Was ist eigentlich Multiple Sklerose?

Words by Annekathrin Walther
Photography: Alina Grubnyak
Schwarz-Weiß-Elektro-Scan eines Gehirns künstlerisch in Lichtlinien verarbeitet

In Deutschland leben derzeit mehr als 240.000 Menschen mit Multipler Sklerose, oder kurz MS. Weltweit sind es Schätzungen zufolge 2,5 Millionen. Was ist das für eine Erkrankung, die noch immer unheilbar ist und auch die »Krankheit mit tausend Gesichtern« genannt wird?

 

Die Zahlen zeigen: Multiple Sklerose ist eine verbreitete Erkrankung. Jährlich werden in Deutschland cirka 2.500 Menschen neu mit MS diagnostiziert. Frauen trifft die Krankheit ungefähr doppelt so häufig wie Männer. An MS zu erkranken ist demnach keine Seltenheit. Trotzdem haften der Krankheit Vorurteile an. Auf ihrer Website informiert die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG): 

Wichtig: Multiple Sklerose ist nicht ansteckend, nicht zwangsläufig tödlich, kein Muskelschwund und keine psychische Erkrankung. Auch die häufig verbreiteten Vorurteile, dass MS in jedem Fall zu einem Leben im Rollstuhl führt, sind so nicht richtig.

Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie betrifft das Gehirn und das Rückenmark. Von unserem Gehirn werden Signale über das Rückenmark zum Körper gesendet, dort empfangen und zum Beispiel in Bewegungen umgesetzt. Die Signale werden von verschiedenen Nervenfasern weitergeleitet. Diese Nervenfasern sind von einer Schutz- bzw. Isolierschicht umgeben, dem Myelin. Im Fall einer MS entstehen Entzündungsherde im Bereich dieser Schutzschicht. 

Ursachen für MS

Warum die Entzündungsherde in der Myelinschicht entstehen, ist nach wie vor nicht genau bekannt. Obwohl MS keine Erbkrankheit ist, ist die Beteiligung genetischer Faktoren nicht komplett auszuschließen. An dieser Stelle wird laut DMSG intensiv geforscht. Andere Aspekte wie Umweltfaktoren, Infekte im Kindesalter, Vitamin-D-Mangel und Ernährung könnten jedoch ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielen. Es wird vermutet, dass nicht ein einzelner Faktor die Krankheit auslöst, sondern mehrere Faktoren zusammentreffen müssen, damit eine MS entsteht. Eine entscheidende Rolle spielt das Immunsystem, weshalb im Zusammenhang mit MS häufig von einer Autoimmunerkrankung gesprochen wird. Ein gesundes Immunsystem schützt uns vor Krankheitserregern, indem es sie identifiziert, als bedrohlich erkennt und unschädlich macht. Die DMSG erklärt: »Bei der MS scheint ein Teilbereich dieses Abwehrmechanismus falsch programmiert zu sein, das heißt, er richtet sich gegen den eigenen, gesunden Körper.« 

Eine Nervenzelle: die blauen Ummantelungen sind die Myelinscheiden, die bei MS von so großer Bedeutung sind.

Ist die schützende Myelinschicht an einer oder mehreren Stellen beschädigt oder gar zerstört, können Signale von den Nervenfasern nicht mehr einwandfrei übertragen werden. So kann es zu Bewegungsstörungen, Parästhesien beziehungsweise Missempfungen und auch zur Beeinträchtigungen von Sinnesorgenen – wie beispielsweise den Augen – kommen. Prof. Dr. Judith Haas, Vorsitzende der DMSG, spricht im Interview mit der DMSG und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, über Erstsymptome einer MS: »Die häufigsten Erstsymptome sind Missempfindungen, Taubheitsgefühle, Schleiersehen«. Sie fährt fort: »Auch Doppelbilder, Sprechstörungen oder seltener eine Querschnittslähmung können die Erstmanifestation der Erkrankung sein.«

Prof. Dr. med. Judith Haas ist die Vorsitzende des DMSG Bundesverbands.

Professor Haas« Beschreibung verdeutlicht, wie unterschiedlich eine MS von Individuum zu Individuum aussehen kann. Nicht nur die Art der Symptome, auch ihr Ausmaß ist sehr verschieden. Dies bezieht sich nicht nur auf die Erstsymptomatik, sondern auch auf den weiteren Verlauf der Erkrankung. Eine sichere Prognose ist bei Diagnosestellung, so Professor Haas, »nicht möglich. Wir wissen, dass es günstig ist, wenn die Erstsymptome mild sind und rasch und komplett abklingen, wenn die Herd-Last [die Anzahl der Entzündungen im Gehirn oder Rückenmark, Anm. d. Red.] gering ist, Schübe im ersten Jahr eher selten sind.« 

Bei den meisten Menschen mit MS – 90 Prozent – verläuft die Krankheit zunächst schubförmig. Das heißt, die Symptome treten in Schüben auf und bilden sich – teilweise oder vollständig – auch wieder zurück. Nach mehr als 20 Krankheitsjahren ist wiederum ein chronisch-progredienter Verlauf, bei dem die Verschlechterung der Symptome ohne klare Schübe voranschreitet, wahrscheinlicher. Nur bei etwa 5 Prozent der Erkrankten führt MS innerhalb von wenigen Jahren zu schwerer Behinderung. 

 

Multiple Sklerose: Therapiemöglichkeiten

Multiple Sklerose ist nach wie vor unheilbar. Sie ist jedoch behandelbar. Professor Haas schätzt die Behandlungsmöglichkeiten positiv ein: »Die seit 1995 in Deutschland zugelassenen Immuntherapien haben den Verlauf der MS nachhaltig beeinflusst und das Auftreten einer Behinderung um Jahre hinausgeschoben.« Die Website der DMSG informiert ausführlich über mögliche Therapieformen und einzelne Wirkstoffe

Und dennoch: Trotz der Therapiemöglichkeiten bleibt der Krankheitsverlauf einer MS unberechenbar. Die »Krankheit mit tausend Gesichtern« trifft jeden betroffenen Menschen ganz individuell und ist für Außenstehende teilweise schwer nachzuvollziehen. Viele Menschen mit MS sind nicht offensichtlich behindert. Diesen Umstand griff der diesjährige Slogan des Welt-MS-Tags auf, ein Aktionstag, der jedes Jahr am 30. Mai begangen wird. Unter dem Motto »Keiner sieht’s – eine(r) spürt’s. MS – vieles ist unsichtbar« lenkte die DMSG die Aufmerksamkeit auf die unsichtbaren Symptome, die mit einer MS einhergehen können. Eine solche Aufklärung und Sensibilisierung ist wichtig, denn auch wenn man vielen MS-Betroffenen ihre Krankheit nicht auf den ersten Blick ansieht, verlangt ihnen das Leben mit dieser chronischen Krankheit doch viel ab. Je mehr in der Öffentlichkeit darüber bekannt ist, desto mehr kann auch getan werden, um Menschen mit MS den Alltag zu erleichtern und ihnen trotz ihrer Erkrankung eine hohe Lebensqualität zu ermöglichen.

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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