Fett vor Fashion: Dick, gesund und schön dabei

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Hans Scherhaufer
Fett vor Fashion
Magda Albrecht ist eine Aktivistin, Journalistin und Autorin. Sie fordert mehr Respekt und Akzeptanz und hält regelmäßig Vorträge zum Thema Dicken-Diskriminierung. Mit ihrem Buch “Fa(t)shionista: Rund und glücklich durchs Leben” möchte sie Menschen Mut machen – allerdings nicht nur den “Dicken”.

“Alle Menschen sollen tragen, worin sie sich wohlfühlen.” Einen Satz, den viele schon selbst gehört oder gesagt haben. Doch wie Magda Albrecht ihn sagt und auch aus tiefstem Herzen meint, hebt sich von einigen anderen deutlich ab. Denn sie weiß genau, was es heißt, gemobbt und belächelt zu werden. Sie kennt das Gefühl, in einem Laden zu stehen, in dem keines der angebotenen Teile so richtig passen will. Magda hat erlebt, wie ihr immer wieder versucht wurde einzureden, dass Menschen, die dick sind, versagt haben, faul und ungebildet sind. Und damit muss Schluss sein, sagt Magda.

BELEIDIGUNGEN UND AUSGRENZUNG GEHÖRTEN ZU IHREM ALLTAG

Ihr Buch “Fa(t)shionista: Rund und glücklich durchs Leben” ist eine Antwort auf alle Beleidigungen, Demütigungen und Zweifler – aber auch für alle Selbstzweifler. Offen und ehrlich erzählt sie ihre Geschichte in einer Welt, in der dicke Körper zu einem Problem gemacht werden. Geboren ist Magda Albrecht in Stralsund – aufgewachsen in Berlin. Mit nur sechs Jahren machte sie ihre erste Diät: Damit sie an ihrem ersten Schultag mehr aussehen würde wie alle anderen Kinder, ging es zuvor in ein Abnehmcamp. Das Ergebnis: Noch mehr Frustration. In den drauffolgenden Jahren wurde nicht nur sie, sondern auch ihr Herz immer schwerer. Anfeindungen und Ausgrenzung gehörten zu ihrem Alltag. “Glaube ich den Klatschspalten, so muss mein Körper eine einzige Problemzone sein. Und wenn ich ehrlich bin, war ich die meiste Zeit meines Lebens selbst davon überzeugt: ‘Wenn ich nur zwanzig bis dreißig Kilo weniger wiegen würde, wenn ich nur mehr Sport treiben und auf den Abendsnack verzichten könnte, dann wäre mein Leben schöner und vor allem leichter'”, beschreibt sie die damalige Situation.

“DIE GESELLSCHAFT IST NICHT GERADE FREUNDLICH ZU DICKEN”

Schöner und leichter – in der Form eines Schönheitsideals, das sich seit Jahrzehnten kaum verändert und dazu geführt hat, dass sich Vorurteile immer stärker in den Köpfen festsetzten. Gegen diese Vorurteile kämpft Magda seit zehn Jahren standhaft an. “Erst als Erwachsene fing ich an, mich kritisch damit auseinanderzusetzen. So veränderte sich langsam nicht nur mein Selbstbild, sondern auch mein Blick auf die Gesellschaft. Schlanke, sportliche und sellerieessende Menschen sind nicht die besseren Menschen. Und auch nicht zwangsläufig gesünder”, so lautet ihre Erkenntnis.

“Alle Menschen sollen tragen, worin sie sich wohlfühlen.” Einen Satz, den viele schon selbst gehört oder gesagt haben. Doch wie Magda Albrecht ihn sagt und auch aus tiefstem Herzen meint, hebt sich von einigen anderen deutlich ab. Denn sie weiß genau, was es heißt, gemobbt und belächelt zu werden. Sie kennt das Gefühl, in einem Laden zu stehen, in dem keines der angebotenen Teile so richtig passen will. Magda hat erlebt, wie ihr immer wieder versucht wurde einzureden, dass Menschen, die dick sind, versagt h
“Menschen, die in den 90er Jahren in die Kategorie “Normalgewicht” reingehörten, wurden danach zu Übergewichtigen umdefiniert"

So behandelt ihr Sachbuch Themen, in denen sich so gut wie jeder Mensch wiederfinden kann. Es geht um lästige Sprüche in der Schule oder bei der Arbeit, abschätzige Blicke beim Sport, beim Arzt, die Scham beim Essen in der Öffentlichkeit, zahlreiche ungebetene Diättipps und die Suche nach passenden Klamotten. Magda Albrecht hat erkannt, dass sie selbst entscheiden muss, wie sie ihr Leben führen möchte, ohne dem Einfluss und dem Druck der Gesellschaft nachzugeben. “Dieses Buch ist das Resultat einer veränderten Perspektive auf meinen Körper, auf das Dicksein und auf eine Gesellschaft, die nicht gerade freundlich zu Dicken ist”, heißt es weiter.

MUSS DER BMI UMDEFINIERT WERDEN?

Und wie gelingt so ein Perspektivenwechsel? Ein Geheimrezept gibt es nicht, und die Antwort ist so unbefriedigend wie schwierig, denn alles beginnt mit Selbstakzeptanz und der Liebe zu sich selbst und dem eigenen Körper. Das kraftvolle “Schutzschild” aus einer dicken Schicht Selbstbewusstsein baut sich dann von ganz allein auf. Inzwischen besitzt die Autorin so ein Schutzschild, doch ist sie sich auch sicher, dass es noch ganz grundlegende Dinge zu ändern gilt – wie den Body-Mass-Index (BMI). Bei ihren Vorträgen zu Themen wie Queer-Feminismus, Körpernormierungen und Dicksein spielt der BMI eine entscheidende Rolle. Den hält sie nämlich für überholt und nicht mehr zeitgemäß.

Im Interview mit dem “Tagesspiegel” erklärt sie: “Fakt ist, Menschen sind heute im Durchschnitt dicker als vor 100 Jahren. Das hat aber auch die positiven Effekte, dass wir uns – zumindest in den westlichen Ländern – heute alle satt essen können. Viele Menschen arbeiten heute eher am Schreibtisch. Die Lebenserwartung ist heute so hoch wie noch nie. Diese positiven Effekte muss man auch sehen. Ein anderer Fakt ist, dass diese sogenannte “Übergewichtsepidemie” von der Weltgesundheitsorganisation politisch kreiert worden ist, die Mitte der 90er Jahre die Werte für den BMI runter gesetzt hat. Menschen, die in den 90er Jahren noch in die Kategorie “Normalgewicht” reingehörten, wurden danach zu Übergewichtigen umdefiniert, weil die Zahlen geändert wurden. Wir reden hier also nicht von schon immer dagewesenen und nie zu hinterfragenden Werten. Der BMI stammt glaube ich übrigens aus dem Jahr 1830 – da sollten wir uns sowieso fragen, ob das heute noch so aktuell ist. (…).”

BODY POSITIVITY FÜR ALLE

Auch in Zukunft wird es sich bei Magda Albrecht um Body Positivity und eine angebrachtere und respektvollere Denkweise gegenüber dicken Menschen drehen. In ihren Vorträgen und ihren Lesungen verwendet sie das Wort “dick” übrigens ganz bewusst, um alle negativen Assoziationen, die daran haften, irgendwann einmal loszuwerden, so hofft sie.

Mehr zu Magda Albrecht auf ihrem Blog und ihrer Webseite.

Fa(t)shionista: Rund und glücklich durchs Leben von Magda Albrecht (Ullstein Buchverlage)

 

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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