Sexualaufklärung mit pro youth

Words by Annekathrin Walther
Photography: Ava Sol
Eine nackte Frau hält sich ein Bund Petersilienkraut vor den Schritt

Sex – und alles was damit zusammenhängt – will gelernt sein. Nicht wenige erinnern sich mit Schrecken an peinliche Aufklärungsgespräche. Dass Aufklärung extrem wichtig ist und dabei nicht unangenehm sein muss, zeigt das Berliner Projekt pro youth. Im Interview sprechen Taina Engineer und Lyza Schwab von pro youth darüber, wie es zu dem Projekt kam, wie ihre Arbeit genau aussieht und welche Fragen von Jugendlichen sie zum Schmunzeln bringen.

 

Was ist pro youth? 

pro youth ist das Jugendpartizipationsprojekt des pro-familia-Landesverbandes Berlin. Wir arbeiten nach dem Peer-to-peer-Ansatz, das heißt, wir sprechen als junge Menschen mit anderen jungen Menschen. Unser Angebot richtet sich an alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Unsere Themen sind Verhütung und Safer Sex, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Menstruation, aber auch Lust, Konsens oder Body-Positivity.  

Der Peer-to-peer-Ansatz von pro youth beugt Hemmungen vor

Wer arbeitet für pro youth? 

Das Team von pro youth besteht aktuell aus drei Mitarbeitenden. Wir haben verschiedene Hintergründe. Zu Beginn unserer Arbeit für pro familia haben wir alle eine sexualpädagogische Grundausbildung durchlaufen. Diese ergänzen wir immer wieder durch Fort- und Weiterbildungen. Da wir an die pro-familia-Beratungsstelle in Berlin angegliedert sind, stehen wir im fachlichen Austausch mit Kolleg*innen dieser Beratungsstelle, z.B. der Fachgruppe Sexualpädagogik. 

Zudem koordinieren wir uns mit pia (pro familia in action), dem deutschlandweiten Freiwilligennetzwerk von pro familia. pia-Gruppen gibt es in vielen deutschen Städten. Sie freuen sich immer über interessierten Zuwachs. 

 

Sexualaufklärung mit einem Vagina-Modell, verschiedenen Penis-Größen und diversen Verhütungsmitteln.

 

Wie kam es zu dem Projekt pro youth? 

Eine engagierte ehemalige Praktikantin von pro familia Berlin wollte sich über die Zeit ihres Praktikums hinaus für sexuelle und reproduktive Rechte einsetzen und hat in diesem Zuge zunächst pro youth und später auch das Freiwilligennetzwerk pia gegründet und koordiniert.

Was fügt ihr dem Angebot von pro familia konkret hinzu?

Wir versuchen, eine Schnittstelle zwischen pro familia und Menschen bis Mitte 20 zu sein. Konkret bedeutet das, dass wir – auch bedingt durch unseren eigenen Altersdurchschnitt, der nur knapp über dem unserer Zielgruppe liegt – geteilte Lebenswelten wie Festivals oder Social Media für sexualpädagogische Themen nutzen. Wir versuchen dabei, up-to-date zu bleiben und beispielsweise Erkenntnisse der intersektionalen Geschlechterforschung in unsere Arbeit einzubeziehen. 

Sexualaufklärung an Schulen

Warum ist es sinnvoll, Sexualaufklärung im Klassenraum auch mal nicht von den Standard-Lehrkräften durchführen zu lassen?

Durch unser externes Auftreten, losgelöst vom alltäglichen Schulbetrieb, schaffen wir ein hohes Maß an Vertrauen und Offenheit. Es ist oft leichter, sich einer Person zu öffnen, von der man weiß, dass sie nur da ist, um mit mir über dieses eine Thema zu sprechen. Ich werde für das, was ich möglicherweise von mir erzähle, nicht beurteilt, und es besteht nicht die Gefahr, dass es sich zum Beispiel auf meine Noten auswirkt. Auch für die Lehrkräfte kann das eine Entlastung sein. 

Wie sieht ein Workshop oder ein Projekttag mit euch aus? Was für Methoden setzt ihr im Bereich der Sexualpädagogik und sexuellen Bildung ein?

Wir konzipieren jeden Workshop individuell und auf die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe ausgerichtet. Dabei berücksichtigen wir den zeitlichen Rahmen, aber auch, welche Themen für die Jugendlichen gerade aktuell sind. Dafür spielen natürlich Alter und Hintergrund eine Rolle, aber auch, welche sexualpädagogischen Kenntnisse wir voraussetzen können. 

Zu Beginn eines Workshops versuchen wir, einen möglichst sicheren Raum zu schaffen und die Teilnehmenden besser kennenzulernen. Wir haben ein Standard-Repertoire, konzipieren aber bei Bedarf auch neue Methoden. Dabei setzen wir auf spielerische Ansätze und, ganz wichtig: Freiwilligkeit. 

Sex- und Pubertäts-ABC. In Workshops sprechen pro youth und Jugendliche über alles rund um’s Thema Sex.

Wir freuen uns immer, wenn wir das Gefühl haben, dass wir für Menschen einen safe space kreieren konnten, in dem wir neugierige Fragen gestellt bekommen.

pro youth

Was sind die schönen Momente in eurer Arbeit? 

Wir freuen uns immer, wenn wir das Gefühl haben, dass wir für Menschen einen safe space kreieren konnten, in dem wir neugierige Fragen gestellt bekommen. Wir freuen uns natürlich, wenn unsere Inhalte in irgendeiner Form hängen bleiben. Wir schätzen an unserer Arbeit aber auch, dass wir neue Impulse bekommen und die Gelegenheit haben, mit unseren eigenen Vorurteilen aufzuräumen.

Was sind schwierige oder aufreibende Momente? 

Schwierig sind natürlich Momente, in denen wir konkret mit Situationen konfrontiert sind, die für die Betroffenen schwierig sind, wie zum Beispiel Outings, auf die das Umfeld blöd reagiert, oder sexuelle Grenzverletzungen. Wir verweisen dann an geeignete Anlauf- und Beratungsstellen. In der pädagogischen Arbeit ist es prinzipiell wichtig, eigene Grenzen zu kennen und zu achten. Das ist nicht immer leicht. 

 

Die Klitoris – »Alien«? Oder »Kleiderbügel«?

Was sind lustige Momente? 

Wir haben ein 3D-Modell einer Klitoris. Die wenigsten erkennen auf Anhieb, was das ist. Die Assoziationen dazu reichen von »Alien« bis »Kleiderbügel«.

Zumeist am Ende eines Workshops beantworten wir auch Fragen, die uns die Teilnehmenden vorab schriftlich gestellt haben. Dabei bekommen wir immer wieder schöne und tiefgründige Fragen, die uns zum Schmunzeln bringen. Zum Beispiel: »Wer hat eigentlich den Sex erfunden?«

Was ist was und was kann man damit machen?

Welchen Vorurteilen begegnet ihr am häufigsten in Bezug auf Sex? 

Da gibt es zum Beispiel den Mythos um das sogenannte »Jungfernhäutchen«, das angeblich als gespannte Haut die Vagina verschließt und beim ersten Penetrationssex »durchstoßen« werden muss. Dabei handelt es sich beim Hymen eigentlich um einen Schleimhautkranz, der sich an der inneren Vaginalwand befindet. 

Und welchen Vorurteilen begegnet ihr am häufigsten in Bezug auf Geschlechterrollen? 

Wir hören zum Beispiel oft, dass Jungs »ja nur Sex im Kopf« hätten, während Mädchen gerne unterstellt wird, dass Sexualität und Körper für sie eher schambesetzte Themen sind, über die sie ungerne offen sprechen. Für beides könnte man sicher Beispiele und auch gesellschaftliche Gründe finden, dennoch erleben wir Jugendliche in unserer Arbeit auch anders oder sogar umgekehrt. 

Sexualaufklärung ist politisch

Warum ist Sexualaufklärung politisch?

Zunächst ist der Zugang zu sexueller Bildung nicht selbstverständlich. Nicht zuletzt pro familia hat politisch dafür gekämpft, dass die Aufklärung über Sexualität deutschlandweit in den Rahmenlehrplänen der Länder verankert wurde.

Darüber hinaus geht es natürlich um die Inhalte der sexuellen Bildung: Was für Werte vermitteln wir in der sexuellen Bildung? Sex als Tabu und bloß notwendiges Übel, um Kinder zu zeugen? Die totale Verwissenschaftlichung von Sexualität, in der Lust, Angst, Spaß aber auch Queerness & Co. keine Berücksichtigung finden? Oder Sex als selbstbestimmte Handlung, die für alle Beteiligten ein lustvolles Erlebnis sein kann? Es gibt viele verschiedene Weisen, über Sexualität aufzuklären.

Wenn wir einen selbstverantwortlichen und selbstbestimmten Umgang mit Sexualität an kommende Generationen vermitteln wollen, müssen wir die Strukturen und Angebote dafür schaffen. pro familia arbeitet dabei nach einem rechtebasierten Ansatz. Das bedeutet, dass zum Beispiel das »Recht auf sexuelle Selbstbestimmung«, die rechtlich zugesicherte »freie Wahl der Verhütungsmittel« und dergleichen – kurz gesagt: die allgemeinen Menschen- und Kinderrechte die Grundlage unserer Arbeit darstellen. 

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Taina und liebe Lyza!

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Annekathrin Walther

Freie Redakteurin

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

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