Jackie Mallon und ihr Traum von Repräsentation in der Mode

Words by Jana Ahrens
Photography: Robert Schlesinger
Schwarzes Transgender-Model mit Langhaarperücke und buntem Make-Up in der Maske einer Modenschau
Die Mode war schon immer Spiegel der Gesellschaft. Das ist ein Grund, warum sich auch immer wieder neue Wellen des Feminismus an der Mode abarbeiten. Dabei geht es sowohl um die Art der Präsentation, als auch um die Gestaltung selber. Mit der renommierten Modejournalistin Jackie Mallon haben wir uns – basierend auf ihrem Artikel Für Female Empowerment ohne Sex Sells – darüber unterhalten, wie der aktuelle Feminismus Einfluss auf die Mode nimmt. Teil eins dieses Interviews beschäftigt sich mit der Frage, ob es nackte Haut auch ein Teil des Female Empowerment in der Mode sein kann. 
 

Neben den Slogan-T-Shirts, den Ansteckern am Revers und den aktivistischen Dresscodes für große Anlässe, die du in deinem Artikel erwähnt hast: Siehst du den politischen Wandel in der Modebranche auch in den Kollektionen bekannter Designer*innen in Paris, New York oder Mailand? Ist die Konfektion noch immer wichtig für die Damenmode?

Ja, aber das sieht heute einfach anders aus als früher. Um politische Botschaften zu transportieren, braucht es heute mehr als nur ein paar Slogan-T-Shirts. Es ist eine Frage der Einstellung geworden. Sie sind mehr zu einer Haltung dem Design gegenüber geworden. Durch die Art, wie Charles Jeffrey und Matty Bovan, beide aus London, ihre Laufstege gestalten, drücken sie das Durcheinander aus, das momentan in der Welt herrscht: Sie arbeiten mit übertriebenen Gesichtsbemalungen, Schottenstoffen, taftigen Kleidern, Maßgeschneidertem und sogar mit Ballonkleidern. Beide spiegeln sie auf gewisse Weise die Qualitäten eines jungen John Galliano wider. Und beide spiegeln auf eine gewisse Weise die Qualitäten eines jungen John Galliano wider. Gleichzeitig nimmt genau dieser John Galliano bei Maison Margiela die traditionellen Entwürfe komplett auseinander, pult das Innerste nach außen und reduziert das Schneiderhandwerk auf das Wesentliche. Sodass von den Kleidungsstücken eigentlich nur noch die Erinnerung an eine Jacke oder einen Trenchcoat übrigbleibt. In diesem Fall bleibt das Außenskelett der Schneiderei als zentrale Komponente der Damenmode bestehen. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass entsprechende Kleidungsstücke dann eher von einem Transgender-Model in einem Outfit mit pinken Vinyl-Skinny-Hosen präsentiert werden.

 

Eine etwas polemischere Frage: Man sieht immer mehr junge Mädchen mit „Greta-Zöpfen“ auf Demonstrationen und auf Schulhöfen. Könnte es sein, dass Greta Thunberg eine von den „Gen-Z Emmeline Pankhursts“ ist, die du in deinem Artikel erwähnt hast?

Ich finde die Frage nicht polemisch. Ich hoffe sogar, dass es so ist. Dann gibt es auch noch die rasierten Haare der Waffenlobby-Gegnerin Emma González in den USA. Oder das Model Halima Aden, die in Hijab und Burkini auf dem Magazin „Sports Illustrated“ abgebildet wird und zeigt, dass es eben doch einige Mainstream-Magazine gibt, die sich trauen, Diversität zu repräsentieren. Oder Amandla Stenberg, die sich selber intersektionale Feministin nennt. Oder meine irische Landsfrau Sinéad Burke, die zur Generation der Millennials gehört und trotz ihrer kleinen Statur einen riesigen Einfluss auf die Modebranche hat, wo sie Veränderungen für viele nach ihr kommende Generationen durchsetzt. Überall lassen sich gerade Beispiele für die neue Generation der Pankhursts finden.

Die Vorstellung der makellosen Frau könnte endlich ein Ende finden.

Außerdem habe ich gelesen, dass die Generation Z sowieso nicht an Perfektion glaubt und weniger idealistisch ist als die Millennials. Realistischer. So könnte die Vorstellung von der makellosen Frau vielleicht endlich ein Ende finden und einer menschlichen Variante weichen. Eine meiner Modestudentinnen zeichnet beispielsweise den Verlauf ihrer Akne chronologisch auf Instagram nach. Das ist das befreiende Gegenteil der Beschämung, mit der die vorherige Generation noch zu kämpfen hatte. Das ist eine ganz andere Form der Entblößung als die der sexy Frauen. Eine, die ich von ganzem Herzen unterstützen kann. Weil sie den Mädchen untereinander Halt gibt und sie aus der Isolation holt.

 

Wie würde dein Traum von repräsentativer Mode im Jahr 2039 aussehen?

Um beim Beispiel der Haut zu bleiben, das sehr dominant ist in der Mode, weil Jugendlichkeit hier noch immer das Nonplusultra ist: Ich komme gerade in eine Lebensphase, in der immer mehr Freundinnen sich für eine Botox-Behandlung entscheiden. Ich fühl mich unwohl damit und bin auch irgendwie enttäuscht. Frauen, die Authentizität und Akzeptanz und Solidarität preisen, sich aber mit Falten im Gesicht so unwohl fühlen, dass sie für etwas Geld hinblättern, was faktisch ein Täuschungsversuch ist.

 

Wenn ich in der Mode arbeite, werde ich mich ausgeschlossen fühlen, wenn ich diesen Fokus auf Jugend nicht mitmache?

Frauen, die sich an eine jugendlich frische Erscheinung klammern, die ihnen von Gesellschaft und Patriarchat diktiert wird, das irritiert mich. Die meisten reagieren auf mein Unwohlsein mit einem Schulterzucken und dem immer gleichen Argument: Wenn es dazu führt, dass ich mich besser fühle und selbstbewusster bin, wo ist das Problem. Aber warum sorgt denn diese Injektion für mehr Selbstbewusstsein? Das ist das eigentliche Thema, das uns Frauen beschäftigen sollte. Wenn ich in der Mode arbeite, werde ich mich ausgeschlossen fühlen, wenn ich diesen Fokus auf Jugend nicht mitmache? Männer unterliegen diesem Druck der vergehenden Jahre nicht so sehr und müssen nicht ständig die Dauer ihrer Existenz verschleiern. Dieser ganze Prozess ist der Idee von Size Zero, die noch bis vor Kurzem in der Mode existierte, nicht unähnlich. Dieser Idee, möglichst wenig Raum in Anspruch zu nehmen.

Die Schriftstellerin Joan Didion wurde 1934 geboren und modelte 2015 für die Modemarke Céline.

Aber Falten sind doch auch ein Zeichen von Weisheit, von Errungenschaften, von Lachen, einem in vollen Zügen gelebten Leben. Und auch wenn es toll war, dass Phoebe Philo in ihrer Frühlingskollektion 2015 bei Céline Joan Didion als Markenbotschafterin gewählt hat, auch wenn Dokumentationen über Ikonen wie Iris Apfel gedreht werden oder Daphne Selfe auf den Laufstegen der Welt zu sehen ist, hat das bislang keinen bleibenden Einfluss. Die Altersdiskriminierung in der Modewelt ist von der modernen Repräsentations‑ und Inklusionbewegung noch gänzlich unberührt. Ich hoffe, dass wir uns im Jahr 2039 von der Tyrannei befreit haben werden, Gift in unser Gesicht injizieren zu lassen, um unserer natürliches Aussehen zu verbergen. Auf dass uns ein goldenes Zeitalter für die Golden Girls erwartet!

 

Vielen Dank für diesen Einblick in die Gegenwart und Zukunft der Modewelt, liebe Jackie.

Die Modejournalistin und Autorin Jackie Mallon hat mit »Silk for the Feed Dogs« einen treffenden und fesselnden Roman über die Modewelt geschrieben und analysiert diese auch regelmäßig auf Fashion United.

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Fashion: Ist nackte Haut auch Female Empowerment?

Wie funktioniert Female Empowerment heute in der Modewelt? Diese Frage stellte sich die international bekannte Modejournalistin Jackie Mallon bereits Anfang 2018 mit dem Artikel „Für Female Empowerment ohne Sex Sells“. Jetzt, etwas mehr als ein Jahr später, haben wir mit ihr darüber gesprochen, ob sich der zurzeit wieder sehr umtriebige Modezirkus in seinem Umgang mit dieser Frage weiterentwickelt hat.

 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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