Corona-Krise: So verwundet ist die Wirtschaft schon jetzt

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: CDC auf Unsplash
Lesezeit: 6 Minuten
Das Coronavirus legt mehr und mehr die Wirtschaft lahm

Das Coronavirus breitet sich immer weiter aus und stellt dabei nicht nur eine Gefahr für unsere Gesundheit dar. Auch die wirtschaftlichen Folgen nehmen bereits jetzt ungeahnte Dimensionen an.  

Hätten wir damit rechnen müssen? Als Ende 2019 die ersten Fälle des neuartigen Coronavirus bekannt wurden, wiegten wir uns in Sicherheit. PolitikerInnen und GesundheitsexpertInnen riefen uns immer wieder zur Ruhe auf – Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte Anfang des Jahres noch, dass Deutschland vor einer unkontrollierten und exponentiellen Verbreitung des Virus sowie weiteren Folgen sicher sei. 

Heute, nur wenige Wochen später, sieht das alles ganz anders aus: Wie das Robert-Koch-Institut mitteilt, sind bundesweit derzeit über 6000 Menschen mit dem Virus infiziert – aktuell gibt es in Deutschland 13 registrierte Todesfälle (Stand: 17. März 2020). Und auch die Folgen für die Wirtschaft sind bereits mehr als deutlich spürbar: Innerhalb weniger Wochen sind offensichtlich zu erkennende Wunden entstanden, die nicht nur die deutsche, sondern auch die gesamte Weltwirtschaft ins Wanken bringen. Nach einem Kursrutsch an den US-Börsen wurde am 9. März kurzzeitig sogar der Handel ausgesetzt. Der deutsche Leitindex (DAX) verlor an diesem Tag zeitweise acht Prozentpunkte – das ist der größte Tagesverlust seit dem 11. September 2001! Kein Wunder also, dass auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft bereits von 2,9 auf 2,4 Prozent heruntergesetzt hat. Damit steht fest: Rosige Zeiten stehen uns nicht bevor.

Weltweit werden MitarbeiterInnen gebeten im Home Office zu bleiben.

Coronavirus: Auswirkungen auf kleine und große Unternehmen sind enorm

Was wir in den letzten Tagen beobachten mussten, verdeutlicht den Ernst der Lage, denn aufgrund des Coronavirus wurden reihenweise Großveranstaltungen wie etwa Messen abgesagt. Selbst Restaurants, Bars, Clubs, Kinos, Museen und Geschäfte, ohne Waren des täglichen Bedarfs, müssen geschlossen bleiben.  Zudem wurden aus Sicherheitsgründen Kitas und Schulen geschlossen. Zudem sind zahlreiche Lieferketten gefährdet. Diverse Versandhändler bereiten ihre KundInnen auf Lieferengpässe und längere Wartezeiten vor. Immer mehr Produktionen verlangsamen sich oder kommen gänzlich zum Stillstand. Vor allem Firmen, die mit China Geschäfte treiben, haben besonders unter der aktuellen Situation zu leiden. 

Gegenüber »Berlin direkt« erklärte Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel: »Es wird also nicht so viel produziert, wie das ohne den Virus der Fall wäre – das ist die eine Seite, die kleinere Seite. Und die zweite, größere Seite spielt sich über die Psychologie ab. Dass Menschen sagen, ich wäre jetzt gern mit meiner Frau essen gegangen, aber ich habe Angst, mich anzustecken. Aus diesem Grund werden derartige Konsumausgaben unterlassen. Beides zusammen drückt auf das Wachstum.«

Viele ArbeitnehmerInnen sind in diesen Tagen zudem um ihre Arbeitsplätze besorgt. Die Rede ist von Home Office, Kurzarbeit, Zwangsurlaub oder sogar Kündigungen. Um die Ausbreitung des Virus weiter einzudämmen, zog unter anderem auch Apple-Chef Tim Cook weitreichendere Konsequenzen. Nach Kalifornien und Seattle sind nun auch die Büroangestellten in Deutschland, Japan, Südkorea, Italien, Frankreich, der Schweiz und Großbritannien dazu angehalten, ab sofort von zu Hause aus zu arbeiten. Weiterhin möchte das Unternehmen dafür sorgen, dass bei allen Tätigkeiten, die nicht aus der Ferne erledigt werden können, so wenig Menschen wie möglich zusammenkommen. Schulungen sollen beispielsweise an verschiedenen Orten und mit weniger Personen stattfinden. 

Alle Airlines müssen einen Großteil ihrer Flieger am Boden lassen…

Coronavirus: Die Flugbranche rechnet mit Milliardenverlusten

Und auch immer mehr Reisen werden storniert, denn Hotels im In- und Ausland dürfen nun nicht mehr besucht werden. Wie hoch die Verluste für die Tourismusbranche insgesamt ausfallen werden, lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt nur schwer beziffern. Dass es sich um Milliarden handeln dürfte, scheint jedoch gesetzt. Genauso betroffen ist ganz klar auch die Luftfahrtbranche – immer mehr Flüge werden gecancelt und Flieger am Boden deponiert – inzwischen ist der Personenflugverkehr beinah vollständig zum Erliegen gekommen. So kündigte die Lufthansa-Gruppe zuletzt an, in nächster Zeit über die Hälfte ihrer Flüge streichen zu wollen. Mit dieser Maßnahme sollen die finanziellen Folgen des Nachfragerückgangs verringert werden. Trotz weiterer geplanter Maßnahmen wie einem Einstellungsstopp sowie Sparmaßnahmen bei Sachkosten und Projektbudgets, müsse das Unternehmen mit einem Verlust von mehreren Hundert Millionen Euro rechnen. Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: »Unsere Unternehmen passen mit großen Anstrengungen ihr Flugangebot an die einbrechenden Buchungen an, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen und Arbeitsplätze zu sichern.« Dennoch, so heißt es weiter, sei der zu erwartende Schaden für die gesamte Branche immens. Die britische Fluggesellschaft Flybe hat bereits Insolvenz angemeldet und am 5. März bekanntgegeben, ihren Flugbetrieb mit sofortiger Wirkung einzustellen. Es bleibt zu hoffen, dass anderen Airlines solch drastische Konsequenzen erspart bleiben.

Coronavirus: Fußballspiele in Deutschland werden abgesagt

Uneinigkeit herrschte lange Zeit beim Thema Fußball. Während die Spiele in anderen Ländern wie Italien und Spanien frühzeitig vollständig abgesagt wurden, diskutieren DFB und DFL noch länger über eine angemessene Vorgehensweise. Der Grund: Ausfälle seien organisatorisch nicht machbar. Auch hier spielte natürlich die wirtschaftliche Komponente eine Rolle. Leere Stadien und hochqualifizierte und -bezahlte Fußballstars im Zwangsurlaub? Das schien bis zuletzt keine Option zu sein. Immerhin setzten allein die Erstligaklubs in der gesamten Saison zuletzt 520 Millionen Euro mit Eintrittskarten und der Gastronomie um. Geld, dass künftig fehlen wird. Denn inzwischen ist klar: Die UEFA verlegt die Fußball-EM offiziell auf Sommer 2021 und viele Partien werden ausgesetzt und verschoben. 

Coronavirus: Welche Maßnahmen die Bundesregierung ergreift

Die Bundesregierung betont, alles dafür tun zu wollen, um die Schäden für Unternehmen und ArbeitnehmerInnen so gering wie möglich zu halten. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) erklärte bei einem Pressetermin in Berlin: »Die Botschaft an all die vielen mittelständischen Unternehmen im Messe- und Gastronomiebereich ist: Wir lassen euch nicht im Stich, wir werden euch helfen, diese schwere Zeit zu überbrücken. Wir sind aber auch darauf vorbereitet, die Wirtschaft insgesamt zu unterstützen, wenn dies im weiteren Verlauf notwendig würde. Und darüber werden wir uns zu gegebener Zeit verständigen.«

Was bereits feststeht, ist, dass der Koalitionsausschuss unter anderem die Hürden für den Bezug von Kurzarbeitergeld deutlich senken wird. Mit dieser Maßnahme sollen Kündigungen vermieden werden. Muss ein Unternehmen Kurzarbeit anordnen, übernimmt die Bundesagentur für Arbeit 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohns. Zudem sollen Sozialbeiträge für die ausgefallenen Arbeitsstunden den ArbeitgeberInnen voll erstattet werden. All dies gilt übrigens bereits, wenn nur zehn Prozent der Beschäftigten vom Arbeitsausfall betroffen sind – bisher mussten es mindestens 30 Prozent sein. Zudem sollen für besonders betroffene Unternehmen zügig Überbrückungskredite zur Verfügung gestellt werden. Auch Steuererleichterungen für Unternehmen und die vorzeitige Soli-Abschaffung sind im Gespräch. 

Wie notwendig diese Maßnahmen sind, betonte nun auch der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher. In einem offiziellen Statement erklärte er: »Vor allem Deutschland wird einen hohen Preis für die Ausbreitung des Virus auf Europa zahlen, denn die Wirtschaft hierzulande ist vom Handel viel abhängiger, als dies die meisten anderen europäischen Länder sind. […] Mit der Verbreitung des Virus wird nun ein wirtschaftlicher Schaden für Europa und Deutschland unausweichlich sein. Ich erwarte, dass das Wachstum in Deutschland sich im ersten Quartal merklich abschwächen wird und dass ein Aufholeffekt – nachdem das Virus unter Kontrolle gebracht werden kann – den wirtschaftlichen Schaden nur teilweise wird kompensieren können.«

Welche Folgen das Virus am Ende tatsächlich auf die deutsche Wirtschaft haben wird, kann auch Fratzscher nur schwer beziffern. Doch vermutet er, dass wir uns leider auf einiges gefasst machen müssen: »Durch die Ausweitung des Virus multipliziert sich der Schaden für die deutsche Wirtschaft, denn nun bricht nicht nur die Nachfrage in China weg, sondern möglicherweise auch in Europa. Über die Hälfte der deutschen Exporte geht nach Europa, sieben Prozent gehen nach China. Das Virus trifft die deutsche Wirtschaft zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn wegen globaler Handelskonflikte, des Brexits und der Probleme der Automobilbranche ist die deutsche Wirtschaft eh schon angeschlagen und im vergangenen Jahr nur knapp einer technischen Rezession entgangen.«

Das Coronavirus breitet sich immer weiter aus…

So reagiert die Welt auf den Virus

Und wie sieht es im Rest der Welt aus? Andernorts wurden ebenfalls kurzfristige Maßnahmen getroffen, um Unternehmen und betroffene Regionen zu entlasten. So senkte China den Leitzins und kündigte Steuersenkungen und Finanzhilfen an. 

In Hongkong erhielten alle dauerhaft gemeldeten BewohnerInnen umgerechnet 1180 Euro ausgezahlt, um die Krise besser überstehen zu können. 

Das überschuldete Italien, das inzwischen mehr als 230 Todesfälle verzeichnet, gab bereits 7,5 Milliarden Euro aus dem Haushalt frei. Ein Teil des Geldes soll an betroffene Unternehmen und Familien ausgezahlt werden. Wie Ministerpräsident Giuseppe Conte inzwischen bekannt gab, werden hier ab sofort für mindestens zwei Wochen alle Geschäfte – bis auf Apotheken, Lebensmittelläden und Supermärkte –  geschlossen. 

Neben den Brexit-Folgen geht nun auch die Corona-Krise nicht spurlos an Großbritannien vorüber. Als Reaktion senkte die britische Notenbank bereits ihre Wachstumsprognosen für dieses und das kommende Jahr. ExpertInnen gehen fest davon aus, dass die Bank of England ihren Leitzins weiter senkt, um die negativen Folgen noch besser abfedern zu können. 

Zuletzt senkte auch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) den Leitzins um einen halben Prozentpunkt. Anschließend schloss sich auch die kanadische Zentralbank an und nahm ebenfalls eine Senkung vor. Indes hat US-Präsident Donald Trump einen 30-tägigen Einreisestopp für EuropäerInnen verhängt. 

Das Coronavirus hat uns fest im Griff – ein Griff, aus dem wir uns voraussichtlich in den kommenden Wochen und  Monaten nicht so leicht werden befreien können. Das Virus kennt keine Grenzen und wird sich Prognosen zufolge immer weiter ausbreiten. Doch um der Situation weiter Herr zu werden gilt in diesem Fall: Je langsamer die Ausbreitung vorangeht, desto besser. 

Coronaviren wurden erstmals Mitte der 60er Jahre identifiziert. Sie können sowohl Menschen als auch verschiedene Tiere infizieren, darunter Vögel und Säugetiere. Coronaviren verursachen beim Menschen verschiedene Krankheiten, von gewöhnlichen Erkältungen bis hin zu gefährlichen oder sogar potenziell tödlich verlaufenden Krankheiten wie dem Middle East Respiratory Syndrome (MERS) oder dem Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS). In der Vergangenheit waren schwere, durch Coronaviren verursachte Krankheiten wie SARS oder MERS zwar weniger leicht übertragbar als Influenza, aber sie haben dennoch zu großen Ausbrüchen geführt, zum Teil in Krankenhäusern.  Quelle: Robert-Koch-Institut; Stand: 24.01.2020

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

1 Kommentar

Mike
#1 — vor 2 Wochen 5 Tage
Die realistische, trotzdem maßvoll gehaltene Einschätzung, die dieser Artikel widerspiegelt, finde ich wohltuend.

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