Macht uns Meditation egoistisch?

15.11.2018
Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Macht Meditation egoistisch?

Die Meditation ist eine spirituelle Praxis, die den Geist durch Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen beruhigen und entspannen soll. Was unzählige Menschen seit Jahrtausenden praktizieren, soll uns laut Kritikern egoistisch machen – wirklich?

In unserem Alltag geraten wir zunehmend in einen Strudel aus Arbeits- und Freizeitstress. Die Folge ist eine wachsende Unzufriedenheit, die unter anderem durch einen Mangel an Konzentration oder Kreativität oder auch durch Schlafstörungen angetrieben wird. Was wir jetzt dringend brauchen, ist mehr Achtsamkeit, zu der Ärzte, Therapeuten und Meditationstrainer beharrlich aufrufen. Denn wer achtsam ist, stellt sich selbst wieder mehr in den Fokus, hört intensiver auf die eigenen Bedürfnisse und übt sich in Selbstakzeptanz. Immer mehr Menschen suchen daher Achtsamkeitskurse auf, die sich inzwischen sogar in den Führungsetagen großer Firmen großer Beliebtheit erfreuen. Experten sind davon überzeugt: Meditation ist ein Geheimrezept, das jeder Mensch besser früher als später befolgen sollte.

Macht Meditation egoistisch?
Bildquelle: Unsplash

Die achtsamkeitsbasierte Meditation

Die am häufigsten praktizierte Form ist die achtsamkeitsbasierte Meditation. Bekannt wurde sie durch Prof. Jon Kabat-Zinn von der Massachusetts University Medical School. Achtsamkeit definiert Kabat-Zinn als einen klaren Bewusstseinszustand, der es erlaubt, sowohl äußere als auch innere Erfahrungen vorurteilsfrei wahrzunehmen und zuzulassen. Er ist davon überzeugt, dass in Achtsamkeit lebende Menschen schnell bemerken, dass die eigene Lebensfreude und das persönliche Glück nicht von äußeren Gegebenheiten abhängig sind. Wer achtsam ist und meditiert, kennt und versteht sich selbst besser und kann leichter Emotionen zeigen und mit ihnen umgehen – und demzufolge Konflikte schneller lösen. Auch die Zusammenarbeit mit anderen und, was noch wichtiger ist, freundschaftliche, familiäre und partnerschaftliche Beziehungen können auf dieser Basis, so ist sich Kabat-Zinn sicher, wesentlich besser funktionieren.

Anfangs in der westlichen Welt noch belächelt, begann er bereits Ende der 1970er Jahre die Wirkung der Meditation unter wissenschaftlichen Aspekten zu untersuchen. Seine Erkenntnisse bestärkten den Professor in seinen Theorien.

Verändert Meditation Hirnströme?

Auch Richard Davidson ist davon überzeugt. Der Neurowissenschaftler lehrt an der University of Wisconsin-Madison, ist Direktor des Waisman Laboratory for Brain Imaging and Behavior, leitet das Laboratory for Affective Neuroscience und hat es sogar schon einmal auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen des Time Magazine geschafft. Davidson untersucht die Zusammenhänge zwischen der Meditation und den daraus resultierenden Veränderungen im Gehirn. 2008 gründete er das Forschungsinstitut Center for Investigating Healthy Minds (CIHM), wo er bis heute seine neurologischen Untersuchungen durchführt.

Bekanntheit erlangte Davidson durch seine Testreihe, bei der er die Gehirne von meditierenden buddhistischen Mönchen untersuchte und aufzeigte, dass bei ihnen tatsächlich starke Veränderungen im Gehirn erkennbar sind. Meditation kann demnach dafür sorgen, dass sich Hirnströme verändern und die Hirnstruktur formbar wird.

Regelmäßiges Meditieren soll den Alterungsprozess verlangsamen

Er vergleicht diese Veränderungen mit den Unterschieden, die jemand, der sich regelmäßig um seine Fitness bemüht, nach einem mehrwöchigen Sportprogramm an seinem Körper wahrnehmen kann. Meditation ist seinen Aussagen zufolge also Fitness für das Gehirn. Doch anders, als wenn man seine allgemeine Ausdauer verbessern möchte, reicht es hier nicht, zwei bis drei Mal die Woche auf ein Laufband zu steigen. Um die Aufmerksamkeit, Resilienz und Stressresistenz zu verbessern, das Mitgefühl zu steigern und – was Studien angeblich als weiteren positiven Effekt herausgefunden haben – den Alterungsprozess zu verlangsamen, sind mehr als drei Jahre Meditation notwendig. Leichtere Veränderungen sollen sich allerdings bereits nach 20 bis 30 Meditationsstunden bemerkbar machen.

Theodore Zeldin: “Meditation macht egoistisch”

Für Kritiker wie den britischen Historiker, Soziologen und Philosophen Theodore Zeldin sind die Ergebnisse des Neurowissenschaftlers schön und gut – doch macht er auch darauf aufmerksam, dass es naiv sei zu behaupten, Meditation habe ausschließlich positive Effekte auf den Menschen. Er ist davon überzeugt, dass es uns nur bedingt hilft, wenn wir uns in schwierigen Zeiten nach innen richten und die Außenwelt mitsamt allen Problemen einfach “wegmeditieren”. Es geht ihm darum, dass wir stets offen und neugierig bleiben und uns nicht verschließen – vor allem nicht vor anderen Menschen. Mitgefühl erreichen wir, indem wir mit anderen sprechen – und nicht etwa, indem wir uns auf ein Meditationskissen setzen, so seine These.

Schließen sich Meditation und Austausch aus?

Genau aus diesem Grund hat Zeldin die Stiftung “Muse” gegründet. Mit dieser möchte er eine neue Konversationskultur schaffen, bei der Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, Alters- und Berufsgruppen aufeinandertreffen und sich austauschen. Dabei ist es ihm wichtig, dass jede Person ihre Komfortzone verlässt und sich auf völlig neue Denkanstöße einlässt. Derartige Konversationen bringen uns Menschen wesentlich weiter als die Meditation, die vor allem besonders gut funktioniert, wenn wir sie still, leise und für uns allein praktizieren, ist sich Zeldin sicher. Auch in seinem Buch “Gut Leben – Ein Kompass der Lebenskunst” setzt er verstärkt auf zwischenmenschliche Beziehungen und erklärt, wie wichtig der Austausch untereinander ist.

Macht Meditation egoistisch?
Bildquelle: Unsplash

Aber schließen sich Meditation und Austausch wirklich aus? Möchte man den Ausführungen von Richard Davidson und Prof. Jon Kabat-Zinn glauben, so macht Meditation nicht egoistisch, sondern ebnet den Weg, um anderen Menschen mit mehr Ruhe, Authentizität und Verständnis zu begegnen. Und kennen wir nicht alle die Situationen, in denen wir es – wenn wir vollkommen ehrlich sind – lediglich der Unzufriedenheit mit uns selbst zu verdanken haben, in einen Konflikt geraten zu sein? Doch ob Meditation für wirklich jede einzelne Person auf dieser Welt das allgemeingültige Geheimrezept ist, um mehr Selbstakzeptanz für sich und im Umkehrschluss auch mehr Akzeptanz für andere zu entwickeln? Vielleicht ist es das – vielleicht aber auch nicht. Das kann am Ende nur jeder für sich selbst herausfinden…

Das Beitragsbild ist übrigens von JD Mason auf Unsplash

share:
FacebookPinterest
Claudia Marisa Alves de Castro

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

kommentieren