Ewige Jugend: Ist das Rätsel gelöst?

Words by Arzu Gül
Photography: Hadis Safari auf Unsplash
Portrait von zwei Frauen

Es ist ein Mysterium, das die Menschen seit jeher beschäftigt: Gibt es eine Formel für ewige Jugend? Forscher aus den USA behaupten nun »Ja«. Sie haben eine Studie an neun Männern durchgeführt, bei denen sie den Alterungsprozess umgekehrt haben wollen. Was steckt dahinter?

 

Gregory Fahy hat das biopharmazeutische Unternehmen »Intervene Immune« gegründet und erforscht als dessen medizinischer Direktor den altersbedingten Rückgang des Immunsystems. Dabei konzentriert sich das Unternehmen auf das klinische Potenzial der Regeneration des Thymus, eines Organs des Immunsystems, das hinter dem Brustbein sitzt und sich bereits im Alter von 30 Jahren zurückbildet. Eine Regeneration des Thymus könnte aber bei älteren Menschen diversen Infektionskrankheiten vorbeugen und damit ihre Lebenserwartung erhöhen. Der Thymus trainiert nämlich die Abwehrzellen im Körper und sortiert T-Helferzellen aus, die sich gegen den eigenen Körper richten. 

Der Thymus: die Basis des Immunsystems?

Fahys Faszination für den Thymus geht auf das Jahr 1986 zurück, als er von einer Studie las, in der WissenschaftlerInnen davon berichteten, wie sich das Immunsystem von Ratten nach einer Transplantation von Wachstumshormonzellen verjüngt habe. Zu Fahys Überraschung wurde die klinische Studie aber nicht weiterverfolgt. Ein Jahrzehnt später, im Alter von 46 Jahren, behandelte er sich selbst über einen Monat lang mit Wachstumshormonen und fand heraus, dass sein Thymus dadurch wieder aktiviert wurde.

Die Ergebnisse ließen den Wissenschaftler nicht los. Um die Forschung weiter voranzutreiben, kombinierten Fahy und seine Forschungsgruppe einen Mix aus drei Medikamenten: dem menschlichen Wachstumshormon HGH, der Substanz DHEA und einem Diabetesmittel namens Metformin. Alle Wirkstoffe sind bereits in der Medizin zugelassen und teilweise sogar rezeptfrei verfügbar. Unter Fahys Kontrolle und Anleitung unterzogen sich schließlich neun männliche Probanden im Alter von 51 bis 65 Jahren über 12 Monate einer Behandlung mit dem Medikamenten Mix – mit erstaunlichen Ergebnissen.

Die Umkehrung des Alterns wäre der Beginn einer neuen Ära

Probanden gewinnen 2,5 Jahre Lebenszeit

Wie erhofft, hatte sich der Thymus der Männer zu Teilen regeneriert, das Verhältnis der Abwehrzellen veränderte sich und ähnelte denen jüngerer Menschen, und auch die Nierenfunktionen verbesserten sich. Womit aber keiner gerechnet hatte, war, dass sich die biologische Uhr der Männer nicht etwa nur verlangsamte, sondern sich tatsächlich sogar rückwärts drehte. In den zwölf Monaten des Experiments wurden die Teilnehmer mithilfe einer epigenetischen Uhr, welche die chemischen und strukturellen Veränderungen am Erbgut misst und damit ein möglichst genaues biologisches Alter bestimmen kann, untersucht. In dieser Zeit wurden die Probanden biologisch gesehen im Durchschnitt ganze 18 Monate jünger und gewannen dadurch – weil tatsächlich ja ein Jahr vergangen war – zweieinhalb Jahre Lebenszeit hinzu. Weiterhin wurde festgestellt, dass der verjüngende Effekt mit der Zeit immer schneller zunahm. Gegenüber ZEIT ONLINE berichtete ein Teilnehmer der Studie, dass ihm sogar wieder dunkle Haare nachgewachsen seien, obwohl er bereits vollständig ergraut war. 

Faszinierend: Ergrauten Männern wuchsen wieder schwarze Haare!

Kritiker stehen den Ergebnissen skeptisch gegenüber

Fahy und sein Team waren überwältigt von den Ergebnissen und gingen damit im Juli 2019 an die Öffentlichkeit. Auf einer Konferenz der »Life Extension Advocacy Foundation (Leaf)« in New York stellten sie die bahnbrechenden Ergebnisse in ihrem Vortrag »Reversing Human Aging Right Now!« (zu Deutsch: »Das menschliche Alter umkehren – jetzt sofort!« einem hoch qualifizierten Publikum vor. Dieses hatte aber, zu Recht, viele Fragen und steht den Ergebnissen aktuell noch skeptisch gegenüber. So war die Studie mit neun Freiwilligen sehr klein gehalten. Auch gab es keine Placebo-Gruppe, um die Wirksamkeit des Medikamenten-Cocktails hinreichend zu testen. Nebenwirkungen gab es laut Fahy zwar keine gravierenden, aber eine Langzeitwirkung der Hormoneinnahme müsste erst noch erforscht werden. Ob der Effekt der Verjüngung dann auch wirklich anhält oder die Menschen letztlich doch wieder in ihr »normales« biologisches Alter zurückfallen, ist ebenfalls unklar.

 

Ziel ist es nun, erst einmal Kapital zu sammeln, um größere Forschungsgruppen aufzustellen und weitere Tests mit bis zu 200 Probanden durchzuführen. In den zukünftigen Studien sollen dann auch Frauen und Menschen unterschiedlicher Ethnizitäten teilnehmen. Außerdem ist geplant, die Altersgruppe in beide Richtungen auszudehnen werden. Sollten die Ergebnisse auch weiterhin erfolgreich sein, soll die Behandlung irgendwann klinisch bereitgestellt werden. 

Überbevölkerung ist bereits jetzt ein Problem

Welche Auswirkungen hat dies auf die Gesellschaft?

Doch was passiert, wenn es tatsächlich irgendwann ein Medikament gegen das Altern gibt? Welche verheerenden Folgen hätte dies für die Gesellschaft? Krankheit und Alter wären dann vielleicht ein Schicksal für die Armen, die sich die verjüngende Therapie nicht leisten können. Menschen mit den nötigen Mitteln würden immer älter werden, Familienstrukturen, Rentensysteme und Versicherungen müssten sich komplett neu strukturieren. Schon jetzt heißt es von ZukunftsforscherInnen, die Welt sei überbevölkert und die Anzahl der Menschen eine Gefahr für Umwelt und Natur. Was würde passieren, wenn man den demografischen Prozess der Menschheit noch zusätzlich in die Länge zöge? 

Nicht jeder findet Fahys Ergebnisse und Zukunftsvisionen daher ausschließlich positiv. Viele Meinungen dazu sind von Ängsten und Sorgen geprägt. Eines ist aber sicher: Sollte die menschliche Alterung zukünftig aufgehalten werden können, wären die Erde und Gesellschaft, so wie wir sie kennen, bald Geschichte.

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit echten Geschichten.

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