Microdosing: Das Leben optimieren mit psychoaktiven Drogen?

Words by Jana Ahrens
Photography: Ben Johnson
Langzeitbelichtung: Bunte Lichtreflexe in Form einer Lotusblüte

Psychoaktive Drogen wie LSD oder Psilocybin haben inzwischen eine lange Geschichte der Verklärung und Verteufelung. Nach einer langen Phase, in der die Wirkstoffe komplett aus der medizinischen Forschung verschwunden waren und nur noch illegal für transzendentale Erfahrungen genutzt wurden, erleben sie jetzt ein ganz anderes Comeback. Die Präparate werden in verlässlichen Studien erforscht und auf dem Schwarzmarkt eher als kleine Helferlein gehandelt, um in einer herausfordernden Leistungsgesellschaft noch besser funktionieren zu können. Das Zauberwort in diesem Kontext lautet Microdosing.

 

Warum LSD und Psilocybin wieder interessant werden

»Ich habe mich ein bisschen wie ein Archäologe gefühlt, der komplett verschüttetes Wissen wieder ausgräbt.« So äußerte sich Stephen Ross, Professor für Psychiatrie an der NYU, bereits 2015 über seine Forschung am Wirkstoff Psilocybin, der in synthetisierter Form LSD genannt wird (The New Yorker). Ross führte zu diesem Zeitpunkt gerade eine Studie durch, in der  Menschen mit unheilbarem Krebs durch die Gabe von Psilocybin von ihren Ängsten und Depressionen befreit werden sollten. Die Teilnehmenden wurden erst psychisch untersucht und durch Gespräche vorbereitet. Im Anschluss wurde ihnen in einem bewusst gemütlich ausgestatteten Behandlungsraum der Universität in zwei Sitzungen einmal ein Placebo und einmal Psilocybin verabreicht, während sie auf einem Sofa liegend Musik von Brian Eno, Philip Glass und anderen Ambient-Musikern vorgespielt bekamen.

 

Die Ergebnisse dieser Studien waren erstaunlich. 80 % der Probanden berichteten auch noch ein halbes Jahr nach Ende der Behandlung von massiven Verbesserungen ihrer Lebensqualität und einem starken Rückgang ihrer Depressionen und Ängste.

 

Warum diese Studie so besonders war? Auf den ersten Blick nichts Spektakuläres. Sie fand nämlich nicht – wie es inzwischen immer mal wieder vorkommt – im Weltall statt. Sie war aber schlicht die erste, die nach den aktuellen Richtlinien der medizinischen Wissenschaft zu diesem Thema durchgeführt wurde. Das heißt, dass die Studie placebokontrolliert und doppelblind aufgebaut war. Doppelblind heißt, dass weder die Teilnehmenden noch die Betreuer wussten, welche Probanden wann das Psilocybin und wann das Placebo verabreicht bekamen. Weiterhin handelte es sich um eine Crossover-Studie, was bedeutet, dass alle Teilnehmenden zeitversetzt sowohl mit dem Placebo als auch mit dem tatsächlichen Wirkstoff behandelt wurden. All diese Absicherungen und Ansprüche waren in vorangegangenen Studien so noch nicht erfüllt worden. Deshalb überzeugte das Ergebnis umso mehr. Und es versprach Hoffnung.

 

Rückkehr der Forschung

 

Hoffnung darauf, dass die Ideen, die es bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu Psilocybin und LSD als Medizin gegeben hatte, vielleicht doch wahr sein könnten. Denn zu dieser Zeit hatte es bereits eine erste enthusiastische Welle der Forschung gegeben, die den damals noch legalen Wirkstoffen einen Weg in die Pharmaindustrie ebnen sollte. Doch dann sprach sich die transzendierende Wirkung von LSD auch abseits der Forschungslabore herum, und LSD wurde zu einer beliebten Freizeitdroge. Das passte nicht zur kulturell-politischen Offensive Richard Nixons und seinem »War on Drugs« – also wurden Psilocybin und LDS zu illegalen Drogen erklärt und zugleich jegliche Form ihrer klinischen Erforschung gestoppt. Diese Einstellung schwappte aus den USA in alle anderen Industrienationen über. LSD wurde aus der Forschung verbannt. Auch 2015 war es für Professor Ross noch schwer, sowohl die U. S. Food and Drug Administration als auch die Drug Enforcement Administration davon zu überzeugen, den Wirkstoff Psilocybin für die Studien freizugeben.

Die Food and Drug Administration, kurz FDA, überwacht in den USA zentral die Freigabe von Lebensmitteln und Arzneimitteln. Die Drug Enforcement Administration, kurz DEA, ist die U.S.-amerikanische Strafverfolgungsbehörde, die die illegale Herstellung von Drogen und ihren Vertrieb unterbinden soll.

Doch dann kamen die Ergebnisse. Und die waren so gut, dass es inzwischen auch erste Studien zur Behandlung von Suchtkrankheiten, Depressionen und Ängsten jenseits unheilbarer Krebserkrankungen gibt. Der Enthusiasmus der WissenschaftlerInnen ist weltweit ungebrochen, auch wenn die Studien bisher nur an sehr kleinen Gruppen durchgeführt werden. Doch der Umkehr-Effekt, der in den 60ern für einen großen Skeptizismus den Drogen gegenüber geführt hatte, könnte auch heute wieder die medizinische Entwicklung ausbremsen.

 

Microdosing: der neue LSD-Trend

 

Denn natürlich sind LSD, »Magic Mushrooms« und andere Formen von Psilocybin auch heute noch illegal auf dem Drogenmarkt verfügbar. Oder würde die Formulierung »besonders heute« vielleicht besser passen? Denn die Drogen kehren in einer neuen Dosierung und mit neuem Heilsversprechen zurück. Ähnlich der neuen Form Cannabis zu sich zu nehmen, heißt auch hier der Trend Microdosing. Er soll die Selbstmedikamentierenden vor einem Rausch schützen soll, ihnen jedoch trotzdem die positiven Wirkungen von LSD und Psilocybin verspricht. Es geht also nicht mehr darum, mit einer Dosis zwischen 100 und 150 Mikrogramm einen bewusstseinserweiternden Trip mit unkontrollierbaren Halluzinationen auszulösen, sondern wiederholt mit einer äußerst niedrigen Dosis zwischen 5 und 20 Mikrogramm zu experimentieren.

Kann LSD Microdosing die Stimmung aufhellen?

Die Vorzüge liegen laut Erfahrungsberichten darin, dass das Microdosing die Stimmung aufhellt und gedanklich für kreative Freiheit sorgt, dabei aber ein völlig normales Funktionieren bei der Arbeit und in zwischenmenschlichen Beziehungen ermöglicht. Deshalb ist Microdosing auch gerade bei jungen Leuten und in fordernden neuen Berufsgruppen beliebt – wie beispielsweise in der Start-up-Welt. Wenn das Job-Profil vom Arbeitnehmer fordert, einerseits ambitioniert, endlos belastbar und jederzeit gut organisiert, andererseits aber auch hochgradig kreativ und teamverbunden zu sein, dann erscheinen Selbsttherapien mit LSD oder Psilocybin schnell als Allheilmittel. Sie scheinen das fast maschinelle Funktionieren von Menschen, gepaart mit genau dem richtigen Grad an künstlerischer Freiheit zu ermöglichen.

Links: Michael Pollan, Autor von »Verändere dein Bewusstsein«; Rechts: Ayelet Waldman, Autorin von »Ein richtig guter Tag«

 

Hinzu kommt, dass Kulturschaffende das Thema Microdosing ebenfalls für sich entdeckt haben. Und gerade die schreibende Zunft lässt ihre Leserschaft gern an ihren Selbsttests teilhaben. Ayelet Waldman ist eine der renommierten Autorinnen, die ihre Erfahrungen mit der Selbstmedikation in ihren Memoiren verarbeitet hat. In »Ein richtig guter Tag« erzählt sie davon, wie Microdosing nicht weniger als ihr Leben und ihre Ehe rettete.

 

Eine wahre Bibel der Selbstoptimierung hat Michael Pollan geschrieben, bekannt auch aus der Netflix-Doku-Serie Cooked. Sein Ratgeber »Verändere dein Bewusstsein: Was uns die neue Psychedelik-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt« wurde ein echter Silicon-Valley-Bestseller. Solch positive Drogenberichte kommen heute also nicht mehr aus der Gegenkultur, wie es noch in Zeiten der Beatnik-Generation der Fall war. Sondern aus einer Generation der bereits etablierten, als vernünftig und bodenständig geltenden Klasse von Akademikern, die nicht versucht, sich gegen das Establishment aufzulehnen. Sondern die vor vor allem versucht, besser zu funktionieren, ohne die Welt dabei in Frage zu stellen.

 

Forschung zum Microdosing

 

Dabei gibt es zur medizinischen Verlässlichkeit von Microdosing bisher kaum unterstützende Forschung. Die aktuellste Studie wurde im November 2018 veröffentlicht. Sie beschäftigt sich primär mit der Frage, welchen konkreten Effekt LSD in so geringer Dosierung wie 5-20 Mikrogramm auf unsere Wahrnehmung hat. Das Fazit lautet: LSD veränderte die Zeitwahrnehmung der Teilnehmenden und hatte dadurch massiven Einfluss auf ihr Arbeitsgedächnis. Das Arbeitsgedächtnis ist Teil unseres Erinnerungsvermögens und sorgt dafür, dass wir unsere direkte Umgebung verstehen. Besonders beunruhigend dabei: Die Zeitverzerrung wurde von den Teilnehmenden der Studie nicht als subjektive Bewusstseinsveränderung wahrgenommen. Sie spürten also gar nicht, dass sie sich während des Microdosings anders verhielten als außerhalb der Behandlung. Ob die ausgedehnte Zeitwahrnehmung dabei überhaupt den erhofften Einfluss auf die Kreativität, die Stimmung oder die Konzentrationsfähigkeit von Menschen hat, ist im Übrigen weiterhin völlig unklar.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Dabei interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Zum Schönen gehört natürlich auch, wenn sich komplexe Themen in verständliche Zusammenhänge zerlegen lassen. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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