Wenn dein Kind zu dick ist – was tun als Elternteil?

Words by Arzu Gül
Photography: jcomp/Freepik
Lesezeit: 5 Minuten
Was soll man tun, wenn das eigene Kind zu dick ist?

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden schon in jungen Jahren an sogenannten Alterskrankheiten, die durch Übergewicht hervorgerufen werden. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, hier entsprechend zu handeln.

Übergewicht wird in der Gesellschaft zu einem immer größeren Problem. Bereits mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig. Bei Kindern sehen die Zahlen nicht ganz so drastisch aus, dennoch bringen 8,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren zu viel auf die Waage. 6,3 Prozent sind sogar adipös, d. h. sie sind stark übergewichtig und leiden an einer krankhaften Fettleibigkeit.

Die Aussichten sehen schlecht aus. Verschiedene Studien zeigen, dass die Anzahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher in den letzten Jahren immer mehr zugenommen hat. Tendenz weiterhin steigend. Für Betroffene ist Übergewicht kein Spaß. Was in den ersten Lebensjahren noch als süßer »Babyspeck« belächelt wird, wird mit zunehmendem Alter zur Last.

Die Folge: soziale Nachteile und Alterskrankheiten!

Kinder, die an Übergewicht leiden, erfahren soziale Nachteile. Sie werden in Kindergärten und Schulen von MitschülerInnen gehänselt, im Sportunterricht argwöhnisch beobachtet und allein aufgrund ihres Aussehens häufig aus Gruppenaktivitäten ausgeschlossen. Schon im jungen Alter erfahren sie Ausgrenzung und Mobbing, was wiederum zu Niedergeschlagenheit, Stress und einem sinkenden Selbstwertgefühl führen kann. In schlimmeren Fällen können die negativen sozialen Faktoren sogar zu einer verminderten Leistungsfähigkeit, Depressionen oder einem gestörten Essverhalten führen.

Schon die emotionalen Folgen sind für die Betroffenen schlimm, in den meisten Fällen jedoch nicht so kritisch wie die körperlichen Beschwerden, die mit Übergewicht einhergehen. ÄrztInnen empfangen in ihren Praxen immer mehr Kinder und Jugendliche, die trotz ihrer Jugend schon mit typischen Alterskrankheiten vorsprechen. Die Folgen von Übergewicht sind klinisch erwiesen: Altersdiabetes, Bluthochdruck, Verschleiß des Bewegungsapparates, Fettstoffwechselstörungen, Atemnot und sogar Herzinfarkte können bereits im jungen Alter auftreten. Spätestens wenn das eigene Kind an diesen Beschwerden leidet, müssen Eltern eingreifen und drastische Änderungen im Alltag einleiten. Noch besser wäre es natürlich, wenn es gar nicht erst so weit kommen müsste.

Wie der Medienkonsum die Gesundheit gefährdet

Nach dem heutigen Stand der Forschung werden hauptsächlich drei Faktoren für die Entwicklung von Übergewicht verantwortlich gemacht: Erbanlagen, ungünstige Ernährung und mangelnde Bewegung.

Die Ursachen hierfür liegen in den veränderten Lebensbedingungen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es ein Übermaß an Lebensmittelangeboten gibt. Industriell verarbeitete Lebensmittel sind für kleines Geld jederzeit verfügbar. Auch in der Werbung werden zuckerhaltige Produkte angepriesen. Für Kinder ist es besonders schwierig, hier zwischen Werbeaussagen und redaktionellen Inhalten zu unterscheiden. Hinzu kommt die Verfügbarkeit von Medienangeboten über Fernseher, Computer, Tablets und Smartphones. Jugendliche zwischen 12 bis 19 Jahren waren 2018 täglich über 214 Minuten online, damit verbringen sie pro Tag über 3,5 Stunden ihrer Freizeit mit dem Surfen im Internet. Zeit, die an anderer Stelle fehlt, etwa für Outdoor-Aktivitäten oder Sportangebote. Die moderne Zeit hat das Bewegungs- und Ernährungsverhalten somit deutlich beeinflusst.

Die Verantwortung, dem entgegenzuwirken, liegt vor allem bei den Eltern. Natürlich wünscht sich kein Elternteil, dass das eigene Kind gesundheitliche Probleme bekommt oder unter psychischem Stress leidet. Warum aber gibt es dann trotzdem so viele übergewichtige Kinder?

Die modernen Medien sind ein Grund für Übergewicht…

Studie: Mütter erkennen Übergewicht ihrer eigenen Kinder nicht!

Eine Studie der Diplom-Psychologin Prof. Dr. Petra Warschburger liefert einen möglichen Erklärungsansatz. Sie führte eine Untersuchung durch, in der sie über 200 Müttern Umrisse von unterschiedlichen Kindern zeigte. Dabei waren alle Körperformen vertreten: Unter-, Normal- und Übergewicht. Die Mütter sollten die Körperform auswählen, die am ehesten der ihres Kindes entsprach. Nur 40 Prozent der Mütter lagen bei dieser Einschätzung richtig. Besonders bezeichnend: Bei Müttern von übergewichtigen Kindern konnten tatsächlich nur 20 Prozent den objektiven Gewichtsstatus ihrer Kinder angeben. Die übrigen 80 Prozent unterschätzten das tatsächliche Körpergewicht und schienen augenscheinlich nicht zu merken, dass der eigene Nachwuchs mit einem Gewichtsproblem zu kämpfen hat. Bei der Einordnung fremder Kindern lagen hingegen zwei Drittel der befragten Mütter richtig, was zeigt, dass sie Übergewicht grundsätzlich erkennen konnten, nur eben nicht bei ihren eigenen Kindern.

Schlimmer noch: Etwa 70 Prozent der Mütter gaben in derselben Befragung an, der Meinung zu sein, dass das Risiko für seelische Leiden bei übergewichtigen Kindern nicht erhöht sei. Über die Hälfte war außerdem der Meinung, dass Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen nicht mit einem erhöhten Risiko für die körperliche Entwicklung einhergehe. Natürlich steckt hinter diesen Aussagen keine böse Intention, aber es wird mehr als deutlich, dass Eltern unbedingt zu einer objektiveren Einschätzung in Bezug auf das Gewicht ihrer Kinder gelangen und auch im Bereich Ernährung geschult werden müssen.

Wie kann ich überprüfen, ob mein Kind übergewichtig ist?

Eine bekannte Formel, um zu errechnen, ob man mit seinem Gewicht noch im Normalbereich liegt, ist der sogenannte »Body-Mass-Index« (BMI). Dieser setzt sich zusammen aus dem Körpergewicht, der Körpergröße und dem Alter. Obwohl die Formel relativ oberflächlich ist, ist sie doch ein erster Indikator dafür, ob man stark vom Durchschnitt abweicht. Kinder- und JugendärztInnen verfügen über gesonderte Vergleichsdaten für Jungen und Mädchen und können schnell erkennen, ob das Kind unter-, normal- oder übergewichtig ist.

Besorgte Eltern können beispielsweise auf der Webseite des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V. den BMI-Rechner für Kinder und Jugendliche nutzen: kinderaerzte-im-netz.de/bmi-rechner.

Bei einem Verdacht auf Übergewicht oder sogar Adipositas sollte in jedem Falle ein Kinderarzt oder eine Kinderärztin zurate gezogen werden. Denn neben Bewegungsmangel oder gestörtem Essverhalten können auch Krankheiten für das Übergewicht verantwortlich sein, die im Vorfeld ausgeschlossen werden sollten. Anschließend wird das Gesundheitsrisiko bewertet. Auf dieser Grundlage werden dann entsprechende Empfehlungen erarbeitet, welche die weitere Gewichtsentwicklung kontrollieren und Folgeerkrankungen vermeiden bzw. behandeln sollen.

Alltags-Leitfaden: So können Eltern ihren Kindern helfen

Eltern können aber durchaus bereits im Alltag in vielen Bereichen einer übermäßigen Gewichtszunahme entgegenwirken. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. hat hierzu einen Leitfadenentwickelt, in dem verschiedene Handlungsmaßnahmen zusammengefasst sind. So sollten Eltern ihren Kindern vor allem in puncto Bewegung ein Vorbild sein und sie mit gemeinsamen Freizeitaktivitäten zu mehr körperlichen Leistungen motivieren. Empfohlen wird mehr als eine Stunde körperliche Aktivität am Tag, mindestens aber 12.000 Schritte an drei Tagen pro Woche.

Weiterhin wird ein gemäßigter und kontrollierter Medienkonsum empfohlen. Hierzu sollten Eltern den Umgang mit Tablets und Smartphones nicht dem Kind alleine überlassen, sondern sich aktiv mit den konsumierten Inhalten auseinandersetzen und in den Dialog mit den Kindern gehen. So kann man nicht nur einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet erreichen, sondern das Kind auch für mögliche Werbe- und Marketingtricks sensibilisieren.

Natürlich sind Eltern auch maßgeblich für die tägliche Ernährung verantwortlich. Es ist ihre Aufgabe, auf ein ausgewogenes und abwechslungsreiches Angebot von Nahrungsmitteln im eigenen Zuhause zu achten. Die Mahlzeiten sollten regelmäßig und in Ruhe mit der Familie stattfinden. Generell gilt auch: Wasser trinken statt Fruchtsäfte und Softdrinks und ein weitgehender Verzicht auf Fast Food und Süßigkeiten.

Um diese Maßnahmen in der Gesellschaft voranzubringen, fordern die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und diverse Ärzteverbände und Krankenkassen bereits seit einigen Jahren die Wiedereinführung einer Zuckersteuer. Die Idee dahinter ist, dass beispielsweise zuckerhaltige Getränke durch die Steuererhöhung teurer werden, wodurch der Verbrauch sinken soll. Auch Nährwertampeln für Lebensmittel (wie der Nutri-Score), Auflagen für Lebensmittelwerbung und neue Standards für gesundes Schul- und Kitaessen sollen es jungen Menschen (und nicht nur diesen) einfacher machen, ihre Ernährungsweise zu reflektieren und öfter auf gesunde Alternativen zurückzugreifen. Bis die entsprechenden Maßnahmen aber umgesetzt sind, sollten Eltern mit gutem Beispiel vorangehen und gemeinsam mit ihren Kindern eine gesunde Lebens- und Ernährungsweise im Alltag etablieren.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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