Die Pille: Deshalb nehmen Frauen sie wirklich

Words by Jana Ahrens
Photography: Chris Murray auf Unsplash
Eine schwarze Frau mit kurzem Afro, eine Asiatin mit langen Haaren und Sonnenbrille, eine Europäerin mit halblangen schwarzen Haaren und Sonnenbrille, sowie eine Latina mit Dutt und Sonnenbrille sitzen auf einer Parkbank in der Sonne
Die Pille ist gut für die Haut, gut fürs Haar und macht den Körper verlässlich. So werden hormonelle Verhütungsmittel zum Einnehmen oft von Ärzt*innen oder Broschüren beworben. Ihr eigentliches Ziel – ungewollte Schwangerschaften zu verhindern – scheint dabei gar nicht unbedingt im Vordergrund zu stehen. Und tatsächlich: Eine repräsentative Online-Umfrage, die wir mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey durchgeführt haben, hat ergeben, dass jede dritte Frau in Deutschland die Pille nicht primär zur Verhütung einnimmt.

Gründe, die Pille zu nehmen

In unserer Civey-Umfrage gaben überraschenderweise nur 52 % der befragten Frauen an, die Pille primär zur Vermeidung einer Schwangerschaft einzunehmen. Die Frauen, die andere Primär-Gründe für die Pilleneinnahme angaben, lassen sich in 3 Hauptgruppen aufteilen. Frauen, die die Pille hauptsächlich nehmen, um Menstruationsschmerzen zu lindern, Frauen, denen es primär um eine Verbesserung des Hautbildes geht, und Frauen, die mit der Pille vor allem ihren Zyklus verlässlicher regeln möchten. Kein Wunder, denn bei manchen Präparaten wird schon in der Probierpackung ein „Smile-Effekt“, „Feel-Good-Faktor“ und „Figurbonus“ angekündigt.

Warum wird nicht an separaten Medikamenten geforscht?

Ein Grund dafür, dass neue Verhütungspräparate immer stärker mit Effekten werben, die ursprünglich einmal Nebenwirkungen waren – also mit der Wirkung gegen fettige Haut, Pickel oder Menstruationsschmerzen – ist der, dass den Pillen der ersten und zweiten Generation von immer mehr günstigeren Nachahmer-Präparaten der Markt streitig gemacht wurde, so dass sie sich aus Sicht der Pharma-Konzerne irgendwann nicht mehr rentierten. So berichtet der Deutschlandfunk, dass die Pillen der dritten Generation mittlerweile mehr können müssen, als einfach nur zu verhüten, damit den Kundinnen auch weiterhin Markenprodukte schmackhaft gemacht werden können. Dabei bleibt jedoch die Frage offen, ob es sinnvoll ist, dass ein so umfangreich auf die Sexualhormone einwirkendes Präparat überhaupt für andere Zwecke als die Verhütung eingesetzt werden sollte. Es gäbe ja auch die Möglichkeit an separaten Produkten gegen Akne, fettige Haut oder Menstruationsschmerzen zu forschen.

Bedingte Freigabe als Akne-Medikament

Doch gerade wenn es um starke Akne geht, ist die Diagnose oft so schwierig und sind die Betroffenen oft so verzweifelt, dass auch das Einnehmen von Hormonen in Betracht gezogen wird, die primär einen anderen Zweck erfüllen sollen. Besonders Anti-Baby-Pillen mit den Wirkstoffen Ethinylestradiol und Dienogest werden oft zur Behandlung von Akne eingesetzt. Ob das wirklich sinnvoll ist, untersuchte 2016 die European Medicines Agency – kurz EMA –, nachdem die britische Medicines and Healthcare Products Regulatory Agency (MHPRA) in Zweifel gezogen hatte, ob der Nutzen entsprechender Präparate positiv genug sei, um deren Nebenwirkungen zu rechtfertigen. Die Untersuchung der der EMA fiel bedingt positiv aus. Dienogest-Ethinylestradiol-Präparate können demnach weiterhin zur Behandlung von Akne eingesetzt werden. Jedoch nur, wenn alle anderen Therapieformen mit Tabletten und Pillen nicht geholfen haben und wenn die Patientin ohnehin die Pille nehmen möchte oder bereits nimmt.

Nebenwirkung Thrombose

Egal ob zur Verhütung oder zur Verbesserung des Hautbildes – ein weiterer Aspekt, der im Vorhinein unbedingt mit entsprechenden Ärzt*innen abgeklärt werden sollte, ist das individuelle Thrombose-Risiko. Bei einer Thrombose bilden sich Blutgerinnsel in einem Blutgefäß. Häufig passiert dies in den Beinvenen, doch auch jedes andere Blutgefäß kann von einer Thrombose betroffen sein. Da viele hormonelle Verhütungsmittel – und besonders die Pillen der dritten Generation – Blutgerinnsel begünstigen können, ist vor der Entscheidung für eine Pille ein ausführliches Gespräch mit Spezialisten besonders wichtig.

Unabhängige Beratung von Pro Familia

Für alle, die eine unabhängige Beratung bezüglich möglicher Verhütungsmittel suchen, ist der Verband pro familia eine gute Anlaufstelle. Beratungsstellen gibt es im ganzen Bundesgebiet, die Beratungen können sowohl in einem persönlich Gespräch vor Ort, aber auch als Online-Beratungen oder über E-Mail stattfinden. Hier können dann nicht nur positive oder negative Nebenwirkungen der Pille besprochen werden, sondern auch hormonelle oder nicht-hormonelle Alternativen zur Verhütung von Schwangerschaften.

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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