Weltschmerz – Wenn das Leid der Welt auf dir lastet

Words by Arzu Gül
Photography: Engin Akyurt via Pexels
Lesezeit: 3 Minuten
Weinende Frau - Weltschmerz

Wenn scheinbar das gesamte Leid der Welt auf unseren Schultern lastet, spüren wir den sogenannten »Weltschmerz«. Doch was bedeutet das eigentlich und wie gehen wir damit um?

Im 19. Jahrhundert prägte der deutsche Schriftsteller Jean Paul einen Begriff, der in der damaligen literarischen Epoche der Spätromantik perfekt die Melancholie und die Zerrissenheit der feinsinnigen Dichter beschrieb. Die Rede ist von »Weltschmerz«. In einer Epoche, die von gesellschaftlichen Umbrüchen und wissenschaftlichen Fortschritten geprägt war, von Revolutionen, Reformen und Machtkriegen, beschrieb dieses Wort sehr eindrücklich die Sehnsucht der Gesellschaft nach Ordnung sowie die dunklen Schattenseiten der menschlichen Psyche.

Jean Paul verlieh mit diesem Begriff seiner Trauer Ausdruck. Jedoch ging es ihm dabei weniger um individuelle Gefühle als vielmehr um seine eigene Unzulänglichkeit, die er gleichzeitig als Ausdruck der Unzulänglichkeit der Welt empfand. Es ging um das Gefühl, die Welt vor den eigenen Augen bröckeln zu sehen, das Leid, die Ungerechtigkeit, den Wahnsinn zu spüren, aber gleichzeitig zu wissen, dass man an diesem Zustand nichts verändern kann.

Das Phänomen des Weltschmerzes ist auch heute noch aktuell. Es beschreibt einen sentimentalen und melancholischen Zustand der Traurigkeit angesichts der Unvollkommenheit der Welt. Er tritt auf, wenn die eigenen Vorstellungen über deren Idealzustand und die selbstempfundene Realität auseinanderklaffen.

Die Gründe dafür, warum jemand Weltschmerz empfindet, sind sehr individuell und hängen damit zusammen, welche Wünsche, Ziele, Bedürfnisse und vor allem Erwartungen jemand hat. Entwickelt sich die Welt  nicht nach den eigenen Wunschvorstellungen und haben Betroffene das Gefühl, nichts an dieser Entwicklung ändern zu können, tritt ein Ohnmachts- und das damit verbundene Leidgefühl auf.

In der heutigen Zeit werden wir permanent mit Nachrichten überflutet - der Großteil ist leider häufig negativ

In heutigen Zeiten ist der Weltschmerz größer

Besonders in Zeiten wie diesen sind viele mit einem Gefühl von Weltschmerz konfrontiert: Wir sind einer Pandemie ausgesetzt, und unser bisheriges normales Leben ist einem Alltag aus Quarantäne, Abstandsregelungen, Kontakt- und Reiseverboten gewichen. Die Ungewissheit, wann und ob überhaupt jemals wieder eine Rückkehr in unser altes Leben möglich sein wird, verbunden mit der Erkenntnis, selbst keinen Einfluss auf die getroffenen Maßnahmen und Entscheidungen nehmen zu können, verursacht einen kollektiven Trübsinn.                   

Generell leiden die Menschen heutzutage weitaus häufiger an Weltschmerz als noch zu Zeiten der Dichter und Denker, die den Begriff prägten. Durch Globalisierung und Digitalisierung sind wir tagtäglich mit allen Belangen und Problemen der Welt konfrontiert. Wer möchte, kann sich immer und überall darüber informieren, woran die Welt krankt. In den Nachrichten, in Dokumentationen und auf Social-Media-Kanälen sehen wir Gewalt, Kriege, Hunger, Krankheit und Armut. Wenn wir durch die Straßen laufen, sehen wir Flüchtlingsfamilien, die alles verloren haben und einen Platz in der Welt suchen. Wir erleben, wie in der Massentierhaltung Millionen von Lebewesen unter unwürdigen Bedingungen gehalten und getötet werden, und können nichts gegen das System tun. Heutzutage können wir uns nicht mehr abschotten und die Augen vor dem Leid anderer und den Lebenssituationen in anderen Ländern verschließen. Es ist schwierig geworden, in seiner eigenen kleinen, heilen Welt zu leben.

Doch Weltschmerz zu empfinden muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Es zeigt, dass man Empathie und Einfühlungsvermögen besitzt und einen das Leid der anderen nicht gleichgültig lässt. Es zeigt, dass wir uns um unsere Mitmenschen sorgen und ihre Lebensumstände ändern möchten. Das Gefühl des Weltschmerzes wird erst dann problematisch, wenn man sich selbst für die gesellschaftlichen Missstände verantwortlich macht und über einen längeren Zeitraum in einem Gefühl von Hoffnungslosigkeit gefangen bleibt. Dies kann eine Abwärtsspirale in Gang setzen, die letztlich auch in einer Depression münden kann.

Es ist wichtig unsere eigenen Grenzen anzuerkennen, aber gleichzeitig nicht in Ohnmacht zu verfallen

Wie kann ich mit Weltschmerz umgehen?

Gefühle und Schmerzen haben ihre Berechtigung. Evolutionsbedingt sollen sie uns vor Gefahren schützen. Sie sind da, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass etwas nicht stimmt. Wir sollten Schmerz, Trauer und Leid also zulassen, ohne diese unterdrücken zu wollen.

Im Gespräch mit der ZEIT empfiehlt die Philosophin Sabine Döring für den Umgang mit Weltschmerz, man solle zu der Erkenntnis gelangen, dass gewisse Prozesse in dieser Welt zwar unaufhaltsam, aber durchaus steuerbar seien. Der Schlüssel sei es daher, uns selbst als autonome Individuen mit einer gewissen Gestaltungsmacht wahrzunehmen. Zwar bewege sich unser Gestaltungsspielraum in gewissen Grenzen, aber den Entwicklungen hilflos ausgeliefert sind wir nicht.

Wer also das unerträgliche Gefühl verspürt, die Welt gerate aus den Fugen, sollte nach einer kurzen Trauerphase versuchen, ins Handeln zu kommen. Gibt es eventuell kleine Dinge im eigenen Alltag, die angepasst oder verändert werden könnten? Oder eine Organisation, die sich gegen gewisse Missstände einsetzt und die man finanziell oder aktiv unterstützen könnte? Vielleicht würde es dem Gefühl der Machtlosigkeit schon abhelfen, Familie, FreundInnen und Bekannte für eine Problematik, die einem am Herzen liegt, zu sensibilisieren und das eigene Umfeld zu informieren?

Im Alleingang ist die Welt nicht zu verändern. Das war sie noch nie und das wird sie auch nie sein. Die Vorstellung eines Superhelden oder einer Superheldin schürt falsche Erwartungen . Wir können die Welt nicht retten. Jedoch können wir im Kleinen positiven Einfluss auf unsere Umwelt nehmen. Wer in seiner Trauer versinkt, hilft weder den Leidtragenden noch der Gesellschaft noch sich selbst. Ehrliches Mitgefühl und eine daraus hervorgehende Hilfe, die man im realistischen Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten leistet, kann hingegen tatsächlich Positives bewirken. Wer also aus dem Schmerz Kraft schöpft, um Lösungsansätze zu erarbeiten und eine Veränderung anzukurbeln, kann das Ohnmachtsgefühl beherzt hinter sich lassen.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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