Dieses feministische Brettspiel rockt

Words by Annekathrin Walther
Photography: Playeress
Produktfoto des Brettspiels "Wer ist sie?"

Die Geschichte der Menschheit wird vielerorts anhand männlicher Leistungen erzählt. Protagonisten des Geschehens waren – und sind – meist Männer. Frauen tauchen – wenn überhaupt – als Ausnahmeerscheinungen auf. Mit ihrem Brettspiel »Wer ist sie?« fordern Zuzia Kozerska-Girard und ihr Unternehmen playeress dieses Weltbild heraus. Ihre Version des Spieleklassikers »Wer ist es?« rückt die Leistungen von bekannten und weniger bekannten Frauen in den Mittelpunkt.

 

Serena WilliamsFrida KahloAretha Franklin: drei berühmte Frauen, die den meisten Menschen heutzutage ein Begriff sind. Doch wie sieht es mit Grace Hopper und Wangari Maathai aus? Wer weiß auf Anhieb, dass Erstere eine Computerpionierin und Letztere eine kenianische Frauenrechtsaktivistin und Umweltministerin war? 

Die Menschheitsgeschichte wäre eine andere ohne die wirkungsmächtigen Errungenschaften von Frauen. So beeindruckend ihre Leistungen sind, so folgenreich wurden – und werden – sie mitunter klein gemacht, totgeschwiegen oder vollständig verdrängt: Alice Ball, eine afro-amerikanische Chemikerin, entwickelte die erste Behandlung gegen Lepra. Die Universität von Hawaii erkannte ihre Leistung jedoch erst 90 Jahre später an. Joanne Rowling erfand Harry Potter und begeisterte damit Millionen von Leserinnen und Lesern. Veröffentlicht wurden die Bücher jedoch unter dem Kürzel J. K. Rowling, da der Verlag fürchtete, dass kleine Jungen kein Buch lesen würden, das offensichtlich von einer Frau geschrieben war. 

»Wer ist sie?« in Aktion.

15.000 € waren das Ziel. 524.016 € kamen zusammen.

Die hier aufgeführten Informationen und Anekdoten sind nun gebündelt und noch dazu als Brettspiel zu haben. Schon vor vier Jahren, so berichtet Zuzia Kozerska-Girard, habe sie begonnen über das Konzept von »Wer ist sie?« nachzudenken. Damals war sie schwanger. Da sie wusste, dass ihr Kind ein Mädchen sein würde, malte sie sich aus, welche Spiele sie mit ihrer Tochter spielen könne. So richtig gefiel ihr jedoch nichts von dem, was es zu kaufen gab. Über die nächsten Jahre arbeitete sie gemeinsam mit ihrem Mann am Prototyp des Spiels. Ende November 2018 startete sie eine Kickstarter-Kampagne, um das Projekt zu finanzieren und übertraf das selbst gesteckte Ziel von 15.000 € um ein Vielfaches: 524.016 € kamen zusammen, und Playeress wurde mit Bestellungen überhäuft. Zuzia und ihr Team bearbeiten derzeit noch immer Bestellungen, die an UnterstützerInnen der Kickstarter-Kampagne verschickt werden. Gleichzeitig hat die Produktion von Aufträgen, die nach der Kampagne eingegangen sind, bereits begonnen. 

Auf die Frage, was in ihr vorging, als sie realisierte, wie erfolgreich ihr Projekt sein würde, antwortet Zuzia mit einem schwitzenden Emoji: »Als uns klar wurde, wie schnell die Sache Fahrt aufnahm, liehen wir uns Geld von unseren Eltern und kauften den Laser und die Drucker schon bevor die Kampagne beendet war.« An Weihnachten 2018 wurde Zuzias gesamte Familie in die Produktion mit eingespannt. Im Januar überschlugen sie und ihr Mann, dass es drei Jahre dauern würde, wenn sie wie geplant alle Spiele selbst bauen würden. Mittlerweile ist das Playeress-Team ganz offiziell auf sieben Personen gewachsen. »85 Prozent des Teams sind Frauen«, betont Zuzia.

Zuzia bei der Arbeit.

Grund für den Erfolg der Kampagne war mit Sicherheit nicht nur die originelle Spielidee, sondern auch das ausgefeilte Design. Die nachhaltige Holz-Variante (es gibt auch eine Variante aus Papier, die bisher jedoch nur auf Englisch zu haben ist) wird aus baltischem Birkenholz hergestellt. Die Oberflächen sind mit Leinöl behandelt. Zugeschnitten werden die Einzelteile des Spiels mittels Lasertechnik. Die Portraits der Frauen wurden von der Künstlerin Daria Gołąb entworfen und von Hand gemalt. Das Spiel gibt es auf Polnisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Französisch und Italienisch. 

Biographie-Karten von »Wer ist sie?«

»Wer ist sie?« – so funktioniert das Spiel

Die Regeln von »Wer ist sie?« sind simpel: Gespielt wird zu zweit. Beide SpielerInnen erhalten ein schmales Holzbrett mit 28 aufklappbaren Täfelchen. Auf jedem Täfelchen ist eine Frau abgebildet, die etwas Herausragendes geleistet hat. Der Spielverlauf besteht darin, abwechselnd mit Hilfe von »Biographie-Karten« die Persönlichkeit einer portraitierten Frau anzunehmen, die die Gegenspielerin dann erraten muss. Dies versucht sie, indem sie einfache Ja/Nein-Fragen stellt. Hier greift nun die wichtigste Regel von »Wer ist sie?«: Die gestellten Ja/Nein-Fragen dürfen sich nur auf die Leistungen der Frauen, nicht auf ihr Aussehen beziehen: »Ist sie brünett?« wäre also keine angemessene Frage. »Hat sie einen Nobelpreis gewonnen?« oder »War sie Spionin« hingegen schon. 

 

Nicht aufs Aussehen kommt es an, sondern auf die Leistung.

Mit dieser Regel unterscheidet sich »Wer ist sie?« von seiner Vorlage »Wer ist es?«. »Guess Who?« – so der englische Originaltitel – ist ein Gesellschaftsspiel, das laut Wikipedia Ende der 1970er Jahr entwickelt wurde. Anders als bei der Playeress-Variante, bei der Frauen des wirklichen Lebens abgebildet sind, sind die zu erratenden Personen im ursprünglichen Spiel rein fiktiv. Dennoch funktioniert »Wer ist es?« im Prinzip wie »Wer ist sie?«, allerdings unterscheiden sich die 24 – nicht 28 – abgebildeten Personen nur äußerlich und werden entsprechend auch über Fragen nach Äußerlichkeiten erraten. Die ersten Versionen des Spiels zeigten fünf Frauengesichter, neuere Versionen bilden acht Frauen ab. 

Was kann ein feministisches Brettspiel leisten?

Die Zeiten haben sich geändert: Bei »Wer ist sie?« sind 28 von 28 portraitierten Personen Frauen. Die Auswahl ist ausgewogen: Neben diversen Leistungen und Berufsfeldern werden auch unterschiedliche Nationalitäten und Alter abgebildet. Die interessanten Biographien inspirieren und zeigen, dass viele Frauen unbeirrt ihren Weg gegangen sind. Ein toller Nebeneffekt des Spiels ist, dass es unmöglich ist, nicht sofort an die Frauen zu denken, deren Portraits fehlen. Was ist mit Virginia Woolf? Sophie Scholl? Beyoncé? Zuzia Kozerska-Girard? Sie alle und viele mehr könnten Teil dieses Spiels sein. »Wer ist sie?« schafft ein Bewusstsein dafür, wie viele herausragende und mutige Frauen diese Welt prägen und geprägt haben.

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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