Gendermedizin: Helfen Medikamente Frauen wirklich?

Words by Arzu Gül
Photography: Marcko Duarte via Unsplash
Frauengesicht mit Glas davor

In der medizinischen Forschung kamen Frauen lange quasi überhaupt nicht vor. Medikamente und ihre Nebenwirkungen wurden überwiegend an Männern getestet. Für Frauen kann dies sehr gefährlich werden. Die Gendermedizin nimmt sich diesem Problem nun an.

 

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Frauen in der Vergangenheit von klinischen Studien vorwiegend ausgeschlossen wurden. Lange Zeit nahm man an, dass Frauen nur eine kleinere Ausgabe des Mannes seien, mit einigen medizinisch irrelevanten biologischen und körperlichen Unterschieden – eine gesonderte Forschung an und für Frauen hielt man daher schlicht für überflüssig. Aber nicht nur Unwissenheit führte zu einer unzureichenden Beachtung des weiblichen Geschlechts. Neue Medikamente nur an Männern zu testen, hatte diverse Vorteile. Zum einen musste man sich keine Gedanken darum machen, dass die Testpersonen plötzlich schwanger werden und mitten in der Testphase abspringen oder aber die ungeborenen Kinder in Gefahr bringen könnten. Zum anderen ergeben Tests an Männern eindeutigere Daten. Die Unterschiede zwischen einzelnen Männern sind nämlich nicht so hoch wie bei Frauen, denn Frauen weisen aufgrund ihrer Menstruationszyklen und hormonellen Schwankungen sehr differenzierte Testergebnisse auf. Diese zyklischen Unterschiede müssen daher in Studien hinreichend berücksichtigt werden. Auch das Alter und die damit verbundene Fruchtbarkeit sowie beispielsweise der Eintritt der Menopause müssten in der Forschung mit einbezogen werden. Dies sind zu viele Faktoren, welche die Auswertung von Testergebnissen zu komplex und damit auch sehr teuer machen.

Die Arzneimittelkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Doch Frauen und Männer in der Erprobung von Krankheiten und Medikamenten über einen Kamm zu scheren kann fatale Folgen haben. Dies zeigt auch die sogenannte Contergan-Katastrophe, welche Ende der 50er Jahre zu Tausenden von Totgeburten und Geburten von stark missgebildeten Kindern führte. Das Medikament Contergan wurde nämlich in Deutschland mehrere Jahre rezeptfrei als Beruhigungs- und Schlafmittel, vor allem an Schwangere, verkauft. Zuvor wurde jedoch nicht, wie heute üblich, das Medikament auf Teratogenität - also eine Missbildungen hervorrufende Wirkung auf Embyronen und Föten - getestet. Insgesamt 5.000 Kinder wurden als Folge mit Contergan-Schäden geboren, nur ein Bruchteil überlebte. 

Warum so starke medizinische Differenzen zwischen Mann und Frau bestehen, liegt an unterschiedlichen Faktoren: Medikamente benötigen aufgrund hormoneller Unterschiede bei Frauen etwa doppelt so lange, um vom Körper aufgenommen zu werden und ihre Wirkstoffe zu entfalten. Einige dieser Wirkstoffe benötigen zudem bestimmte Enzyme zur Aktivierung. Da Männer und Frauen unterschiedliche Enzyme im Körper aufweisen, können Medikamente gänzlich unterschiedlich anschlagen. Auch die im Durchschnitt geringere Körpergröße sowie der eher höhere Anteil an Fettgewebe spielen eine Rolle. Schaut man sich allerdings die Beipackzettel der meisten Medikamente an, so findet man fast immer nur allgemeine Dosierungsangaben, die für Frauen und Männer gleichermaßen gelten.

Frauen wurden in der medizinischen Forschung lange nicht berücksichtigt

Herzkrankheiten bei Frauen werden oft nicht erkannt

Ein weiteres Beispiel, das die negativen Folgen einer medikamentösen Gleichbehandlung von Männern und Frauen aufzeigt, ist der Fall um das Medikament Digoxin. Bis Ende der 90er Jahre wurde dieses Mittel PatientInnen mit einer Herzschwäche verschrieben. Eine Langzeit-Studie enthüllte dann die traurige Wahrheit: Offenbar hat der Wirkstoff nur den Männern geholfen. Die mit Digoxin behandelten Frauen starben durchschnittlich sogar früher an Herzproblemen als ohne die Einnahme des Mittels. 

Doch nicht nur in der Verordnung von Arzneimitteln sind ein Umdenken und eine gesellschaftliche Aufklärung erforderlich. Auch bei der symptomatischen Behandlung und Diagnostik ist die Medizin gezwungen, Männer und Frauen differenziert zu behandeln und PatientInnen hinreichend zu informieren. Bei stechenden Brustschmerzen, die in verschiedene Körperregionen – zum Beispiel in die Arme oder in den Kiefer – ausstrahlen können, denken die meisten Menschen sofort an einen Herzinfarkt. Die wenigsten wissen aber, dass dies typische Symptome bei Männern darstellen. Frauen leiden hingegen oft an Übelkeit und haben Schmerzen im Oberbauch. Die Folge? Häufige Fehldiagnosen. Herzinfarkte bei Frauen wurden genau aus diesem Grund früher oft nicht erkannt. Das Risiko, an den Folgen zu sterben, war für diese daher viel höher als bei Männern.

 

Die Gendermedizin in Deutschland bedarf mehr Aufmerksamkeit

Nicht immer muss die medizinische Gleichbehandlung in eine solche Katastrophe ausarten. Doch auch schon kleinere Nebenwirkungen können das Wohl der Einzelnen beeinträchtigen. Umso wichtiger ist es, dass die Gendermedizin vorangebracht wird. In Deutschland setzt sich hierfür das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) ein. Die Mitbegründerin der Gendermedizin in Deutschland und Direktorin des GiM Vera Regitz-Zagrosek fordert die Integration von mehr Frauen in Studien. Trotz vieler Bemühungen und Veränderungen in den letzten Jahren seien noch immer nur ein Drittel oder ein Viertel der TeilnehmerInnen an Herz-Kreislauf-Studien weiblich. Auch viele Lehrbücher würden den Menschen als ein geschlechtsneutrales Wesen behandeln. Damit sich dies ändere, brauche es mehr Frauen in Führungspositionen und eine Integration der Gendermedizin in die Lehrpläne an Universitäten.

Solange dies aber noch nicht der Fall ist, ist es für Frauen ratsam, sich genauer mit dem eigenen Körper und ihrer Gesundheit auseinanderzusetzen sowie Medikamente und vorgeschlagene Behandlungsmethoden mit ihren ÄrztInnen im Hinblick auf dieses Thema ausreichend zu beleuchten. 

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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