Ulrike Draesner findet die Sprache zum Älterwerden

Words by Jana Ahrens
Photography: Dominik Butzmann
Frau mit kurzen grauen Haaren und schwarzem, engem Top sitzt an einem Flussufer und lächelt in die Kamera
Zur Idee der Diversität und Body-Positivity gehören nicht nur kurvige, schmale und kantige Körper, sondern auch alternde. In ihrem Buch „Eine Frau wird älter“ beschreibt Ulrike Draesner ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Älterwerden.
 

Wenn Frauen altern

Das Kreuz mit dem Älterwerden: Es ist immer relativ. Eine 30-jährige Frau ist für eine 18-jährige uralt, für eine 50-jährige ein junger Hüpfer. Älter werden wir ab dem Tag unserer Geburt. Aber ab wann „darf“ man von Älterwerden sprechen? 

 

 

Im Hintergrund definiert dieser langsame Prozess, der sich immer wieder anders anfühlt, von Anfang an unsere Existenz. Deswegen ist das Buch „Eine Frau wird älter“ von Ulrike Draesner nicht nur eine Lektüre für Frauen jenseits der Menopause. Es ist vielmehr der Beweis dafür, dass es eine wahre Erleichterung sein kann, die Erfahrungen von anderen Frauen ganz in Ruhe und immer wieder – nach Bedarf und Stimmung – zu studieren. 

 

Jede Generation findet ihre eigenen Formen, mit den Lebensjahrzehnten umzugehen. Es gibt also Hoffnung, sage ich mir, auch wenn, wie wir alle wissen, die Zahl der über 60-, über 70-, über 80-Jährigen steigen wird. Und dann noch mal steigen wird.

S. 12 in „Eine Frau wird älter“ von Ulrike Draesner

 

Dass das mit diesem Buch so gut funktioniert, liegt am ganz besonderen Schreibstil von Ulrike Draesner. An der Art, wie sie fast leichtfüßig die großen Themen anspricht, die unter Frauen so lange und so konsequent unausgesprochen blieben. Wie sie die Sprachlosigkeit ihrer Großmutter und die ihrer Mutter liebevoll und wutbefreit bloßlegt. Wie sie – ohne Druck oder Befehlston – dafür plädiert, dass wir alle mehr reden, uns austauschen über das große Unbekannte, das auf uns alle zukommt. Und wie sie ihre eigene Geschichte dabei schonungslos und doch stolz – wenn angemessen auch mit einer ordentlichen Portion Humor – erzählt.

 

Ein Netzwerk von Frauen

Dabei geht sie nicht chronologisch vor, sondern springt zeitlich zwischen Kindheitserinnerungen, ihrer heutigen Selbstwahrnehmung und den prägenden Momenten ihrer Beziehungen zu Partnern, Freundinnen und Familienmitgliedern. Das wirkt so organisch, dass die Leser*innen den Eindruck bekommen, sie würden sich in einem Film befinden. Oder einfach dem Gedankenstrom der Autorin folgen. Einem sehr erhellenden Gedankenstrom.

 

Die Wechseljahre rühren, wie Fehlgeburt, wie Regelblutungen (ein Ei, aus dem ein Kind hätte werden können, verschwindet im Müll) an unsere Sterblichkeit. Die Sterblichkeit des Menschenwesens an sich. Und die eigene.

S. 181 in „Eine Frau wird älter“ von Ulrike Draesner

 

Körperliche Veränderungen im Alter

Ulrike Draesner erzählt von ihren Hormonumstellungen, während sie die Pubertät ihrer Tochter nah und doch von außen miterlebt. Sie erzählt vom Besuch einer Kinderwunschpraxis mit 46 Jahren, in der das Gespräch extrem kurz ausfiel. Die Ärztin entdeckte in den Unterlagen ihr Geburtsdatum und beschied: Nichts zu machen. All die Zeitungsartikel zu Spätgeburten? Eispenden. Ulrike Draesner erzählt aber auch vom ethnologischen Kontext der Mutterschaft und der Rolle der alten Frauen. Sie tut sich um bei Freundinnen, befragt sie zu ihren Erfahrungen und verknüpft Anekdoten mit unerwarteten Fakten. All das führt dazu, dass die Lektüre des Buches dem Untertitel desselbigen alle Ehre macht. Denn vollständig heißt dieses Werk: „Eine Frau wird älter – Ein Aufbruch“. 

Share:

Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

Kommentieren