Wie aufgeklärt sind unsere Jugendlichen?

Words by Annekathrin Walther
Photography: Jody Hong Films auf unsplash
Ein junges Mädchen sitzt im Schneidersitz auf dem Pflaster, während hinter ihr eine Gruppe junger Menschen vorbeiläuft

Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2015 zeigt: Ein Großteil der in Deutschland lebenden Mädchen hält sich selbst für ausreichend aufgeklärt. Doch hält die Selbsteinschätzung der Realität stand? 

 

Im Jahr 2015 veröffentlichte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ihren derzeit noch immer aktuellen Bericht zur Jugendsexualität. Die repräsentative Wiederholungsbefragung wurde im Jahr 1980 zum ersten Mal durchgeführt und hat seither acht Mal stattgefunden. Für 2020 ist eine Neuauflage angekündigt. Ziel der Studie ist es immer wieder, die Einstellung und Verhaltensweisen von Jugendlichen in Bezug auf Aufklärung, Sexualität und Verhütung zu untersuchen. 

Die teilnehmenden Jugendlichen wurden unter anderem gebeten, ihren eigenen Wissensstand einzuschätzen. Hierbei kam heraus, dass sich »Das Gros der 14-17-Jährigen heute [...] für ausreichend aufgeklärt [hält].« 85 Prozent der Mädchen deutscher Herkunft – zum Vergleich: 83 Prozent der Jungen – gaben an, mit genügend Informationen versorgt zu sein. Klingt erstmal nicht schlecht. Oder?

Ein Gros der Jugendlichen in Deutschland hält sich für ausreichend aufgeklärt.

Deutsche und französische Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Im Nachbarland Frankreich kommt ein Beitrag zum Thema Sexualaufklärung zu einem weniger optimistischen Schluss. Der französische Rat für Gleichberechtigung – das Haut Conceil à l’égalité entre les femmes et les hommes– veröffentlichte 2016 ebenfalls einen Bericht zur sexuellen Aufklärung. Der Bericht stellt dar, dass in Frankreich insbesondere die Mädchen nicht ausreichend über ihren eigenen Körper informiert sind. 84 Prozent der 13-jährigen Mädchen wussten zum Beispiel nicht, wie ihr eigenes Geschlecht aussieht. Gleichzeitig wusste aber die Mehrzahl der Mädchen – 53 Prozent –, wie das männliche Geschlecht aussieht. Zudem wurde durch die Untersuchung deutlich, dass weibliche Lust nach wie vor tabuisiert wird: Eins von vier 15-jährigen Mädchen wusste nicht, dass es eine Klitoris hat. 

Offensichtlich kommen die beiden Studien aus zwei unterschiedlichen Ländern, befragen unterschiedliche Zielgruppen und wenden nicht die gleichen Methoden an. Während für die deutsche Untersuchung eine Selbsteinschätzung der Teilnehmenden als Grundlage dient, fragt die französische konkretes Faktenwissen ab. Die Ergebnisse der Studie des einen Landes können also nicht einfach auf die Jugendlichen des anderen Landes übertragen werden. Dennoch liefert jede Untersuchung für sich sehr wertvolle Informationen. Ihre jeweiligen Ergebnisse deuten darauf hin, dass es eine Schieflage geben könnte: Ist es möglich, dass die Selbsteinschätzung und das Faktenwissen von Jugendlichen in Bezug auf Sexualität – egal ob in Frankreich oder Deutschland – stark auseinanderklaffen? Oder anders formuliert: Halten Mädchen sich womöglich für aufgeklärt und haben trotzdem keine Ahnung, wo oder was ihre Klitoris ist? 

Was meinen junge Menschen, wenn sie sich als aufgeklärt bezeichnen?

Hier schließt sich die Frage an, was junge Menschen denn überhaupt meinen, wenn sie sagen, dass sie sich als aufgeklärt empfinden. Diese Frage ist natürlich extrem schwer zu beantworten. Um sich ihr dennoch zu nähern, haben wir zwei Personen gefragt, die dank ihrer Arbeit einen tieferen Einblick in die Materie haben. Lyza Schwab und Taina Engineer arbeiten für pro youth, ein an den Landesverband von pro familia Berlin angeschlossenes partizipatives Projekt für Sexualaufklärung. Sie wagen eine Vermutung: »Was meinen Jugendliche, wenn sie sich als aufgeklärt empfinden? Möglicherweise, dass Sexualität nicht auf dieselbe Art und Weise tabuisiert ist wie in der Generation unserer Eltern und der deren Eltern? Da kann man schon leicht das Gefühl bekommen, mit allen Wassern gewaschen zu sein.«

pro youth eröffnet an dieser Stelle eine interessante Perspektive: sich aufgeklärt zu fühlen hat eventuell auch mit der Tatsache zu tun, dass sexuelle Inhalte – seien sie jetzt rein informativer oder gar pornografischer Natur – heute extrem leicht verfügbar sind. Die Wichtigkeit von Internet und Co. bestätigt auch die BZgA-Studie: »[D]ie Bedeutung des Mediums Internet bei der Aufklärung Jugendlicher hat seit der Jahrtausendwende rasant zugenommen.« Schwab und Engineer betonen allerdings, dass Offenheit und Informationsvielfalt nicht automatisch dazu führen, dass es gar keine Tabus mehr gibt. Vielmehr stellen sie eine Verschiebung fest: »Allerdings entstehen so neue Tabus – zum Beispiel, sich als unwissend oder verunsichert zu »outen«, und so hat man leicht Angst, sich trotz der hohen Informationsdichte, auf die sich leicht zugreifen lässt, »blöd anzustellen«.«

Das ist keine Vulva.

Zugriff auf sexuelle Inhalte ist nicht gleich sexuelle Aufklärung 

Die Tatsache, dass Wissen in Sekundenschnelle zu haben ist, ist noch nicht gleich Wissen. Und die Möglichkeit des Zugriffs auf sexuelle Inhalte ist nicht gleich sexuelle Aufklärung. Was heißt das nun in Bezug auf weibliche Sexualität und Lust? Sind Jugendliche, wie die französische Studie nahelegt, über das weibliche Geschlecht schlechter informiert, und ist weibliche Lust noch immer ein Tabu? Die Mitarbeiterinnen von pro youth berichten: »Einerseits muss man sagen, dass es ein wachsendes Angebot an Inhalten gibt, in denen weibliche* Lust thematisiert, abgebildet und erforscht wird. Zum jetzigen Zeitpunkt würden wir die Frage aber leider trotzdem noch klar bejahen. Beispielsweise wird die Vulva immer noch abgewertet und unsichtbar gemacht. Jede/r kann einen Penis malen, aber statt einer Vulva zeichnen viele Menschen immer noch einfach nur ein Loch.« Die Erfahrungen von pro youth in Bezug auf das Wissen um weibliche Anatomie decken sich an dieser Stelle also mit der französischen Studie. Das gleiche gilt für weibliche Lust: »Weibliche Masturbation ist selten Thema unter Mädchen, während männliche Masturbation es dazu gebracht hat, Teil eines alltäglichen Sprachgebrauchs zu sein. Statt über weibliche Ejakulation zu sprechen, denken viele, die Menstruation sei das weibliche Pendant zum Samenerguss. Und das sind nur Beispiele für Baustellen, an denen wir noch jede Menge zu tun haben.«

 

Sexuelle Aufklärung ist kein Zustand, sondern ein Prozess

Nimmt man die Erfahrungswerte von pro youth und die Ergebnisse der BZgA-Studie zusammen, so lässt sich die weiter oben vermutete Schieflage tatsächlich bestätigen. Es ist – trotz Internet – durchaus möglich, dass Mädchen sich für aufgeklärt halten und trotzdem keine Ahnung haben, wo oder was ihre Klitoris ist. Es ist schade, dass weder die deutsche noch die französische Studie diese Diskrepanz abbilden. Es könnte sinnvoll sein, in einer weiteren Studie die Aspekte der deutschen und der französischen Befragung zusammenzuführen. Warum nicht nach der Selbsteinschätzung konkretes Fachwissen abfragen? Warum nicht vor dem Abfragen von Fakten um eine Selbsteinschätzung bitten? So würde sich vermutlich ein vollständigeres Bild ergeben. Es wäre doch toll genau zu wissen, wo Wissenslücken sind und weitere Kompetenzen vermittelt werden müssen. 

Hiervon würden letztlich nicht nur junge Erwachsene, sondern die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit profitieren. Denn – Hand aufs Herz – es ist nicht auszuschließen, dass die meisten Eltern der befragten Jugendlichen sich ebenfalls als aufgeklärt bezeichnen würden und an manchen Stellen trotzdem ähnliche Wissenslücken haben wie ihr Nachwuchs. Nicht anders ist auch der Erfolg von Büchern wie Der Ursprung der Welt von Liv Strömquist zu erklären, die mit ihrer Kulturgeschichte der Vulva auch Erwachsenen neue Perspektiven eröffnet. Sexuelle Aufklärung ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Gerade in Bezug auf weibliche Sexualität gilt es, ihn fortzuführen. Wie die pro-youth-Mitarbeiterinnen erklären: »Wir arbeiten dran und sind dabei, der Klitoris die Berühmtheit und Anerkennung zu verschaffen, die sie verdient.« Diesem Vorhaben können wir uns nur anschließen.

 

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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