Nein zu Massenkonsum! Diese 2 tragen, was andere wegwerfen

Words by Arzu Gül
Photography: Beatrice Grundheber
Lesezeit: 5 Minuten
Found on the Street Anna Vladi und Karina Papp

Auf dem Instagram-Kanal »Found on the Street« zeigen Anna Vladi und Karina Papp Outfits, die sie auf der Straße gefunden haben. Was hinter dem Projekt steckt, erfahren wir im Interview.

 

Auf Instagram gibt es unzählige Fashion- und Street-Style-Accounts, in denen junge Frauen täglich ihre Outfitinspirationen posten. Anna Vladi und Karina Papp machen etwas Ähnliches, jedoch mit einem grundlegenden Unterschied: Sie tragen auf ihren Fotos vorwiegend Kleidungsstücke, die sie auf der Straße gefunden haben. 

Kennengelernt haben sich Anna und Karina bereits vor über 15 Jahren in ihrem Heimatland Russland. In St. Petersburg studierten beide Publizistik und zogen später nach Berlin. Hier arbeiten sie als Journalistinnen und Übersetzerinnen. Gleichzeitig sind sie als Mode-AktivistInnen aktiv und möchten mit ihrem Projekt @found_on_the_street dem Fast-Fashion-Trend entgegenwirken und zu einem bewussten und nachhaltigen Konsum anregen.

Wir haben mit Anna Vladi über die Modeindustrie, den Inhalt ihres Kleiderschranks und die Bemühungen nachhaltiger Brands gesprochen. Die Message ist eindeutig: Die Modeindustrie muss gesetzlich kontrolliert werden

Den Instagram-Account @found_on_the_street haben du und Karina 2017 gegründet. Dort kuratiert ihr Kleidungsstücke und Outfits, die ihr auf den Straßen dieser Welt gefunden habt. Wie ist diese einzigartige Idee entstanden?

Es hat bereits viel früher begonnen, etwa 2010, als wir beide nach Berlin kamen. Schon damals haben wir immer wieder Kisten am Straßenrand gesehen. Irgendwann wurde unsere Neugier immer größer und wir schauten ab und zu rein und nahmen auch mal ein Kleidungsstück mit. Dadurch veränderte sich unsere Garderobe und zwangsläufig auch unser Mindset. Karina schlug 2017 schließlich vor, unsere Fundstücke mit anderen über Instagram zu teilen. Unsere FreundInnen taggten dann die Brands, und wir markierten die Orte, an denen wir unsere Outfits gefunden haben. Das kam sehr gut an. 

Geht ihr bewusst auf die Suche nach Kleidung oder nehmt ihr das, was Euch zufällig über den Weg läuft?

Gezielt auf die Jagd gehen wir nie. Die Kisten finden wir immer zufällig, je nachdem, wo wir unterwegs sind. Da ich fast überall mit dem Fahrrad hinfahre, stoße ich immer wieder auf Kartons mit der Aufschrift »zu verschenken«.

Kauft ihr überhaupt noch Kleidung?

Socken und Unterwäsche – ja! Das ist aber auch fast alles, was wir neu kaufen. Letztes Jahr musste ich mir außerdem neue Laufschuhe kaufen. Da ich diese aber gut pflege, werde ich sie viele Jahre tragen können. Das ist mir wichtig.

Euch geht es um Slow Fashion und darum, anderen einen bewussten Konsum vorzuleben. Warum, glaubt ihr, haben Menschen das Verlangen, ständig neue Dinge zu kaufen? Wo entsteht das Problem heutzutage?

Vorleben ist ein starker Ausdruck. Wir möchten gerne Alternativen zu Massenkäufen aufzeigen und Menschen zum Nachdenken anregen. Dabei gibt es ganz viele unterschiedliche Ansätze: Kleidung tauschen, verschenken, alte Klamotten umnähen, reparieren, secondhand einkaufen oder auch in den Schränken der Großeltern schauen. Das Problem heutzutage ist, dass wir in allen Bereichen eine Konsumgesellschaft sind. Es geht um Schnelligkeit und Besitz. Dabei hinterfragen viele Menschen nicht, welche Auswirkungen die Textilproduktion auf Natur und Umwelt hat. Hier möchten wir aufklären und Diskussionen anstoßen.

Das Thema Nachhaltigkeit ist wichtiger denn je. Es gibt immer mehr Brands, die sich der nachhaltigen Produktion von Textilien verschreiben. Auch die Berlin Fashion Week und die dazugehörigen Messen befassen sich inzwischen zum Großteil mit dieser Thematik. Wie steht ihr zu nachhaltig produzierter Ware? 

Selbstverständlich sind wir nicht für einen kompletten Stopp der Produktionskette. Ich unterstütze nachhaltige Produktionen und finde, dass alles andere gesetzlich verboten werden sollte. Aber auch nachhaltige Mode muss hinterfragt werden. Denn auch hier wird Baumwolle produziert, was wiederum Unmengen von Wasser benötigt. Es wäre schön, wenn sich Brands mehr mit Upcycling und/oder Recycling beschäftigen würden. Seitens der KonsumentInnen wünsche ich mir einen bewussteren Umgang mit Neukäufen: Brauche ich das Teil wirklich? Wie viel Kleidung trage ich überhaupt und was liegt nur rum? Jedes T-Shirt hinterlässt seine Spuren und erhöht unseren ökologischen Fußabdruck. Das sollte jedem und jeder klar sein.

Denkt ihr, Siegel wie der »Grüne Knopf« werden etwas in der Gesellschaft verändern?

Der Grüne Knopf ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Dennoch bin ich kritisch. Wie werden die Kriterien genau überprüft? Das ist nicht hinreichend geklärt. Auch was nach dem Lebenszyklus eines Kleidungsstückes passiert, ist nicht geregelt. Meiner Meinung nach müssten sich ProduzentInnen nicht nur um eine faire und nachhaltige Produktion, sondern auch um das Recycling eben dieser Produkte kümmern. Unsere Erde ist bereits zur Genüge vollgemüllt.

Inzwischen hört man ja auch häufig die Begriffe »Capsule Wardrobe« oder »Conscious Wardrobe«. Es geht darum, die eigene Garderobe ganz bewusst mit zeitlosen Klassikern aufzubauen, die man lange Jahre trägt. Hast du Tipps für den Aufbau einer solchen Sammlung?

Mein Tipp: Mutig bleiben und keine Angst vor dem Kombinieren haben. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Kleidungsstücke wirken können, je nachdem, wie sie gestylt werden. Wichtig ist es außerdem, sich in den Teilen schön und wohlzufühlen. Pro-Tipp: Wenn man abends ausgeht oder einen besonderen Anlass feiert, lohnt es sich, mal bei einer Freundin nachzufragen und sich hierfür ein Teil auszuleihen. Karina und ich tauschen ständig Klamotten aus und bringen so immer wieder Schwung in unsere Garderobe.

Wie viele Kleidungsstücke hast du insgesamt? Wie oft tauschst du deine Kleidung aus?

Meiner Meinung nach habe ich immer noch viel zu viel. Ich habe ca. 40 Teile in meinem Kleiderschrank und noch weitere in einem großen Koffer. Ich verfolge allerdings eine strenge Regel: Alle drei Wochen schaue ich durch meinen Kleiderschrank und sortiere alles, was ich nicht angezogen habe, aus. Diese Teile wandern dann in den besagten Koffer. Im Gegenzug darf ich mir dafür aber wieder etwas »Neues« aus dem Koffer aussuchen. Das schafft viel Abwechslung und macht Spaß!

Anna, du bist Mutter einer Tochter. Bezieht sich diese Art des Konsums nur auf dein Leben oder auch auf das deines Kindes? Kinder wachsen ja ständig aus ihrer Kleidung heraus.

Die Produktion von Kinderkleidung macht leider einen der größten Bereiche der Textilindustrie aus. Selbst Eltern, die für sich bewusst und nachhaltig shoppen, wollen ihren Kindern »das Beste« ermöglichen und kaufen ihnen ständig neue Sachen. Das kann ich nicht nachvollziehen. Meine Tochter ist sieben Jahre alt und ich habe ihr, bis auf die genannten Ausnahmen, noch nie neue Kleidung gekauft. Heutzutage hat fast jeder eine Waschmaschine und kann Second-Hand-Kleidung angemessen reinigen. Meine Tochter liebt es beispielsweise, auf Flohmärkte zu gehen und zu stöbern, und leiht selber gerne ihre Kleidung an Freundinnen aus. Ihr größtes Hobby ist außerdem das Basteln, wofür sie »Haushaltsmüll« wie Becher, Kartons usw. verwendet. Sie sagt, wenn sie groß ist, möchte sie Häuser aus Materialien bauen, die wir als »Müll« bezeichnen, sodass kein Mensch mehr ohne ein Zuhause sein muss. Es ist unglaublich schön zu sehen, wie bewusst sie mit Dingen umgeht.

Unsere Erde ist bereits zur Genüge vollgemüllt.

Wie wird sich das später gestalten? Kinder verspüren ja oftmals einen hohen Druck von MitschülerInnen, immer die neuesten Klamotten oder Markenartikel zu besitzen. Wie gehst du damit als Mutter um?

Mein Partner und ich fungieren hier als Vorbild. Sie weiß, dass sie auch in Second-Hand-Kleidung super aussehen kann. Wenn sie beispielsweise in einer »zu verschenken«-Kiste ein tolles Fundstück ergattert, ist sie ganz stolz und erzählt ihren FreundInnen davon. Natürlich ist sie erst sieben Jahre alt, und der Druck von MitschülerInnen kann jederzeit kommen. Ich hoffe aber auf ein weiteres Umdenken in unserer Gesellschaft und den jüngeren Generationen, wodurch Nachhaltigkeit und ein umweltfreundlicher Lebensstil als »cool« gelten. Zumindest bringen wir ihr das nötige Selbstbewusstsein bei und zeigen ihr, dass sie stolz darauf sein kann. 

Ganz pragmatisch: Welche Tipps würdet ihr jemandem geben, der heute damit anfangen möchte, bewusster zu konsumieren. Wo fängt man am besten an?

Ich sage immer: Fragt euch, ob ihr das Teil wirklich benötigt oder ob es beispielsweise eine Belohnung für einen schlechten Tag ist. Ist Letzteres der Fall? Dann lasst es liegen. Fangt an, euch über die Textilproduktion zu informieren. Geht eure Garderobe durch und veranstaltet zu Hause eine lustige Kleidertausch-Party. Ihr werdet überrascht sein, wie viele tolle Teile ihr ohne Weiteres ergattern und gleichzeitig anderen eine Freude machen könnt. Letzten Endes spart der Verzicht aber nicht nur viel Zeit und Ressourcen, sondern schont auch maßgeblich den Geldbeutel. Das ersparte Geld kann dann in andere Dinge investiert werden: eine Traumreise, eine Weiterbildung, wohltätige Zwecke oder die Zukunftsplanung. 

Liebe Anna, vielen Dank für das Interview!

Dazu Passend

Grüner Knopf: Wofür steht das staatliche Siegel?

Der sogenannte »Grüne Knopf« soll fair und ökologisch produzierte Kleidung sichtbar machen. Wird das erste staatliche Siegel etwas bewirken können? 

Share:

Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

Kommentieren