Copenhagen Fashion Summit: Unser Planet brennt!

Words by Jana Ahrens
Photography: Ian Dooley via Unsplash
Blonde Frau vor rosa Steinwand mit Sonnenbrille und einem schwarzen T-Shirt, auf dem ein weißer Print von einer Skeletthand mit Peace-Zeichen zu sehen ist.

Der Copenhagen Fashion Summit, kurz CPHFS, ist ein Gipfeltreffen der größten und umsatzstärksten Modemarken zum Thema Nachhaltigkeit. Wie es dazu kommt? Aktuell gibt es nichts Zeitgemäßeres für die Modebranche, als über Sustainability nachzudenken. Doch obwohl der Copenhagen Fashion Summit schon seit Jahren einflussreiche Bühnengäste anzieht, sorgt er zu seinem 10ten Geburtstag eher für gemischte Gefühle.

 

In der Mode wird das Geld mit Emotionen verdient. Kaufkräftige Zielgruppen entscheiden sich nicht primär aus praktischen Gründen für Kleidung, sondern weil Mode begehrenswert und ausdrucksstark ist. Der zweitwichtigste Faktor für eine Kaufentscheidung ist dann jedoch der Preis. Und das macht Mode zu einem extrem umkämpften Markt, der wenig Rücksicht auf Mensch und Natur nimmt. Doch die Grenzen des Wachstums scheinen erreicht.

 

In der Mode geht es immer um mehr als pragmatische Entscheidungen.

Das ist – kurz zusammengefasst – die Prämisse, auf die sich sowohl das internationale Publikum als auch die Organisator*innen und Sprecher*innen auf dem Copenhagen Fashion Summit problemlos einigen können. Das heißt für alle Beteiligten: Es muss etwas passieren. Jetzt. Unser Planet brennt, und wenn wir das Rad nicht in den nächsten 12 Jahren herumreißen, dann lässt sich auch mit Mode kein Geld mehr verdienen.

Hier enden dann jedoch die Gemeinsamkeiten, und der Tenor lautet: Es ist kompliziert. So stellt die Gründerin des Copenhagen Fashion Summit, Eva Kruse, schon bei ihrer Eröffnungsrede fest: Die Entwicklung hin zu Nachhaltigkeit in der Modebranche geht seit drei Jahren zurück. Obwohl anerkannt wird, dass die Lage ernst ist, haben alle großen Marken, die sich auf dieser Veranstaltung präsentieren, andere Prioritäten, die mit Nachhaltigkeit konkurrieren.

Sicher, auf dem CPHFS sind eindrucksvolle Weckrufe, bestürzende Geschichten von Einzelschicksalen und kritisch bohrende Fragen zu hören. Aber reicht das? Können die ernsten Stimmen das allgemeine Schulterklopfen und das Bedürfnis, Nachhaltigkeit vor allem als Werbemittel nutzen, übertönen?

V.r.n.l.: Vanessa Friedman, Mike Barry, Jason Kibbey und Roger Lee.

Die Antwort lautet: manchmal. Es gibt Verantwortliche in wichtigen Positionen, die sich selbst hinterfragen und die gemeinsam mit den Konsument*innen um die Zukunft der Erde bibbern. Sie setzten sich – so zynisch das klingt – wohltuend ab.

So beginnt dann auch Vanessa Friedman, die Chef-Modekritikerin der New York Times, ihre Gesprächsrunde damit, die Bühnengäste zu fragen, was sie alles noch nicht geschafft hätten in den letzten 10 Jahren, anstatt ihre Erfolge mit ihnen zu feiern. Interessanterweise tat sie dies auf eine Art, die bei den Befragten konkrete Ansätze zutage förderte, die den Nachhaltigkeitsprozess beschleunigen könnten. Dazu gehören folgende Punkte:

 

Banken müssen mitziehen

Banken und Rating-Agenturen müssen sich der Nachhaltigkeitsbewegung anschließen. Nur wenn börsennotierte Unternehmen nicht mehr ausschließlich über ihren Umsatzzuwachs bewertet werden, können sie sich in angemessenem Tempo nachhaltiger entwickeln.

Branchenweit denken

Das Interesse der Modemarken an umweltfreundlicher und sozial nachhaltiger Produktion muss über die eigenen Fabriken hinausgehen. So berichtete Roger Lee – der Geschäftsführer eines der weltweit größten Produktionsnetzwerke – dass seine Firma schon seit Jahren Geld investiere, um den CO2-Ausstoß in der Produktion radikal zu reduzieren. Er erläuterte aber auch, dass diese Initiative bisher für keine der Marken, mit denen seine Firma arbeite, relevant gewesen sei.

Alle an einen Tisch bringen

Es gibt inzwischen viele verschiedene Nachhaltigkeitsinitiativen und entsprechende Siegel. Schließlich möchte sich jede Marke mit so einer Maßnahme aus dem eigenen Haus medienwirksam positionieren. Die meisten Sprecher*innen auf dem Summit waren sich jedoch einig, dass es ab jetzt vor allem darum gehen müsse, dass alle Beteiligten sich an einen Tisch setzen und gemeinsam – abseits jedes Konkurrenzgedankens – darüber reden, wie der Umschwung zeitnah stattfinden kann. Denn sonst gebe es bald für niemanden mehr Ressourcen, um die konkurriert werden könne.

Unsere Branche unterliegt einem starken Wettbewerb. Aber es liegt ein großer Vorteil darin, diesen Wettbewerb auf einem gemeinsam definierten Spielfeld auszutragen.

Emanuel Chirico
Emanuel Chirico von PVH (links im Bild) und Wolfgang Blau von Condé Nast International (rechts im Bild) mit gewagten Gedankenspielen.

Ein Beispiel für die Anerkennung der Ernsthaftigkeit der Lage war auch das Gespräch zwischen dem Geschäftsführer von Condé Nast International, Wolfgang Blau, und Emanuel Chirico, dem Präsidenten von PVH. PVH macht weltweit den größten Umsatz mit Mode durch Marken wie Tommy Hilfiger und Calvin Klein. Zum Ende des Gespräches bittet Blau Chirico um ein Gedankenspiel. Er regt an, sich vorzustellen, sie beide wären erst 2009 geboren, säßen jetzt im Publikum des CPHFS und würden hören, was all die Entscheidungsträger*innen und Verantwortlichen auf der Bühne so vorschlügen. Gleichzeitig wüssten sie um die Voraussage, dass sie in 30 bis 50 Jahren unter Umständen kein Essen mehr hätten. Blau fragt: Hätte Chirico dann –­ in diesem Gedankenspiel – den Eindruck, die Verantwortlichen in der Modeindustrie würden genug tun, um Nachhaltigkeit zu fördern? Chirico antwortet mit einem längeren Schweigen und sagt dann: „…God. No!“ Und so komisch das klingen mag: Dieses Eingeständnis sorgt für mehr Hoffnung, als es noch eine weitere Lobeshymne auf bereits Geschafftes jemals könnte.

Das Fazit des Copenhagen Fashion Summit könnte also lauten: Die großen Marken haben endlich verstanden, dass Nachhaltigkeit kein Marketingwerkzeug sein sollte, sondern dass Sustainability dringend nötig ist, um die Existenz der Branche über die nächsten 20 Jahre hinaus abzusichern. Alle sagen gemeinsam: Wir versuchen es. Wir tun alles, was wir können. Ob das tatsächlich der Fall ist, und wenn ja, ob überhaupt noch genug Zeit ist, um das Richtige zu tun, muss sich in den kommenden Jahren zeigen. Bis dahin wird weiterhin auf die Eigenverantwortung der Käufer*innen gebaut. Obwohl allen klar ist, dass der Fortschritt in Richtung Nachhaltigkeit auf diesem Weg am langsamsten ist.

Share:

Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

Kommentieren