Fashion: Ist nackte Haut auch Female Empowerment?

Words by Jana Ahrens
Photography: Khaled Ghareeb
Zwei Frauen mit Dutt und roten Lippen tragen tief ausgeschnittene und schulterfreie Kleider in Beige

Wie funktioniert Female Empowerment heute in der Modewelt? Diese Frage stellte sich die international bekannte Modejournalistin Jackie Mallon bereits Anfang 2018 mit dem Artikel »Für Female Empowerment ohne Sex Sells«. Jetzt, etwas mehr als ein Jahr später, haben wir mit ihr darüber gesprochen, ob sich der zurzeit wieder sehr umtriebige Modezirkus in seinem Umgang mit dieser Frage weiterentwickelt hat.

 

Was hat dich dazu veranlasst, einen Artikel über #MeToo in der Modeindustrie und auf den Laufstegen zu schreiben?

In meinem Artikel ging es nicht primär um #MeToo, sondern mehr um Feminismus in der Mode und darum, was wir hoffen, mit all der globalen Aktivität und Diskussion rund um das Thema Frauenrechte zu erreichen. Mir fällt zunehmend auf, dass es einen speziell »amerikanischen Feminismus« gibt, den meine europäischen Freunde als militant und spaltend empfinden. Dann kam hinzu, dass einerseits die Designerin Phoebe Philo den Rücktritt von ihrer Marke Céline ankündigte, während gleichzeitig ein gewisses Model ständig überall auftauchte und ihre Form der körperlichen Entblößung als Feminismus bezeichnete und alle Frauen, die ihre Selbstdarstellung kritisierten, als Anti-Feministinnen diskreditierte.

Das Model Emily Ratajkowski bezeichnet Kritik an ihrer Selbstdarstellung als anti-feministisch.

Ich sehe das aber anders, genau so etwas ist Feminismus. Und das war meine Inspiration für den Artikel. Wenn ihr Beitrag zur Idee des Feminismus ihre nackte Haut ist, dann ist mein Beitrag – und der von anderen –, umsichtig meine Meinung mitzuteilen. Wir Frauen gehen den Fortschritt auf verschiedene Arten an. Aber was dieses Model und ihre Anhängerinnen tun, ist keine geniale Form, den Status quo zu unterlaufen. Es ist banal, schädlich, unglaubwürdig und gibt dem Patriarchat die Möglichkeit, den Feminismus sowohl als Verdienstquelle zu nutzen und ihn zugleich zu untergraben. Natürlich gibt es im Feminismus auch Platz für Sexyness. Aber wenn man für Feminismus stehen will und dann lediglich mit nackter Haut aufwartet, dann muss man sich auf Gegenwind einstellen. Ja, wir Frauen sollten uns untereinander stärken. Aber wenn es darum geht, soziale Veränderung nachhaltig und tiefgreifend umzusetzen, dann können die Ideen dazu nicht so oberflächlich sein wie… Haut.  

Das Mode-Establishment verliert zusehends an Macht

In deinem Artikel von 2018 ging es auch viel um Repräsentation von verschiedenen Menschen in der Mode. Mit einem Blick auf Social-Media-Plattformen wie Instagram scheint es ja, als wäre bereits eine vielseitige Idee von Diversität dabei sich durchzusetzen. Warum scheint es so schwer, diese Diversität auf rote Teppiche und in Mainstream-Magazine zu übertragen?

 

Vielleicht sollten wir uns einfach gar nicht mehr so stark auf rote Teppiche oder Mainstream-Magazine konzentrieren. Bei allem Hunger nach Neuem ist das traditionelle Modesystem nicht agil genug. Es verlässt sich zu stark auf Formeln, und leider sind auch einige der mächtigsten Protagonisten mit dem größten Werbebudget vollkommen realitätsfremd. Sie halten an ihrem elitären Elfenbeinturm fest, der ihnen so lange zu Erfolg und Wohlstand verholfen hat. Aber alle paar Wochen entsteht jetzt ein neuer Skandal, der demonstriert, wie sehr die alten Marken ihren Kontakt zur Realität verloren haben. Beispielsweise Dolce & Gabbana, die sich in ihrer Werbung über chinesische Kultur lustig machen, während sie gleichzeitig planen, in China eine erste millionenschwere Modenschau zu präsentieren. Oder die Blackface-Ausrutscher von Gucci und Prada. Sogar Carolina Herrera wurde aktuell vorgeworfen, indigene Techniken und Muster plagiiert zu haben.

Tut euch zusammen, damit ihr mehr seid als die.

Bis vor kurzem mussten junge, aufstrebende Designer*innen der etablierten Modewelt die Füße küssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden, um sich auf den Fashionweeks zeigen zu können, um über den Großhandel verkaufen zu können und in der Presse erwähnt zu werden. Das ist vorbei. Klassische Laufsteg-Modenschauen sterben aus, die Printmedien verlieren an Macht. Auch viele Fachhändler, die einst auf ihre Größe vertrauen konnten, geraten ins Wanken.

Andere Konzepte finden ihren Platz. Wie beispielsweise Everlane, die nur mit einer Webseite und Social-Media-Kanälen gestartet sind, dann erste Pop-Up-Events eingeführt haben und jetzt erst einen ersten Laden eröffnen. Warum sollte dieses Konzept nicht auch für Abendkleidung funktionieren? Junge Designer*innen, Fotograf*innen und Stylist*innen sollten sich heute bewusst gegen das Establishment stellen. Denn das Establishment verliert zusehends an Macht, während die Jüngeren jetzt die Chance haben, das System zu hacken. Mein Rat würde lauten: Seid underground und macht die Dinge selber. Und tut euch zusammen, damit ihr mehr seid als die.

Du bedauerst auch den Abschied von Phoebe Philo, Jil Sander und Helmut Lang aus der Modewelt, weil mit ihnen eine besonders komplexe, vielschichte Idee von Weiblichkeit aus der Mode verschwindet. Siehst du die Chance, dass junge Talente ihren Staffelstab aufnehmen und diese Tradition fortführen? Oder hat sich die Situation in der Modebranche schon so weit verändert, dass es in Zukunft solche Ikonen gar nicht mehr geben kann?

Ich sehe bisher keine legitimen Bewerber*innen um den Thron dieser Mode-Ikonen. Aber ja, zugleich hat sich eben auch die Modewelt sehr verändert. Die Idee von Weiblichkeit ist sehr unscharf geworden. Androgynität ist ja schon schick, seitdem Katherine Hepburn Hollywood in ihren weiten Bügelfaltenhosen, schlichten Hemdblusen und flachen Halbschuhen aufgemischt hat. Es besteht weiterhin Bedarf für dieses subtile Wechselspiel zwischen maskulinen und femininen Codes. Ich sehe noch nicht, dass die Kundinnen von Giorgio Armani ihm den Rücken zukehren würden, um sich in der völlig unbegrenzten Freiheit der nicht gender-konformen Bewegung auszutoben. Aber die Millennials und die Generation Z kodieren ihre Mode um. Sie behandeln Kleidungsstücke wie Zutaten für ihre ganz eigenen Rezepte. Ihre Einstellung wirkt fast, als würden sie sich fragen: »Wie würde es wohl schmecken, wenn ich dieses mit jenem vermischen würde?« Ein maßgeschneiderter Blazer ist für sie nicht mehr so bedeutungsgeladen, wie er mal war. Deshalb können diese Generationen Weiblichkeit auf eine viel offensivere Art unterlaufen, als es für die Generationen vor ihnen möglich war.

 

In ihrem aktuellen Netflix-Comedy-Special sagt die Komikerin Wanda Sykes, es sei einfach nicht möglich, glaubhaft für Frauenrechte zu demonstrieren und gleichzeitig ein Fan von Sendungen wie »The Bachelor« zu sein. Du kritisierst in deinem Artikel die »Victoria’s-Secret-Kriegerinnen in Unterwäsche«. Stimmst du Wanda Sykes in dem Sinne zu, dass Frauen, die behaupten, sie würden die untergeordnete Rolle »nur spielen«, abwertenden Gender-Stereotypen letzten Endes doch in die Hände spielen? 

Diskussionen dieser Art habe ich in letzter Zeit sehr oft geführt. In diesem Fall ist es so: Was die Bachelor-Sendungen verkaufen, ist etwas sehr anderes als das, was »Victoria’s Secret« verkauft. Natürlich bieten uns beide Unterhaltung. Aber die Bachelor-Sendungen sind nicht darauf aus, Produkte in einen völlig überfüllten Markt zu pressen, die sowieso irgendwann auf Müllhalden enden werden. Und die primär in einem von Männern dominierten Markt produziert, aber von Frauen in Entwicklungsländern unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden. Und dann noch unter dem Vorwand vermarktet werden, Frauen zu empowern, während durch das Marketing zugleich Transphobie, Bodyshaming und hemmungslose kulturelle Aneignung begünstigt werden.

Jasmine Tookes auf der Victoria’s Secret Show in London 2014

Die Bachelor-Sendungen sind Fernsehunterhaltung. Ich halte sie für eine Form von Eskapismus, so wie das Gucken von Seifenopern, oder vielleicht eher von Katastrophenfilmen… Auch wenn es mich schon ärgert zu sehen, wie sich die Frauen in diesen Sendungen abmühen, eine Rose geschenkt zu bekommen – jede auf dieselbe Art in ihren figurbetonenden Kleidern, mit denselben Frisuren, ohne jegliches Bedürfnis, Individualität auszustrahlen – so muss ich doch sagen, dass das eben einen Großteil unserer Gesellschaft widerspiegelt. Der Male Gaze – also die Präsentation von Frauen mit Fokus auf die Bedürfnisse von Männern – ist nun einmal vorherrschend und will befriedigt werden. Also werden Frauen sich auch weiterhin auf ein und dieselbe Silhouette in verschiedenen Farben reduzieren lassen, ganz als wären sie einfach verschiedene Sorten Eiscreme, für die es sich zu entscheiden gilt. Mir fallen gerade irgendwie immer Essensmetaphern ein, wahrscheinlich habe ich Hunger!«

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Jackie Mallon und ihr Traum von Repräsentation in der Mode

Die Mode war schon immer Spiegel der Gesellschaft. Das ist ein Grund, warum sich auch immer wieder neue Wellen des Feminismus an der Mode abarbeiten. Dabei geht es sowohl um die Art der Präsentation, als auch um die Gestaltung selber. Mit der renommierten Modejournalistin Jackie Mallon haben wir uns – basierend auf ihrem Artikel Für Female Empowerment ohne Sex Sells – darüber unterhalten, wie der aktuelle Feminismus Einfluss auf die Mode nimmt. Teil eins dieses Interviews beschäftigt sich mit der Frage, ob es nackte Haut auch ein Teil des Female Empowerment in der Mode sein kann. 

 

 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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