Einmal Kuscheln, bitte!

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Becca Tapert
Kuscheln
Nach einem schlechten Tag oder bei einem akuten Gefühl von Einsamkeit, brauchen wir manchmal gar nicht mehr, als eine innige, liebevolle Umarmung. Doch was tun, wenn weder ein Partner, noch eine Freundin oder ein Freund in der Nähe sind? Ganz einfach: Ein “Griff” in die Kuschelkiste kann das Problem lösen.

OHNE UMARMUNGEN, STREICHELN UND BERÜHRUNG FÜHLE ICH MICH UNWOHL.

Was für viele Menschen eine große Überwindung wäre, ist für die Profi-Kuschler aus der Kuschelkiste so etwas wie eine weltverändernde Mission. Studentin Elisa Meyer aus Wien setzte ihre Geschäftsidee 2016 in die Tat um: Kuscheln für Menschen, die niemanden zum Kuscheln haben. “Da ich mich in meinem Privatleben intensiv mit Beziehungskonzepten und Intimität auseinandergesetzt habe, ist mir irgendwann aufgefallen, dass Berührung auf eine gewisse Art ein völliges Tabu ist und oft mit Missverständnissen einhergeht. Dabei ist Berührung selbst wissenschaftlich betrachtet ein überlebenswichtiger Bestandteil des Menschen. Für mich persönlich ist sie das ganz eindeutig: Ohne Umarmungen, Streicheln und Berührung fühle ich mich unwohl. Man könnte sagen, ich bin regelrecht süchtig danach”, heißt es in ihrem Profil.

BERÜHRUNGSARMUT SCHADET UNSERER GESUNDHEIT

Inzwischen gibt es den Kuschel-Service in zehn verschiedenen Städten – 15 Profi-Kuschler kümmern sich um die Bedürfnisse der Kunden. Doch nicht jeder Mensch ist – wie Elisa – für diesen Job gemacht. Wer sich zur Verfügung stellen möchte, sollte sich im Vorhinein unter anderem folgende Fragen stellen: Habe ich flexibel Raum und Zeit für Kunden – und kann ich mich furchtlos auf sie einlassen? Bin ich dazu bereit, mit allen zu kuscheln, die sich an die Regeln halten – egal, welches Geschlecht, welches Alter, welche Verfassung, Gesinnung und jenseits meiner persönlichen Präferenzen?

Wer diese und einige weitere Fragen mit “ja” beantworten kann und anschließend noch einen Workshop bei Elisa belegt, bekommt die Möglichkeit Gutes zu tun. Denn: “In unserer heutigen Gesellschaft herrscht chronische Berührungsarmut. Das schadet auf vielen Ebenen unserer Gesundheit”, so Uwe Hartmann, Professor für Sexualmedizin. Berührungsmangel kann krank machen – körperliche Nähe ist hingegen heilsam. Aus diesem Grund organisieren sich immer mehr Bewegungen, die sogenannte Kuschelparties veranstalten. Hier hat auch Elisa ihre ersten Erfahrungen gesammelt.

OHNE UMARMUNGEN, STREICHELN UND BERÜHRUNG FÜHLE ICH MICH UNWOHL  Was für viele Menschen eine große Überwindung wäre, ist für die Profi-Kuschler aus der Kuschelkiste so etwas wie eine weltverändernde Mission. Studentin Elisa Meyer aus Wien setzte ihre Geschäftsidee 2016 in die Tat um: Kuscheln für Menschen, die niemanden zum Kuscheln haben. “Da ich mich in meinem Privatleben intensiv mit Beziehungskonzepten und Intimität auseinandergesetzt habe, ist mir irgendwann aufgefallen, dass Berührung auf eine gewisse

WIE FUNKTIONIERT’S?

Das Faszinierende für sie: “Gleich bei den ersten Berührungen offenbart sich der wahre Charakter, das wahre Innere eines Menschen. Meistens verbirgt sich hinter dem Aussehen ein völlig anderer Mensch, und das finde ich das Spannendste an der ganzen Sache.” Wer Interesse hat, füllt auf der Website der Kuschelkiste ein Formular aus. Nach einigen persönlichen Angaben, einem Datum und einem Wunsch-Kuschel-Partner, sollte außerdem kurz beschrieben werden, warum man kuscheln möchte. Für 60 Euro gibt es 50 Minuten Nähe – die ersten zehn Minuten sind für die Abklärung spezieller Wünsche reserviert.

BISHER KAMEN (LEIDER) AUSSCHLIESSLICH MÄNNER ZU MIR

Bisher sind die meisten Kunden, die den Kuschel-Service in Anspruch nehmen, männlich. Bei Frauen scheint es eine Hemmschwelle zu geben, glaubt auch Lucya (30) aus Berlin, die ebenfalls für die Kuschelkiste arbeitet: “Bisher kamen (leider) ausschließlich Männer zu mir. Ich würde so gern mal mit einer Frau kuscheln, aber ich glaube, dass Frauen immer noch eher zu männlichen Kuscheltherapeuten und Männer zu weiblichen gehen. Ich hatte zwei Anfragen von Frauen, die mir sagten, wie toll sie das finden, was ich mache, aber dass sie noch Zeit brauchen, sich dafür zu öffnen.”

An die allerste Kuschelstunde erinnert sich Lucya noch ganz genau. Sie war nervös, doch ihre Erfahrung als selbstständige Masseurin konnte sie ganz schnell beruhigen, erzählt sie: “Ich erinnere mich noch genau, dass ich mich fragte, wer von uns beiden wohl gerade aufgeregter ist. Durch meine Erfahrung als selbständige Masseurin konnte ich jedoch schnell an meine geschulte Professionalität anknüpfen und man hat mir meine Aufgeregtheit wohl nicht angemerkt.”

DREIVIERTEL MEINER GÄSTE KOMMEN WIEDER

Doch was tun, wenn ein Kunde nicht nur kuscheln möchte, sondern sich mehr erhofft? Es gibt klare Regeln und Grenzen, die eingehalten werden müssen. Kommt es zu Anzüglichkeiten, gilt die Kuschelstunde für beendet. Was bei so viel Körpernähe jedoch kaum zu vermeiden ist, sind Erektionen – vor allem bei Männern. Ein lässiger Umgang mit derartigen Reaktionen ist hier das A und O. Lucya selbst hatte bisher zum Glück nur mit einem Kunden zu tun, der sich von ihr mehr erhoffte. Doch mit solchen Anfragen ärgert sie sich nur kurz herum. Viel wichtiger ist ihre Stammkundschaft, die immer weiter wächst. “Dreiviertel meiner Gäste kommen wieder und das freut mich riesig, weil es zeigt, dass es ihnen gefallen hat und sich auch mit der Zeit noch mehr Entspanntheit aufbaut, die für den Prozess förderlich ist.”

Die Kuschelkiste ist definitiv eine Idee, die garantiert weiter wachsen wird. Denn egal, ob jung oder alt, wer sich einsam fühlt, sollte damit nie lange allein bleiben – und Kuscheln ist ganz klar das beste Rezept gegen die Einsamkeit . . .

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Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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