Zyklustracking - Interview mit der Hackerin Marie Kochsiek

Words by Annekathrin Walther
Photography: Josefin auf Unsplash
Viele Tampons sind auf dunklem Untergrund alle in eine Richtung ausgerichtet

Wie trackst du deinen Zyklus? Noch mit Stift und Papier? Oder mit dem Smartphone? Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Apps, die dabei helfen sollen, den Überblick zu behalten. Super Sache, sollte man meinen – tatsächlich haben die Anwendungen aber auch ihre Nachteile.

 

Wir haben uns mit Marie Kochsiek über das Thema unterhalten: Als Soziologin, Hackerin und  eine der drei Mitbegründerinnen der Zyklustracking-App drip kennt sie sich bestens aus und eröffnet interessante Perspektiven. Ein Gespräch über Hacking, Open Source und natürliche Familienplanung. 

Marie Kochsiek - eine der drei Mitbegründerinnen der Zyklustracking-App drip

Gemeinsam mit zwei Kolleginnen arbeitest du an einer Open-Source-Zyklustracking-App. Wie bist du zum Programmieren gekommen?

Über verschiedene Initiativen hier in Berlin. Mich haben digitale Menschenrechte, Privatsphäre und Open-Source-Software interessiert. Je mehr ich mich mit diesen Themen auseinandergesetzt habe, desto mehr kam der Wunsch auf, selber Software zu schreiben. Ich wollte aus der Rolle der passiven Nutzerin raus und lieber die Rolle einer aktiven Gestalterin einnehmen. Der Wunsch ist in der Rails Girls Community auf sehr fruchtbaren Boden gefallen. 

Wer sind die Rails Girls? 

Das ist eine nicht-kommerzielle Initiative für Frauen, die programmieren oder programmieren lernen wollen. Sie sind in Finnland gestartet, existieren jetzt aber überall auf der Welt. Mittlerweile hat sich die Berliner Gruppe in Code Curious umbenannt.

Das heißt, du hast nichts studiert, was mit IT zu tun hat, und keine Ausbildung in dem Bereich gemacht?

Ich habe Soziologie studiert. Am Ende meines Studiums bin ich auf das Thema Zyklustracking gestoßen. Das Thema ist eine interessante Schnittstelle: Es geht dabei um Gesundheit aus feministischer Perspektive, um Gender Studies und Körpertechnologien, aber auch um Privatsphäre, Tracking durch Dritte und die Kommerzialisierung von Gesundheit. Ich habe dann meine Masterarbeit über Zyklustracking geschrieben.

Wie ging es dann weiter?

Nach dem Studium habe ich als Software-Entwicklerin gearbeitet. 2017 hörte ich dann vom Prototype Fund. Das sind öffentliche Gelder vom Bildungsministerium, für die man sich bewerben kann. Ich dachte mir: Mensch, das ist doch die Gelegenheit, sich wirklich mal ernsthaft mit einem eigenen Vorschlag für eine Zyklustracking-App zu beschäftigen. Ausgehend von den ganzen Kritikpunkten, die ich schon gesammelt hatte, wollte ich schauen, ob es nicht irgendwie auch anders geht.Wir haben dann zu dritt – Tina Baumann, Julia Friesel und ich – das BloodyHealth-Kollektiv gegründet und uns beworben und wurden ausgewählt. Ziemlich genau vor einem Jahr konnten wir dann anfangen, an der App zu arbeiten. Wir haben sie drip genannt.

Kritik an Zyklustracking-Apps

 

Was waren die Hauptkritikpunkte an den Apps, die es schon gab?

Zum einen die fehlende Sicherheit bei der Datensicherung und zum anderen die mangelnde Privatsphäre. Bei vielen Apps werden die Daten automatisch synchronisiert und auf die Server der Unternehmen hochgeladen, die hinter diesen Apps stehen. Dabei ist meist nicht offensichtlich, welche Unternehmen eigentlich dahinterstecken. Bei manchen Apps kann man nachvollziehen, wer die Kapitalgeber sind, wenn man gezielt nach der Information sucht. Man muss sich vor Augen führen, dass Geldgebern ja immer irgendetwas versprochen wird. Niemand gibt einfach so Geld. Was genau die Unternehmen dann mit den Daten machen, kann ich natürlich nicht sagen, weil ich nicht in deren Businessmodell und auch nicht in den Code reinschauen kann. Ich glaube aber, da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. 

Welche Kritikpunkte gab es noch?

Die große Mehrheit der Apps macht eine Fruchtbarkeitsvorhersage, das heißt die fruchtbaren Tage sind – oft in einer Kalenderansicht – farblich markiert. Diese Vorhersage ist bei vielen Apps eine überselbstsichere Aussage, die sie eigentlich gar nicht treffen können. Es wird nirgends offengelegt, welche Algorithmen genutzt werden. Und doch hat die Information für die Nutzer*in unter Umständen großes Gewicht: Wenn ich die eigenen Daten in ein Gerät eingebe und eine App dann eine vermeintlich individuelle Aussage trifft, kann schnell der Eindruck entstehen, dass die markierten Tage tatsächlich meine fruchtbaren Tage sind. Stiftung Warentest hat im Dezember 2017 Zyklusapps im Hinblick auf die Verlässlichkeit ihrer Fruchtbarkeitsvorhersagen getestet. Die allermeisten Apps haben dabei extrem schlecht abgeschnitten. 

Hat hier jemand nach einer Zyklustracking-App gesucht?

 

Eine weitere Sache, die uns an vielen Apps gestört hat, war das überkitschige Genderdesign mit pinken und lilafarbenen Schmetterlingen. Wenn man »Periode« als Suchbegriff im Google Play Store oder Appstore eingibt, kriegt man viele pinke Icons. Ich habe nichts gegen Pink, aber es ist eben auch nicht die einzige Farbe. 

Was war die Traum-App, die ihr entwickeln wolltet?

Wir wollten eine App machen, deren Softwarecode öffentlich ist. Das ist der Grundgedanke von Open-Source-Software. Wir arbeiten nicht mit Unternehmen oder anderen kommerziellen Angeboten zusammen. Deshalb ist bei Open Source die Finanzierung immer schwierig. Der Prototype Fund war unsere Möglichkeit, mit dem Projekt durchzustarten.

Natürliche Familienplanung mit der symptothermalen Methode

 

Macht eure App denn eine Fruchtbarkeitsvorhersage?

Ja, wenn die Nutzer*in es möchte. Wir haben die symptothermale Methode in die App implementiert. Das ist eine Methode, die von der Uni Heidelberg in Langzeitstudien erforscht wird und mit der es möglich ist, den Eisprung zu bestimmen. Nur weil es schwierig ist, eine verlässliche Fruchtbarkeitsvorhersage zu machen, wollten wir es nicht gar nicht machen. Wenn die Nutzer*in sich allerdings dagegen entscheidet, die Daten für eine Fruchtbarkeitsvorhersage zu erheben, dann gibt es auch keine.

Das heißt, natürliche Familienplanung ist möglich, wenn man ganz bestimmte Daten erhebt. Welche müssen das sein?

Man muss die Blutung tracken, einfach um zu wissen, wann die nächste Blutung anfängt und wann sie aufhört. Ganz zentral ist außerdem, dass man jeden Morgen die sogenannte Aufwachtemperatur misst, sie wird auch Basaltemperatur genannt. Diese Temperatur gibt Aufschluss darüber, wann der Eisprung stattfindet, denn die Körpertemperatur steigt minimal – aber in relevantem Maße – an, sobald der Eisprung stattgefunden hat. Diese Temperatur soll gemessen werden, nachdem man sechs Stunden durchgehend gelegen hat. Drittens gibt der Zervixschleim – also Ausfluss – Aufschluss darüber, wann die fruchtbare Zeit ist und wann sie vorbei ist. Wenn man diese drei Daten erhebt, kann natürliche Familienplanung funktionieren. Im vorhin erwähnten Test der Stiftung Warentest haben die Apps, die diese symptothermale Methode benutzen, gut abgeschnitten. Da gab es nichts auszusetzen.

Auf Papier ging/geht sie auch: die symptothermale Methode

 

Klingt total machbar, aber irgendwie auch ganz schön aufwendig.

Ich würde mir sehr wünschen, dass es eine Möglichkeit für mich als Privatperson gäbe, meine fruchtbaren Tage einfacher festzustellen. Ich frage mich schon, warum es das noch nicht gibt. Das sage ich jetzt mit hochgezogener Augenbraue in Richtung Forschung. 

Zyklustracking mit dem Smartphone gibt es ja auch noch gar nicht so lange, oder?

2014 hat Apple das erste Mal den HealthKit vorgestellt. Seither ist er standardmäßig in iOS integriert, und man kann mit ihm alles mögliche tracken. Sie waren damals sehr stolz darauf, wie viele Körperfunktionen man in dieser App abbilden konnte. Dann ist anderen Menschen aufgefallen, dass der Zyklus gar nicht mit dabei war. Das war ziemlich peinlich für Apple, die ja doch eine gut ausgestattete Firma sind. An dieser Stelle hatten sie aber ein wichtiges Körpermerkmal einfach übersehen. Ich nehme an, in dem Entwicklerteam gab es einfach keine Person mit Menstruationszyklus. Zyklustracking gibt es schon sehr viel länger als es Smartphones gibt, es ist also eigentlich wirklich überraschend, dass es erst so spät den Weg in den digitalen Mainstream gefunden hat.

Was passiert bei eurer App mit den Daten?

Die Daten bleiben ausschließlich lokal auf dem Gerät, auf dem die App installiert ist. drip ist eine Offline-App. Man braucht also keine Internetverbindung, um sie zu benutzen, und die App stellt auch keine her.

Sie will wahrscheinlich auch nicht auf mein Adressbuch oder meine Kamera zugreifen?

Nein. Das ist alles bei uns nicht der Fall. 

 

Gender-inklusives Zyklustracking

Was war euch noch besonders wichtig?

Wir wollten eine gender-inklusivere App gestalten und haben uns sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie wir Dinge benennen. Wir haben tatsächlich auch eine pinke Farbe in der App drin, aber es ist nicht die Hauptfarbe.  

 

Manche Apps suggerieren, dass das Frau-Sein übermäßig wichtig ist. Das stimmt aber gar nicht. Einige Menschen identifizieren sich einfach nicht als Frauen, haben aber trotzdem einen Zyklus.

Marie Kochsiek

 

Was meinst du mit gender-inklusiver?

Manche Apps suggerieren, dass das Frau-Sein übermäßig wichtig ist. Das stimmt aber gar nicht. Einige Menschen identifizieren sich einfach nicht als Frau, haben aber trotzdem einen Zyklus. Beim Zyklustracking muss es nicht zwingend um Schwangerschaft gehen. Vielleicht macht man es auch, um eine Aussage über die eigene Gesundheit zu treffen. Am Ausfluss kann man ja zum Beispiel manchmal erkennen, ob man möglicherweise eine sexuell übertragbare Krankheit hat. Für heterosexuelle Paare ist Schwangerschaft natürlich ein Thema. Für alle anderen aber nicht. Zyklustracking kann auch ein Mittel zur Selbsterfahrung sein. Es kann helfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie der eigene Körper eigentlich funktioniert.

Vielleicht kann es auch helfen, Berührungsängste abzubauen?

Richtig. Da ist es im Übrigen ganz egal, ob man jetzt 14 oder 34 ist.

Das BloodyHealth-Kollektiv: Marie Kochsiek, Julia Friesel und Tina Baumann

 

Vom Traum hast du schon gesprochen, aber was ist der aktuelle Stand der App? 

Wir haben gerade eine erste Beta Version der App im Google Play Store veröffentlicht und sind gespannt auf das Feedback. Außerdem kann man sich die App auch von unserer eigenen Website runterladen. Wir arbeiten daran sie auch in F-droid unterzubringen, das ist eine Alternative zum Google Play Store, wo es nur Open Source Software gibt.

Im Moment kann die App ein Hilfsmittel für die beschriebene symptothermale Methode sein. Sie kann die entsprechenden Daten speichern und die Temperaturkurve abbilden. Man kann die App natürlich auch nutzen, ohne die Temperatur zu checken. Was wir gerne noch machen würden, ist die App auch für iOS anzubieten. Dazu müssen wir noch ein paar Veränderungen vornehmen. Das ist der Stand der Dinge. 

Wie finanziert ihr das Projekt weiter?

Das Funding, das wir bekommen haben, ist abgeschlossen. Seit ein paar Wochen haben wir einen Spenden-Button auf unserer Seite, da kann man uns zu einem Kaffee einladen. Im Moment betreiben wir das Projekt als – wenn man so möchte – digitales Ehrenamt weiter, sind aber auf der Suche nach anderen Funding-Möglichkeiten. Wir freuen uns auch darüber, wenn die Community wächst, also mehr Leute dazukommen, die auch am Code mitschreiben. Wir sind ja zu dritt gestartet, aber mittlerweile gibt es schon ein paar mehr, die bei der Software mitschreiben.

Bei den Rails Girls ist jede*r willkommen.

 

Es ist sehr spannend, dass du erst im Nachgang, durch Angebote um dich herum, zum Programmieren gekommen bist. War es leichter für dich, ins Programmieren einzusteigen, weil sich alles in einem Kontext abgespielt hat, in dem es viele Frauen gab?

Die Frage, ob man jetzt dazugehört oder nicht, hat sich bei den Initiativen, wo ich programmieren gelernt habe, gar nicht gestellt. Du bist einfach da, und wenn du Bock und Interesse mitbringst, bist du dabei. Ich bin Teil der Heart of Code, das ist ein feministischer Hackspace in Berlin Kreuzberg. Wir investieren viel Energie, um zu kommunizieren, dass es weder blöde Fragen noch Menschen gibt, die überhaupt keine Vorkenntnisse haben. 

Wir sind tagtäglich von Technik umgeben. Auch Leute, die keine Lust darauf haben, können sich ihr nicht entziehen. Obwohl sie alle betrifft, haben wir immer noch die Tendenz, Programmierer*innen oder Menschen, die mit Technik arbeiten, einen besonderen Status zuzugestehen. Es wäre viel sinnvoller, wenn wir das Wissen einfach mehr teilen würden. Bei Türen oder Glühbirnen weiß ich ja auch ungefähr, wie sie funktionieren, einfach weil ich permanent mit ihnen zu tun habe. Mit Technik sollte es genauso sein.

Was bedeutet Hacken für dich?

Vor zehn Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich mich mal Hackerin nennen würde. Ich mache es jetzt aber einfach. Wir versuchen, das System im positiven Sinne zu erneuern oder zu verändern. Wir haben das Gemeinwohl im Kopf. Das ist Hacking.

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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