Brainhacking: “Mein Kopf gehört mir!”

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Frank Mckenna auf Unsplash
Brainhacking
Die alten Märchen vom Gedankenlesen – wer hätte gedacht, dass sie je wahr würden? Wissenschaftlerin Miriam Meckel erläutert in ihrem Buch “Mein Kopf gehört mir!”, wie gut unser Gehirn schon jetzt optimiert werden kann und wie unsere Gedanken in Zukunft sogar für jeden lesbar sind.
 

Wir lieben Superhelden! Als Kinder haben wir oft davon geträumt, fliegen zu können, unendlich stark zu sein oder mit unseren Gedanken ganz bestimmte Momente zu beeinflussen. Welche Verantwortung als Cat Woman oder Iron Man womöglich auf uns lasten würde, blendeten wir dabei natürlich gänzlich aus. Doch die Vermischung von Mensch und Maschine ist keine simple Wunschvorstellung mehr. Sie schreitet langsam, aber sicher voran, wie Miriam Meckel in ihrem Buch und auch in einem Vortrag auf der re:publica 2017 vor Hunderten gespannter Zuhörer erläuterte.

NEUROKAPITALISMUS: ERWARTET UNS EINE NEUE GESELLSCHAFTSFORM?

Das, was uns erwartet, betitelt die Professorin der Universität St. Gallen als “Neurokapitalismus” – eine neue Gesellschaftsform, die dadurch gekennzeichnet ist, dass die Leistung der Menschen nicht mehr vom Lernen, sondern vom Geld abhänge, da jeder, der die Möglichkeiten dazu habe, sich selbst optimieren und sein Gehirn “aufrüsten” könne. Ein Szenario, das scheinbar in greifbare Nähe rückt. Miriam Meckel weiß übrigens ganz genau, wovon sie spricht. In mehreren Selbstexperimenten hat sie die Technik an sich und ihr Gehirn gelassen, um ganz genau zu erleben, wie es sein kann beziehungsweise wie es in der Zukunft sein wird. In einem Tübinger Forschungslabor wurde sie mit Elektroden ausgestattet, die fest an ihrem Schädel platziert wurden. Durch die Vernetzung wurde es ihr möglich, allein durch ihre Gedankenkraft das Wort „Interface“ auf einem Bildschirm erscheinen zu lassen. Ohne die Hilfe der Sprache oder der Finger und einer Tastatur gelang es ihr so, sich mitzuteilen. „Denken statt klicken und swipen“ könnte der Slogan für eine künftige Werbekampagne lauten.

Ein anderes Mal testete sie ein von Ärzten nicht zertifiziertes Gerät der Firma Thync, das ebenfalls am Kopf platziert wird und mit Hilfe einer Fernbedienung die Wahl verschiedener Gemütszustände möglich macht. Für 300 Dollar kann sich jeder an einem beliebigen Ort zwischen einer “aktiven” oder “entspannten” Stimmung entscheiden, indem man mit einer App niedrigschwelligen Strom über zwei Elektroden am Kopf ins Gehirn leitet. Laut Miriam Meckel funktioniert das tatsächlich. Sie testete das Gerät nach einem Transatlantikflug und konnte von diesem Zeitpunkt an für 36 Stunden auf Essen und Schlaf verzichten, wie sie in ihrem Buch erklärt: “Der Test hat bei mir gewirkt. Ich war sehr energetisch. So energetisch, dass ich mich mehrmals übergeben musste, an Essen oder Schlafen die nächsten 36 Stunden nicht zu denken war. Diese Optimierung des Gehirns hat sich alles andere als optimal angefühlt.”

NEIL HARBISSON: ER KANN FARBEN HÖREN

In ihrem Vortrag auf der re:publica 2017 macht sie an dieser Stelle auch auf Neil Harbisson aufmerksam, der sich selbst als erster und einziger Cyborg der Welt bezeichnet. Weil er farbenblind ist, hat sich Neil Harbisson vor einigen Jahren einen Sensor in den Kopf einpflanzen lassen. Die Antenne, die aus seinem Schädel ragt, macht es möglich, Farben in Töne umzuwandeln. Das sogenannte Eyeborg nimmt dazu Farben in der Umgebung wahr und leitet die Informationen an einen Chip weiter, der direkt mit der hinteren Schädelwand verbunden ist. Anschließend werden die Farbinformationen in Tonsignale umgewandelt und direkt auf den Knochen übertragen. Jeder Farbton wird dabei durch einen bestimmten Ton repräsentiert – Blau klingt wie Cis und Gelb wie G. Seit Jahren schon basteln Harbisson und mehrere Wissenschaftler an dem Sensor. Zu Beginn wog dieser fünf Kilogramm und funktionierte nur mit Kopfhörern. Inzwischen können Freunde ihm Bilder über Bluetooth senden, die er hören und daraufhin sehen kann.

Derartige Experimente rund um das Gehirn klingen spannend, aber auch beängstigend. Für Miriam Meckel ist klar, dass wir uns dringend über beide Seiten der Medaille unterhalten sollten: „Wäre das Gehirn ein Computer, wir müssten nur technisch aufstocken. Schnellere Prozessoren, mehr Speicherkapazität, schlauere Algorithmen, und schon liefe die Sache auf Genialität hinaus. Genauso geht die Logik derjenigen, die überzeugt sind, man könne das Gehirn tunen wie ein Auto, dopen wie einen Körper, der sportliche Höchstleistungen erbringen soll, und man könne es an ein weltweites Computernetz anschließen, bei dem die echten Computer die stumpfen Arbeiten übernehmen, während die menschlichen Gehirne als Megacomputer Kurs auf eine hyperintelligente Zukunft der Menschheit nehmen.“ Doch je intensiver wir die Verbindung von Mensch und Maschine vorantreiben, desto schwieriger wird es für uns, aus dem entstehenden Strudel der „ständigen Optimierung“ herauszukommen.

MIRIAM MECKEL WARNT VOR ZWEI-KLASSEN-GESELLSCHAFT

Sobald wir unsere WhatsApp-Nachrichten in unser Handy hineindenken können, wird es laut Meckel vermutlich nicht mehr lange dauern, bis unsere Gedanken auch von Dritten ausgelesen werden können. Die Wissenschaftlerin macht auch auf eine neue Zwei-Klassen-Gesellschaft aufmerksam, in der die Optimierten die Nichtoptimierten beherrschen und Machtmissbrauch eine neue Dimension erreichen könnte. “Das Gehirn ist ein sehr feines System, absolut faszinierend, gleichzeitig aber auch noch weitgehend unverstanden, unberechenbar. Wir sollten vorsichtig mit ihm umgehen, respektvoll, bevor es zu spät ist…”, so Miriam Meckel.

Eine Warnung, die uns alle zum Nachdenken anregen sollte…

Miriam Meckel “Mein Kopf gehört mir – Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking”

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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