedruckt. Andere Zonen, die weniger belastbar sein müssen, können dann am Computer generiert sein. Die Technologie ist einfach noch nicht so weit, um so elastisch und haltbar zu sein.

Erzähl uns von dem Anruf aus Hollywood…

Ich war in Österreich und gerade auf dem Weg zurück nach Los Angeles. Ich hatte einen Anruf von Ruth Carter, der Kostümdesignerin, die für Marvels Black Panther die Kostüme designt hat, auf meinem Anrufbeantworter. Sie erklärte, dass sie sehr interessiert an der 3D-Druck-Technologie sei, weil das mit der Thematik des Films zu tun hätte. Zuerst wurde mir aber ein ganz anderer Filmtitel genannt. Ich wusste zu Beginn gar nicht, worum es wirklich ging. Mir wurde nur mitgeteilt, dass es ein Film ist, der sich mit afrikanischen Mustern und mit moderner Technologie auseinandersetzt. Und dann haben wir angefangen zu designen. Erst dann kam eines zum anderen. Da ich die Maße der Schauspielerin benötigte und dann auch erfuhr, wann der Drehstart sein würde, fing ich an, eins und eins zusammenzuzählen. Das war ein richtiger Wow-Moment, als ich sicher sein konnte, dass es um Marvels Black Panther ging. Was das letztendlich wirklich für mich bedeutete, realisierte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings immer noch nicht. Erst, als dann der Vorverkauf startete und sämtliche Rekorde gebrochen wurden, wurde mir die Tragweite bewusst. Viele meiner Freunde haben durch den Film meine Arbeiten gesehen, wie sie sie vorher noch nie gesehen haben. Wer kommt schon auf eine Haute-Couture-Fashion-Show in Paris?

Costume Design Ruth Carter_Black Panther
Angela Bassett in Black Panther/Kostümdesign Ruth E. Carter/3D printed Schultermantel & Krone Julia Körner/Bildquelle: Marvel Disney 2018

Du hast inzwischen schon so viel erreicht. Wie sieht idealerweise deine persönliche Zukunft aus?

Ich wünsche mir, dass ich ein gutes Team aufbauen kann, mit dem ich viele Aufträge annehmen und umsetzen kann. Bisher wurde ich immer wieder angesprochen, ob ich Lust dazu hätte, Teil eines Projektes zu sein. Das ist eine Position, die ich sehr zu schätzen weiß, denn es könnte auch ganz anders sein. Außerdem habe ich die Idee, die 3D-Druck-Technik noch weiter in die Produktion zu bringen und die Mode auch wirklich tragbar zu machen. Ich arbeite hart daran, und sehe hier die Zukunft. Darüber hinaus habe ich nach wie vor Interesse an Architektur-Projekten. Die 3D-Technologie ist so spannend und inspirierend und bietet wirklich unendlich viele Möglichkeiten.

Vielen Dank für das spannende und zukunftsweisende Interview!

Das Beitragsbild ist von Ger Ger

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Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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