Selbstbefriedigung in Beziehungen? Für Frauen besonders gut

Words by Jana Ahrens
Photography: Jan Shukov
Eine Frau mit zerzaustem, schwarzen Haar liegt in ein weißes Bettuch gewickelt auf einem Bett und streicht sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht

Dass Selbstbefriedigung eine gute Sache ist, haben inzwischen etliche Studien und medizinische, sowie psychologische Untersuchungen belegt. Die Liste der positiven Effekte ist lang. Sie reicht von Schmerzlinderung, über besseren Schlaf bis hin zu einem gut trainierten Beckenboden. Trotzdem wird Selbstbefriedigung oft noch als Notbehelf angesehen, der nur beim Alleinsein zum Einsatz kommt. Warum eigentlich?

 

Über Sex-Erfahrungen reden können 

Viele Paare gehen davon aus: Wenn ich mit meinem Partner zusammen bin, dann ist der ja die Person, die eigentlich meiner Befriedigung dient. Dann müsste ich mich nebenbei natürlich auch nicht selbstbefriedigen. Im Grunde genommen ist das…Blödsinn. Selbstbefriedigung ist ein Thema, mit dem man offen umgehen sollte, gerade in einer Partnerschaft.

Psychologin Yvonne Keßel

Warum ist sich die Psychologin Yvonne Keßel so sicher, dass Offenheit zum Thema Selbstbefriedigung etwas Positives ist? Deshalb, weil die meisten Menschen nicht erst dann eine Beziehung eingehen, wenn sie exakt über ihren Körper und ihre Bedürfnisse Bescheid wissen. Sexualität und die entsprechende Befriedigung, sind ein langer Prozess, der sich auch in einer Partnerschaft weiterentwickelt. Deshalb wird es schnell schwierig, wenn wir uns verbieten über unsere Erfahrungen zu sprechen, oder neue Erfahrungen zu machen.

Noch besser, als mit einer Orange zu üben, ist es, an mit der eigenen Vulva zu üben.

 

Das heißt auch: Wenn ich während einer Beziehung feststelle, dass mir bestimmte Techniken oder Vorlieben meines Partners oder meiner Partnerin nichts bringen, würde es helfen, darüber zu reden und benennen zu können, was nicht wirklich klappt. Im Idealfall wäre es sogar toll, Alternativen vorschlagen zu können. Doch dafür müssen wir uns selber gut kennen. Dabei kann Selbstbefriedigung sehr hilfreich sein. Egal, ob wir sie allein praktizieren, oder mit dem Partner oder der Partnerin zusammen. Dabei scheint es noch immer so zu sein, dass es Frauen schwerer fällt, ihre Lust konkret zu beschreiben. Gerade deshalb ist Selbstbefriedigung innerhalb von Beziehungen besonders für Frauen eine gute Sache. Den Prozess dahinter erklärt Paartherapeut Dr. Christoph Joseph Ahlers im Interview mit Separee

Geschlechtstypische Unterschiede sehe ich dahingehend, dass bei Männern… eine viel differenziertere Befassung mit sexuellen Reizmustern, Fantasien, Gelegenheiten stattfindet, ab der Pubertät über Selbstbefriedigung tausendfach überlernt, ist das ganz ausdifferenziert »worauf stehe ich?«. … was dazu führt, dass Männer ziemlich genau sagen können, was sie triggert. Das bleibt bei vielen Frauen offener, weicher, flexibler, viel situativer, personen- und beziehungsabhängiger. So, dass Frauen in Sexualanamnesen häufiger sagen »Ich kann gar nicht sagen, dass ich da so festgelegt bin…« Bei vielen Frauen sind auch die Begleitphantasien bei der Selbstbefriedigung nicht so plastisch, konkret und ausdifferenziert.

Paartherapeut Dr. Christoph Joseph Ahlers

Die Geschichte von altmodischer Sexualerziehung wirkt also lange nach. Unter Frauen wird weniger über Sex und noch viel weniger über Selbstbefriedigung gesprochen, als unter Männern. Die Themen sind weiterhin mit viel Scham behaftet. Viele Frauen kennen deshalb ihre eigenen Bedürfnisse und ihren Körper nicht besonders gut. Wer die eigenen Bedürfnisse nicht gut kennt und nicht über diese redet, wird keine Worte dafür finden und auch keine neuen erfinden. Schlicht, weil es keine Notwendigkeit dafür gibt. Deshalb gibt es auch viel mehr Begrifflichkeiten für verschiedene Formen der männlichen Selbstbefriedigung als für die der weiblichen.

 

Selbstbefriedigung ohne Leistungsdruck 

Einfach mal ausprobieren und auf den Geschmack kommen: Das Credo der Selbstbefriedigung.

Sich ohne Leistungs- oder Repräsentationsdruck ausprobieren, ist aus dieser Situation heraus aber um so wichtiger. Auch das Teilen von Wissen und Erfahrungen kann helfen, alte, lustverderbende Rollenbilder abzuschaffen. Erste Ansätze dafür gibt es schon. Kathrin Ismaier, Gesundheitspraktikerin für bewusste Sexualität & Selbstliebe, hat beispielsweise einen Youtube-Kanal mit dem Namen Seelen Striptease. Hier finden sich allerlei interessante persönliche Erfahrungen und Tipps zum Thema Lust und Sex. Unter anderem der 30-Tage-Masturbation-Challenge, in dem Kathrin – ähnlich der klassischen Youtube Yoga-Challenges – ihre Erfahrungen mit täglicher Masturbation teilt. Dabei geht es ihr nicht nur darum, so effektiv wie möglich einen Höhepunkt zu erreichen und die praktischsten Techniken dafür zu teilen. Vielmehr möchte sie das Ganze zu einer ganzkörperlichen, wirklich zufriedenstellenden Erfahrung ausweiten. Und zeigt auch, dass das kein zielgerichteter Prozess ist. Sondern viel mit Zeit nehmen, Spaß haben und Ausprobieren zu tun hat.

 

Je mehr Wissen, desto mehr Lust

Eine weitere Quelle für die Weiterentwicklung der weiblichen Selbstbefriedigung ist OMGYES! Diese Plattform hat mithilfe von internationalen Wissenschaftlerinnen die Erfahrungen von über 19. 000 Frauen mit Selbstbefriedigung gesammelt und untersucht. Dabei stellte sich heraus: Selbstbefriedigung ist natürlich ein überaus individueller Prozess. Und doch gibt es verschiedene Methoden, die sich kategorisieren und benennen lassen. Wir erinnern uns: Für etwas einen Namen zu haben ist ungemein hilfreich, um darüber zu reden und damit die eigenen Bedürfnisse klarer zu definieren.

Die verschiedenen Methoden stellt OMGYES! jetzt auf der eigenen Plattform, bisher 62 Videos und 11 Touch-Simulationen, zur Verfügung. Ein Zugang kostet einmalig 45€ und das Geld wird direkt wieder in die Forschung investiert, um mit weiteren Frauen zu sprechen und mehr Wissen zu sammeln. So versucht OMGYES! die Lücke, die über die jahrhundertelange Tabuisierung der weiblichen Sexualität entstanden ist, im großen Stil zu schließen.  Sicherlich ist es hilfreich, anderen Frauen dabei zuzuhören und zuzuschauen, wie sie ihre Sexualität erobern und über ihre Bedürfnisse sprechen. Doch letzten Endes wäre es ideal, dies auch innerhalb einer Beziehung mit dem eigenen Partner oder der Partnerin ganz individuell tun zu können. Denn, um so weniger Scham und Tabuthemen es gibt, um so mehr Platz ist für Lust und Neugierde für all diejenigen, die sich in einer Partnerschaft befinden.

Die Frage ist natürlich immer, wie Paare darüber reden, wie sie das miteinander diskutieren. Ich finde es sinnvoll, in einer Beziehung von Anfang an zu sagen: Wie gehen wir mit dem Thema um? Offen drüber zu sprechen und einen Konsens zu finden, der für beide in Ordnung ist.

Psychologin Yvonne Keßler

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

2 Kommentare

Stefan
#2 — vor 1 Monat 3 Wochen
Liebe Fraun,
glaubt ihr ernsthaft das sich der man darüber gedanken macht od er auf Selbstbefriedigung zurückgreifen darf oder nicht?
Redet nicht darüber tut es einfach und geniest es es zu tun.
Geniest es alleine, mit eurem Partner, vor eurem Partner und auch wenns euer Partner vor euch macht.
Männer bekommen einen »Höhepunkt« Bilogisch bedingt zu Fortpflanzung, was nicht zwingend etwas mit der Sexuellenbefriedigung zu tun hat. Auch wenn die Lust auf Sex mit einem Partner befriedigt wird ist das nicht ganz das selbe wie die eigene Lustbefriedigung durch Selbstbefriedigung.
Beim Sex mit Partner geht manchem einfach nur darum bei der Befriedigung seinen (einen) Partner zu spüren, nicht darum mit ihm zum Höhepunkt zu kommen.
Vermutlich schlafen deshalb viele Männer nach dem Sex gleich ein. Nicht etwa weil sie gekommen sind und es ihnen egal ist ob ihr kommt, sondern weil sie zufrieden damit sind euch spüren zu dürfen.
Heinrich
#1 — vor 4 Monaten 1 Woche
Finde das ist doch einfach, Körper ist wie bei allen Lebewesen ein Organismus der fühlt was gut tut. Reicht das nicht? Moralismen und religiöses Gefasel ist von gestern. Wenn man bedenkt welche schauerlichen Taten die Moraliker (Religionen) getan haben und auch heute noch tun, Dann weg mit diesen Vorschriften, seid selber. Es ist gut. Denkt selber.

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