Designerin Stephanie Jasny überwindet Einschränkungen

Words by Jana Ahrens
Dunkelblonde Frau mit hohem Dutt trägt einen schwarzen Kimono und schaut rechts aus dem Bild
Stephanie Jasny ist eine erfahrene Produktdesignerin, die sich ganz unaufgeregt einen festen Platz in der internationalen Design-Szene erarbeitet hat. Ihre Designs sind verständlich und doch eigensinnig. Im Interview erzählt sie von der Gründung ihres eigenen Studios, von Neugierde, Begeisterung und ihrem Vergnügen an Design-Einschränkungen.

 

Du hast an der Universität der Künste Industriedesign studiert. Das ist ja ein breites Feld. Woher wusstest du, dass du dich auf Leuchten und Möbel spezialisieren willst? 

Ich würde sagen: Ich wurde spezialisiert. Das hat viel mit Nachfrage und Briefing zu tun. Die Leuchten waren Teil meiner Diplomarbeit, kamen also noch aus einer Art Selbst-Briefing. Direkt nach dem Studium habe ich dann geguckt, bei welchen Design-Wettbewerben ich mitmachen kann, um überhaupt erst einmal eine Plattform zu bekommen. Ich habe mich beworben und konnte bei den Design Talents auf der Möbelmesse in Köln ausstellen. Da lassen sich interessante Kontakte schließen. Heute heißt dieser Wettbewerb Pure Talents Contest. Dort habe ich die ersten Anfragen von Unternehmen bekommen. Die nächsten Schritte sind also nicht so sehr aus einer Idee von „Das will ich machen.“ entstanden. Sondern eher aus der Anfrage „Willst du das machen?“. Es waren also Briefings von Firmen, die mir die erste Richtung gegeben haben. 

 

Auf der Möbelmesse in Köln stellte Stephanie Jasny 2008 die Leuchte Cordula vor.

 

Aber sind Möbel trotzdem etwas, was dir am Herzen liegt? Oder ist dir eher das Interdisziplinäre wichtig? Denn jetzt gestaltest du ja auch Leitsysteme. 

Möbel machen mir total Spaß. Das ist eine Gestaltungsdisziplin, die total nah bei mir ist. Weil sie den Menschen generell nah ist. Du sitzt auf einem Stuhl, du lebst mit deinen Möbeln. Das Interesse an Leitsystemen hat für mich etwas mit einem Reifeprozess zu tun. Es hat sich über die Zeit das Bedürfnis eingeschlichen, mal etwas mit größerem Einfluss zu machen. Das klingt etwas hochtrabend, aber was ich meine, ist die Fragestellung: Was bleibt am Ende übrig von dem, was ich mache? Was hinterlasse ich so als Gestalterin? Dann kam über meinen ehemaligen Professor die Anfrage, ob ich Leitsysteme mitentwickeln würde. Ich habe festgestellt, dass mir das auch sehr viel Spaß macht. Ein Leitsystem, auch wenn es irgendwie gegenständlich ist, hat einen viel größeren immateriellen Wert als ein Stuhl oder eine Lampe. Es spricht im besten Falle Menschen kommunikativ an und hilft ihnen, sich zurecht zu finden. Deshalb fahre ich jetzt zweigleisig. Ich habe gerade am Leitsystem für das Futurium Berlin mitgearbeitet. Da gibt es eine Komponente, die mehr ins Material geht und die aus dem Material heraus gedacht wird. Aber natürlich immer in Kombination mit einer Gestaltung, die über Typografie funktioniert. Die Verschränkung von Produktdesign und Grafikdesign finde ich sehr spannend. 

 

Für das Leitsystem im Futurium hat die Agentur HLZ Materialität und Typografie verbunden.

 

Du hast auch lange an der Uni gearbeitet, oder?  

Genau, ich war ziemlich direkt nach meinem Diplom künstlerische Mitarbeiterin und im Anschluss ein Semester lang Gastprofessorin bei einem deutsch-französischen Kooperationsprojekt, das hauptsächlich in Paris stattfand. Das war ein total interessantes Projekt. Das waren dann ja 6 ½ Jahre, und danach hat es sich gut angefühlt, den Fokus mal anders zu setzen.

 

Es kann nicht nur darum gehen, den 1000sten Stuhl zu entwerfen. Es geht darum, zu überlegen, was wirklich hinzukommen sollte.

Stephanie Jasny

 

Was hat dich fasziniert an der Lehre?  

Grundsätzlich ist Lehre totaler Luxus. Auch für die Lehrenden. Man bekommt von mehrheitlich talentierten und tollen Menschen Ideen präsentiert und darf dem Reifeprozess dieser Ideen beiwohnen und dabei helfen. Wenn das gelingt und man in den Dialog mit den Studierenden treten kann, dann ist das eine total bereichernde Aufgabe. Leider muss man aber auch gestehen, dass die praktische Lehre – also Vorlesungen, Seminare oder Workshops – immer nur ein Teil des Ganzen ist. Der andere Teil setzt sich aus administrativen Aufgaben zusammen, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Da fand ich das Verhältnis des Öfteren nicht ganz ausgewogen. Die Prozesse sind da manchmal etwas langwierig, und man würde sich wünschen, dass die Energie mehr in die direkte Arbeit mit den Studierenden fließen kann. 

 

Einblick in eine Ausstellung, die während der Gastprofessur von Stephanie Jasny in Paris entstanden ist.

 

Gibt es aus deiner Sicht Fähigkeiten, die alle Produktdesigner*innen mitbringen sollten? 

Neugierde wäre die wichtigste Charaktereigenschaft, die man mitbringen sollte. Wenn man nicht mehr neugierig ist, dann ist es sehr viel schwieriger, Dinge zu hinterfragen oder Inspirationen und Betätigungsfelder zu finden, bei denen man das Gefühl hat, dass man etwas bewirken kann. 

 

Es ist also auch wichtig, etwas bewirken zu wollen? 

Am Beispiel eines Stuhls: Es kann nicht nur darum gehen, den 1000sten Stuhl zu entwerfen. Es geht darum, zu überlegen, was wirklich hinzukommen sollte. Selbst wenn es nur ein Detail ist, wie die Verbindung von Lehne zu Bein. Oder um die Frage, was mich an einem bestimmten Material interessiert. Was fasziniert mich an einem neuen Aspekt von Sitzkomfort? Wo steckt meine Neugierde bei einer räumlichen Inszenierung? 

 

Dann ist Begeisterungsfähigkeit auch wichtig? Dass die Arbeit emotional etwas auslöst? 

Genau. Ich glaube tatsächlich: Wenn man alles als gegeben hinnimmt und einem die Begeisterung und Neugierde fehlt, dann sieht man nicht den Sinn dahinter, dem Existierenden noch etwas hinzuzufügen. Manchmal natürlich auch zu Recht. Es gibt gewisse Dinge, die einfach gut sind, wie sie sind. Archetypische Gegenstände, an denen sich Designer*innen immer wieder die Zähne ausgebissen haben, nur um am Ende des Tages zu dem Ergebnis zu kommen, dass die Ursprungsgestalt genau die richtige ist. Trotzdem ist dieser Prozess nicht überflüssig. Das einmal anzugehen und die richtigen Fragen zu stellen, das bedarf eben der Neugierde. Und jeder Gestaltungsprozess ist ja immer wieder ein Prozess von „Trial and Error“. Bei dem man am Ende vielleicht auch zugeben muss: Ok, das war’s jetzt vielleicht nicht unbedingt. 

 

Frustrationstolerant sollen Designer*innen also auch sein?

(Lacht) Oh ja! Aber das muss man ja in fast jedem Job sein. 

 

Die Bedeutung des Autorendesigns

 

Da wir gerade über Frustration sprechen: Was war der schlechteste Ratschlag, den du während deines Studiums bekommen hast? 

Alle müssten Autorendesigner*innen sein. So nach dem Motto: „Nur die Rolle einer Autorendesignerin ist für dich ein erstrebenswertes Karriereziel.“ Alles andere sei weniger wert. Das Credo ist ja oft, dass man als Gestalter*in erst einmal per se von der Muse geküsst wird. Man ist selber voller Inspirationen, fängt selber an zu kreieren und bietet dann das fertige Produkt einer Firma an. Das heißt dann auch, nicht fest in einer Design-Abteilung zu arbeiten, sondern die einsame Gestalterin zu sein, die höchstens noch in einem Gestalter*innen-Kollektiv organisiert ist. Ich finde, diese Wertung ist eine falsche Herangehensweise. Ich habe das Gefühl, der Gegenpart dazu, also in einer Agentur oder fest in einer Design-Abteilung einer Firma zu arbeiten, hat genauso viel Potential wie die freie Arbeit in einem eigenen Studio. Ich finde es total spannend, diese Welten miteinander zu verschränken. Da hätte ich mir während des Studiums ein bisschen mehr Unterstützung gewünscht und mehr Ehrlichkeit gegenüber den Realitäten der Arbeitswelt. 

 

Für die Agentur Heine/Lenz/Ziska hat Stephanie Jasny an einem Leitsystem für die Hamburger Kunsthalle mitgearbeitet.

 

Also weniger Idealisierung der Rolle der Autorendesigner*in und mehr Fokus auf den Austausch mit den Auftraggebern und Kollegen?

Genau. Den gibt es natürlich im Autorendesign schon auch. Das hat ja total viel damit zu tun, wie der Hersteller – in meinem Fall jetzt bei den Möbeln – wie weit ein Hersteller an diesem Dialog interessiert ist. Da gibt es starke Gefälle. Ich habe Hersteller, jetzt aktuell mit einem australischen Kunden, das ist total genial. Das ist ein absolutes Ping-Pong zwischen dem CEO, der Konstruktionsabteilung, dem Marketing, der Stylistin, die die Produktfotos macht, und mir. Die sind total an einem regen Austausch interessiert. Auf eine sehr, sehr angenehme Art. Ich habe auch schon Hersteller-Erfahrungen gehabt, dass man quasi gebeten wird, etwas zu entwerfen, dann schickt man das rüber, dann landet es in einem schwarzen Loch, man bekommt überhaupt keine Rückmeldung, dann kommt das Rebriefing und man stellt fest: Die haben direkt mal einen Prototypen gebaut. Es gab nie den Moment einer gemeinsamen Sichtung des Entwurfes, kein konstruktives Gespräch über Änderungen, keine Ansagen wie „Das muss noch leichter stapelbar sein.“ oder was auch immer. Sondern nur: Das funktioniert nicht. Aber erst in einer super-späten Phase, wo man eigentlich viel früher schon über verschiedene Expertisen und Erfahrungen hätte sprechen können. So viele Fragen lassen sich kollaborativ viel besser lösen. 

 

Ich finde es sehr interessant, in fest vorgegebenen Rahmen zu agieren, weil sie die Arbeit in gewisser Hinsicht ehrlicher machen.

Stephanie Jasny

 

Hast du in der Lehre versucht, der Idealisierung des Autorendesigns entgegenzuwirken? 

Vor allen Dingen habe ich versucht zu sagen: Seid nicht zu arrogant, aber auch nicht zu scheu. Junge Studierende stecken total viel Herzblut in einen Entwurf. Sie sind überzeugt davon, dass ihre Idee wirklich gut ist. Das muss auch so sein. Aber dann kommt Kritik, die teilweise hart ist. Denn für die Produktion müssen Entscheidungen in Frage gestellt werden. Firmen haben bestimmte Parameter, die eingehalten werden müssen. Wenn etwas zu teuer in der Produktion ist und die Firma weiß, sie kann es zu diesem Preis nicht verkaufen, dann ist das ein harter Fakt. Das tut weh. Es gibt Studierende, die können damit nicht umgehen und sehen das als Kränkung ihres Schöpfergeistes. Aber diejenigen, die so eine Resonanz einschätzen können, die wissen, dass man an manchen Punkten hart bleiben muss und für die eigene Idee plädieren muss, aber an anderen Stellen unbedingt auf den Dialog eingehen sollte – die schaffen es. Firmen, die mit Designer*innen arbeiten, sind in ihren Arbeitsbereichen auch gebunden. Aber genau diese „Restrictions“, wie die Designerin Ray Eames immer gesagt hat, die sind total interessant. Genau in diesem Spannungsfeld macht Gestaltung richtig Spaß. Ich finde es sehr interessant, in fest vorgegebenen Rahmen zu agieren, weil sie die Arbeit in gewisser Hinsicht ehrlicher machen. 

 

Den Mava Chair hat Stephanie Jasny für Firma Punt Mobles entworfen.

 

Haben die Entwürfe dann einen größeren Effekt? 

Für mich schon. Aber das hat mehr mit Persönlichkeit als mit Fremdbewertung zu tun. Es gibt auch Leute, die super-gut mit einer Carte Blanche – also mit einem Freifahrtschein – arbeiten können. Sie stellen etwas in den Raum und schauen erst hinterher, was damit passieren kann. Das hat seine Berechtigung. Ich glaube, dass ich diese große, künstlerische Geste gar nicht in mir habe. Ich finde es total spannend, über ein einzelnes Verbindungselement mit einer Person zu sprechen, die solche Elemente schon seit Jahren herstellt. Mein Blickwinkel ist dann konstruktiv-gestalterisch, die andere Person denkt vielleicht eher ökonomisch. Ich liebe Infos wie: „Durch diese Veränderung würden wir Gewicht einsparen. Das ist total sinnvoll, wenn wir die Möbel versenden. Wenn wir die Einsparung auf die Gesamtmasse hochrechnen, kommt dabei eine ordentliche Summe raus, die wir anderweitig einsetzen können.“ 

 

Da sind sie wieder: die Aspekte Neugierde und Begeisterung. 

Ja, natürlich! Ich bin total dankbar für jede dieser Informationen. Weil sie das Produkt am Ende besser machen. Zurzeit arbeite ich an einer Stuhlkollektion, bei der eine der wichtigsten Prämissen die Stapelbarkeit ist. Die Stühle werden hauptsächlich online vertrieben und für Gastronomie und Contract-Business verwendet. Das heißt, die Stühle müssen gestapelt werden können, wenn beispielsweise ein Restaurant gereinigt wird oder ein Event vorbei ist. Punkt. Daran ist nicht zu rütteln. Hinzu kommt: Bei entsprechenden Stuhl-Bestellungen wird selten ein einzelner Stuhl versandt. Es müssen mindestens 4 Stühle mit Armlehne und mindestens 6 ohne Armlehne in ein Paket passen. Unter solchen Prämissen zu arbeiten, macht mir total Spaß. Bis auf den letzten Millimeter zu überlegen: Wie spare ich am meisten ein und erhalte zugleich mein Design-Ziel? Das ist super-spannend. 

 

Der Mava Chair wird ebenfalls in der gastronomischen Ausstattung eingesetzt.

 

Welche Vision hast du für deine Entwicklung als Designerin? Wie geht‘s weiter? 

Ich werde in Zukunft den Fokus wieder mehr auf das Studio Jasny legen. Das ist in der letzten Zeit ein bisschen ins Hintertreffen geraten. Ich möchte eine Balance finden. Schließlich erfüllt es mich schon auch mit Stolz und Freude, wenn etwas, was ich maßgeblich beeinflusst habe, am Ende eine Öffentlichkeit hat. 

 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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