Ernährungscoach Sam Frost: Hormone sind unser Rhythmus

Words by Jana Ahrens
Photography: Runbase
Portrait einer Frau mit langen, dunkelroten Haaren, sie trägt ein leuchtend rotes T-Shirt
Wir haben Ernährungsexpertin Samantha Frost in der adidas Runbase in Berlin getroffen. Sie hat Gesundheitswissenschaften und Ernährungsmedizin studiert. Dieses Wissen nutzt sie, um ihren Klient*innen einen schmackhaften und unkomplizierten Zugang zu heilender Ernährung zu verschaffen. Wie umfangreich der Einfluss von guter Ernährung sein kann, macht sie an ihrem aktuellen Lieblingsthema – der Bedeutung von Hormonen für unseren Lebensrhythmus – deutlich.

 

Liebe Samantha, du beschäftigst dich im Kontext von Ernährung gerade viel mit Hormonen. Kannst du uns den Zusammenhang erklären?

Hormone sind unser Rhythmus. In unserem Körper sind verschiedene Systeme miteinander verbunden. Und die Hormone sorgen für die Kommunikation zwischen diesen Systemen. Zugleich sind Hormone unser Adaptionswerkzeug. Wenn dir jemand sagt, dass du eine Hormonstörung hast, dann liegt das Problem meist nicht bei dem Hormon selber. Das Hormon macht, was es soll. Das Problem ist dann eher, dass es irgendwo anders eine Störung gibt und der Körper versucht, sich mit einer Hormonumstellung daran anzupassen.

 

Heißt das, er schüttet von einer bestimmten Sorte Hormone dann mehr oder weniger aus, weil etwas nicht stimmt?

Das Prinzip ist: Der Körper wird einem Stressor ausgesetzt und versucht, sich dem anzupassen. Manche Frauen merken, dass sie plötzlich zu‑ oder abgenommen haben. Oder dass irgendetwas mit der Haut, den Haaren oder Nägeln nicht stimmt. Bei anderen ist der Menstruationszyklus nicht mehr regelmäßig. Die Hormone können helfen, diese Phänomene zurückzuverfolgen und zu verstehen, wie der Körper versucht hat, sich anzupassen. Östrogenwerte oder Schilddrüsenzustände können ein Anfangspunkt sein, von dem aus wir weiterrecherchieren können.

 

Es ist wirklich wichtig zu gucken, wie der Tagesrhythmus und der Monatszyklus aussehen.

Samantha Frost

 

Würdest du davon abraten, medikamentös die Hormonstörung auszugleichen, ohne zu gucken, was eigentlich dahintersteckt? Sollte immer erst eine Analyse stattfinden?

Man kann ja beides machen: Die Akutreaktion medikamentös behandeln und trotzdem durch Ernährung und Sport den Hintergrund unterstützen. Es hängt davon ab, wie extrem die Situation ist. Es kann Sinn machen, Schilddrüsenhormone zu nehmen und trotzdem zu schauen, ob die Hormonstörung vielleicht aus dem Nervensystem kommt, also vom Stress verursacht ist. Oder es könnte daran liegen, dass mit dem Menstruationszyklus etwas durcheinandergekommen ist. Dann kann ich versuchen, über Ernährung und Bewegung meinen Blutzuckerspiegel zu regulieren. Die kombinierten Maßnahmen helfen auch, ein größeres Vertrauen zum Körper aufzubauen. Dann reagiert mein Körper besser auf die medizinischen Maßnahmen und adaptiert sich schneller. Vielleicht brauche ich dann bald weniger oder gar keine Medikamente mehr. Schilddrüsenspezialisten sagen, dass Schilddrüsen‑ und Menstruationsprobleme oft eng miteinander verbunden sind. Häufig lässt sich das gar nicht über die Blutergebnisse nachweisen. Oft nehmen Frauen dann die Pille, um den unregelmäßigen oder schmerzhaften Zyklus zu behandeln. Aber die Schilddrüse und der Stoffwechsel allgemein bekommen nicht genug Aufmerksamkeit. Es ist wirklich wichtig zu gucken, wie der Tagesrhythmus und der Monatszyklus aussehen.

 

 

Es könnte also auch sehr viel Hoffnung darin stecken, sich in diesem Zusammenhang mit der Ernährung zu befassen?

Absolut. Aber man bekommt es oft nicht gesagt. Stattdessen werden oft über einen langen Zeitraum Hormone verschrieben. Wenn wir die Pille nehmen, weil es Unregelmäßigkeiten oder starke Schmerzen gibt, dann lösen wir damit nicht das Problem. Wenn sich Ernährungsexperten oder Gesundheitsspezialisten mit uns hinsetzen und sich genau angucken, wie die Situation entstanden ist, kann so etwas umgangen werden. Dabei muss klar sein: Ich kann vieles nicht ändern. Aber mit dem, was sich ändern lässt, kann ich arbeiten. Wichtig ist, dass wir die Dinge machen, von denen wir wissen, dass sie uns guttun und uns in der Umsetzung nicht schwerfallen. Als Ernährungsberaterin würde ich mich erst auf diese Aspekte konzentrieren, bevor ich mehr plane. Mein Rhythmus, mein Energiehaushalt spiegelt, was ich tue. Wenn man also etwas zum Positiven verändert, dann werden die Hormone darauf reagieren, als Nebeneffekt wird die Energie ansteigen, man wird produktiver bei der Arbeit und hat dann noch Energie übrig, um aktiv, sportlich und gerne in Gesellschaft zu sein. Der Körper kann immer ein „New Normal“ generieren. Frauenhormone sind die klügsten und anpassungsfähigsten Botenstoffe, die man sich vorstellen kann. Wir sollten niemals gegen sie arbeiten. Das ist mir das wichtigste Anliegen.

Fitness und Ernährung

Und was ist, wenn ich auf ein konkretes Ziel hintrainieren will?

Du kannst deinen Körper auftanken und seine Fähigkeiten verstärken. Du kannst auf eine Art trainieren und essen, die deine Zellevolution unterstützt. Der Effekt unterstützt dann immer auch dein Ziel. Aber du kannst nicht gegen deinen Körper arbeiten. Das wäre wie gegen die Strömung zu schwimmen. Das ist superhart, mag für eine Weile funktionieren, aber irgendwann schlagen die Wellen über dir zusammen. Es geht nicht ums Kalorienzählen oder um volle Kontrolle. Es geht vielmehr darum, zu verstehen, welche Anforderungen wir an unseren Körper stellen.

Niemand weiß genau, wie man schläft oder was genau man jeden Tag isst. Der Körper wird immer sein Ding machen. Du kannst aber lernen, wann es dir hilft, Kohlehydrate zu essen, ob du vor dem Laufengehen essen solltest oder lieber nicht. Du findest irgendwann heraus, wann ein Training für dich am besten ist und wie deine Mahlzeiten aussehen sollten. Wenn du auf dich hörst, geht die Trainingsevolution vielleicht in eine unerwartete Richtung. Aber sie wird sehr wahrscheinlich besser sein, als du jemals gedacht hättest. Schon nach zwei Wochen können sich riesige Veränderungen abzeichnen.

Samantha hat selber viele Beschwerden mit einer angepassten Ernährung in den Griff bekommen.

Wenn ich mich selber beobachte, könnte ich also mehr verstehen, als wenn ich einen Ratgeber zu gesunder Ernährung lese?

Die Themen sind ja im Prinzip immer gleich. Grundlegendes Basiswissen aus Ratgebern kann also helfen. Die Frage ist nur: Wo stehst du gerade im Leben, und wie geht es deinem Körper? Ich treffe so viele, die eine bestimmte Ernährungsform weiterverfolgen, obwohl sie sich dadurch nicht besser fühlen. Einfach nur, weil ein Buch oder ein Blog sagt, dass die Ernährungsform gesund sei.

 

Ich glaube, wir haben alle einmal gelernt, dass wir diszipliniert sein müssen, wenn wir gesund leben wollen. Ich vermute, mit etwas weiterzumachen, was sich nicht gut anfühlt, folgt dieser Logik.

Ja, okay, es gibt das Prinzip des Heilungsprozesses. Das besagt, dass der Körper für eine Weile gegen das arbeiten kann, was wir ändern wollen. Der Körper könnte sich beispielsweise an die Sicherheit großer Rücklagen an Körperfett gewöhnt haben. Dann ist es in der Logik des Körpers falsch, dieses Fett abbauen zu müssen. Es geht aber weniger um Disziplin als eher um Vertrauen in und Aufmerksamkeit für den eigenen Körper. Wenn ich mehr Aufmerksamkeit dafür habe, wie mein Körper auf bestimmte Umstände reagiert, kann ich darauf vertrauen, dass die richtigen Dinge schon passieren werden. Dann muss ich weniger diszipliniert sein.

 

Samantha hält einen Workshop spezifisch zum Thema »Hormone und Ernährung«.

 

Wie integrierst du das in deine Beratung?

Wenn jemand sagt: „Ich trinke jeden Tag diese Limo und ich weiß, das ist ganz schlecht!“ oder „Ich esse zu viel und ich weiß, das ist wirklich ungesund!“, dann sage ich dazu nichts. Wir reden dann stattdessen lieber über die Frühstücksroutine oder über Zwischenmahlzeiten. Wir schauen uns genau den Rhythmus der Ernährung an. Ich versuche herauszufinden, warum meine Klient*innen an einem bestimmten Punkt ein Verlangen haben. Dann finden wir die Punkte, an denen sich am leichtesten etwas ändern lässt. Wir konzentrieren uns auf die guten Dinge. Auf das, was der Körper braucht. Denn dann muss der Körper uns kein Verlangen mehr nach Dingen signalisieren, die ihm eigentlich nicht guttun.

Appetit und Energiebedarf

Es geht also eher darum, sich an die Fülle der Optionen zu erinnern, die wir haben, als an die Sachen, die wir alle nicht essen sollten?

Ja. Appetit lässt sich nur sehr schwer kontrollieren. Aber ich kann meinen Appetit verstehen lernen. Dann kann ich meine Lösungen irgendwann selber aufbauen. Das unterstützt auch die sportlichen Leistungen, weil die Energie steigt.

 

Du gibst in der Runbase in Berlin Workshops zum Thema Ernährung und Hormone, entwickelst aber auch zusammen mit der Küche entsprechende Rezepte, die wiederum in Zusammenhang mit dem Energiebedarf der unterschiedlichen Workouts stehen. In den Workshops geht es ja im Grunde genommen auch um Energie. Wie waren denn die Reaktionen auf diese Workshops?

Da war ganz viel Neugierde. Alle Teilnehmerinnen hatten sehr verschiedene Dinge über das Thema Ernährung gelernt. Alle hatten schon einmal versucht, ihre Ernährung umzustellen. Oft hat das nicht geholfen. Hinzu kommt, dass viele Frauen bei Ärzten waren und dort zwar eine Diagnose oder ein Blutbild bekommen haben, aber keine Erklärung und keine Referenz um noch etwas nachzulesen. Dann lesen sie stattdessen Blogs und basteln sich ihren eigenen Plan zusammen.

 

Sensibilität ist eine Superkraft.

Samantha Frost

 

So mache ich das auch.

Blogs sind meist persönliche Erfahrungen. Die lassen sich nicht immer übertragen. Ich bin überrascht, wie viele Menschen sich darüber wundern, wie wichtig individuelle Essensrhythmen sind. Oder wie wichtig die Zeiten zwischen den Mahlzeiten sind. Viele Teilnehmerinnen waren schockiert davon, wie wichtig es ist, was ich direkt nach dem Aufstehen und direkt vor dem Einschlafen mache. Um besser zu schlafen, haben sich viele vorher eher auf Killerkalorien konzentriert oder darauf, sich ein anderes Kissen zu kaufen. Aber sie haben sich nicht ihren Tagesrhythmus angeschaut, um ihr Körpergefühl oder den Schlaf zu verbessern. Es ist schwierig herauszufinden, welche Stellschrauben im Einzelfall die richtigen sind. Die Erfahrung mit den Workshops ist, dass die Frauen überrascht sind, wie schön und einfach es sein kann, nicht gegen den eigenen Körper zu arbeiten.

Zudem habe ich Tipps gegeben, die sehr günstig und sehr einfach sind. Zum Beispiel zum Effekt von Rosmarin- oder Rosenöl. Bei Frauen erzähle ich oft davon, wie wichtig es ist, die Sinne in Ernährung und Bewegung mit einzubeziehen. Frauen bekommen oft gesagt: „Du bist so empfindlich!“ Ich denke dann immer: Ja, ich bin sehr empfindlich. Ich rieche sehr genau, ich spüre Stimmungen und Verbindungen. Das ist Sensibilität, und das ist großartig. Sensibilität ist eine Superkraft.

 

Liebe Samantha Frost, vielen Dank für diesen Einblick in deine Arbeit.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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