Blue Zones: Die 5 Länder mit der höchsten Lebenserwartung

Words by Arzu Gül
Photography: Huyen Nguyen via Unsplash
Lesezeit: 4 Minuten
Alte Frau steht vor Blütenstrauch - Blue Jones

Es gibt Länder und Regionen, in denen die Menschen sehr viel älter werden als überall sonst auf der Welt. Was ist das Geheimnis dieser sogenannten Blue Zones?

In Deutschland liegt die Lebenserwartung für neugeborene Mädchen aktuell bei 83,3 Jahren und für neugeborene Jungen bei 78,5 Jahren. Seit Jahrzehnten nimmt damit die Lebenserwartung jährlich um durchschnittlich 0,2 Jahre zu. Das klingt so erst einmal nicht schlecht, jedoch gibt es auf der Welt auch Orte, an denen die meisten Menschen weit über 90 oder sogar über 100 Jahre alt werden. Diese Orte, auch »Blue Zones« (zu Deutsch: »blaue Zonen«) genannt, sind zumeist kleinere, isolierte Inseln oder Ortschaften, die sich hinsichtlich der Lebenserwartung ihrer EinwohnerInnen deutlich von direkt umliegenden Regionen unterscheiden. Doch was ist das Geheimnis dieser blauen Zonen, und was können wir von ihnen lernen?

Die 5 »Blue Zones«

Der Begriff »Blue Zone« wurde erstmals vom Bestseller-Autor Dan Buettner geprägt, der sich 2004 im Rahmen einer Reportage für das Magazin »National Geographic« gemeinsam mit mehreren WissenschaftlerInnen auf eine Weltreise machte, um das Geheimnis eines langen Lebens zu erforschen. Auf ihrer Reise identifizierten sie fünf Orte, an denen die Menschen die höchste Lebensdauer aufwiesen und selbst im hohen Alter noch stark, gesund und munter waren – die sogenannten »Blue Zones«:

Die Blue Zones befinden sich überwiegend in tropischen und abgeschiedenen Lebensräumen
  • Ikaria in Griechenland,
  • Loma Linda in Kalifornien,
  • die Halbinsel Nicoya in Costa Rica,
  • Ogliastra auf Sardinien, 
  • Okinawa in Japan.


Obwohl die Verteilung der Regionen erst einmal willkürlich erschien, versuchten Buettner und sein Team herauszufinden, ob es Gemeinsamkeiten in den Lebensweisen gab, die Erklärungen für ein gesundes und langes Leben sein könnten. Und tatsächlich: Mithilfe von Befragungen konnten sie insgesamt 9 Faktoren identifizieren, die an allen Orten übereinstimmten und die für die hohe Lebenserwartung verantwortlich sein könnten. »Power 9« nennen Buettner und sein Team diese Aspekte, die laut ihrer Untersuchungen für ein gesundes Leben stehen.

9 Faktoren für ein langes und gesundes Leben


1. Natürlich bewegen

Damit ist nicht Leistungssport oder der Gang ins Fitnessstudio gemeint, sondern vielmehr die Bewegung im Alltag, sei es durch Spaziergänge, Gartenarbeit oder Hausarbeit. Diese Formen der Bewegung seien bei Menschen mit hoher Lebenserwartung bis ins hohe Alter Kernbestandteil des Lebensstils gewesen.


2. Der Lebenszweck

Die JapanerInnen in Okinawa nennen ihn »Ikigai« (zu Deutsch: »Lebenswert«) und die Menschen in Nicoya sprechen vom »Plan de vida« (zu Deutsch: »Lebensplan«). Diese Menschen kennen ihren Zweck im Leben und wissen, wofür sie morgens aufstehen. Die Gewissheit, ein sinnvolles Leben zu führen, mache Menschen gesünder und glücklicher und erhöhe somit auch ihre Lebenserwartung. 


3. Abschalten

Stress gehört im Alltag vieler Menschen dazu. Auch die BewohnerInnen der »Blue Zones« sind nicht davor gefeit. Im Gegensatz zu anderen Gesellschaften haben sie aber ganz bewusst stressabbauende Rituale in ihren Tagesabläufen integriert. Die Ikarier schlafen, die Sarden haben eine »happy hour«, in der sie sich ausruhen, und in Loma Linda wird viel gebetet.

Achtsamkeit, Ruhe und das Bewusstsein um einen Lebenszweck sind Faktoren eines gesunden Lebens

4. Die 80-Prozent-Regel

Erstaunlich: In den »Blue Zones« hören die Menschen auf zu essen, wenn ihre Mägen zu 80 % voll sind. Überessen und Völlegefühl kommt nur sehr selten vor. Die kleinste Mahlzeit des Tages wird außerdem am frühen Abend zu sich genommen, sodass der Körper vor dem Schlaf nicht überlastet wird. 


5. Fast vegan

Das wohl wichtigste Nahrungsmittel der meisten Hundertjährigen sind Bohnen. Ebenso essen die Menschen in den »Blue Zones« viele pflanzliche Lebensmittel, darunter sehr viel Gemüse, Obst und Vollkorngetreide. Fleisch wird nur in kleinen Mengen und eher selten verzehrt. Ebenso verzichten sie auf industriell verarbeitete Lebensmittel. 


6. Wein

Gute Nachrichten für WeinliebhaberInnen: In den »Blue Zones« gehört ein regelmäßiger, aber moderater Weinkonsum zum Alltag dazu! Entweder zum Essen oder beim netten Beisammensein mit FreundInnen.

Auch die Zugehörigkeit im Alter und ein enges Netzwerk an Vertrauten soll die Lebenserwartung erhöhen


7. Zugehörigkeit

Laut Buettner fühlen sich die Menschen in den untersuchten Gebieten alle einer Glaubensgemeinschaft zugehörig. Der gemeinsame Glaube und die in einer Gemeinschaft erfahrene Unterstützung könne die Lebenserwartung deutlich erhöhen.


8Familie

Gute und enge Familienbeziehungen zu EhepartnerInnen, Eltern, Großeltern oder Enkelkindern sei essenziell. Beobachtungen zufolge seien selbst die Ältesten im Ort noch aktiv ins Familienleben integriert gewesen und hätten täglich Besuch von der Familie oder den NachbarInnen empfangen.


9. Soziale Kontakte

Außerhalb der Familie sei vor allem ein Netzwerk von engen FreundInnen und guten Bekannten erkennbar gewesen. Ein fester Platz in der Gesellschaft und ein starkes Netz an Menschen minimiere die Einsamkeit und fördere einen gesunden und glücklichen Lebensstil. 

Welche Rolle spielen die Gene?

Abgesehen von diesen 9 Faktoren ist ebenfalls auffällig, dass sich alle fünf Orte in sonnenreichen subtropischen oder tropischen Regionen befinden. Es gibt inzwischen viele Studien, die belegen, dass sich ein Vitamin-D-Mangel negativ auf die körperliche und mentale Gesundheit auswirken kann. Umgekehrt unterstützt die ausreichende Zufuhr des »Sonnenvitamins« nachweislich das Immunsystem.

Doch wie verlässlich sind diese Faktoren in Bezug auf die wirkliche Lebensdauer? Spielt nicht eher die genetische Veranlagung eine entscheidende Rolle dabei, wie alt wir werden? Tatsächlich stimmt diese Annahme nur teilweise. Studien haben gezeigt, dass gesundes Altern und Langlebigkeit durch eine Kombination von genetischen und nicht-genetischen Faktoren begünstigt werden. Dabei haben die genetischen Faktoren nur etwa einen Einfluss von 25 %. Für die restlichen 75 % sind vor allem die Lebens- und Ernährungsweise verantwortlich.

Dennoch: Um die Beobachtungen von Buettner und seinem Team wissenschaftlich zu verifizieren, bedürfte es weiterer Studien. So müssten auch Menschen in anderen Regionen der Welt untersucht werden, in denen die Lebensweise ähnlich ist. Werden diese Menschen ebenfalls so alt wie auf Okinawa oder Ikaria? Es ist durchaus denkbar, dass noch weitere Faktoren existieren, die die Lebenserwartungen stark beeinflussen. Beispielsweise die Infrastruktur, Wasser- und Luftqualität oder die medizinische Versorgung in einem Land. 

Trotz der offenen Fragen lassen sich die Beobachtungen aus den »Blue Zones« aber dennoch nachvollziehen. So ist allgemein bekannt, dass die Kombination aus Bewegung, natürlichen Lebensmitteln, Stressabbau und sozialen Kontakten die Gesundheit fördern und Menschen glücklicher leben lässt. Die Integration von Buettners »Power 9« kann sich also tatsächlich sehr positiv auf das eigene Leben auswirken. 

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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