Aufräumen – Magic Cleaning oder Madness?

04.12.2018
Words by Annekathrin Walther

Am Aufräumen scheiden sich die Geister. Ob Single-Haushalt oder Wohngemeinschaft, ob Teenie oder Rentner*in: Für die einen ist Ordnung eine Leidenschaft. Für andere ist sie nur übles Reizthema. Warum lässt eine alltägliche Notwendigkeit die Gemüter so hochkochen? Und welche Tipps kann eine professionelle Ordnungsmentorin geben?

Stellen wir uns folgende Situation vor: Nach einem langen Tag betritt man erschöpft die Wohnung. Im Gepäck: eine Tiefkühlpizza, eine Flasche Wein und die Vorfreude auf den tollen Roman, den man vor drei Monaten angefangen hat. Und dann: Ernüchterung. Um die Pizza aufzubacken, müsste man den Backofen entkrusten. Um den Wein zu trinken, bräuchte man ein sauberes Glas. Um das Buch zu lesen, müsste man es wiederfinden.

Hat jemand Lust aufzuräumen? Bildquelle: Ferenc Horvath

Und dann gibt es andere Wohnungen. Wohnungen, in denen die Spülmaschine immer ausgeräumt, der Teppich immer gesaugt ist und alle Bücher nach Farben sortiert im Regal stehen. Alles schick! Und die tägliche Runde mit dem Staublappen wird als meditative Entspannung empfunden.

Alles schick? Bildquelle: Flickr

Beide überspitzten Beispiele zeigen eins: Beim Thema Aufräumen und Ordnung klaffen Normalitätsgefühle und Bedürfnisse weit auseinander. Ordnungsmentorin Katharina Vollus bestätigt, dass es beim Aufräumen schwierig ist, ein gesundes Maß zu finden. Ein Reizthema wird Aufräumen oft da, wo in einem ersten Schritt zunächst einmal ausgemistet werden soll. Als Coachin ist Katharina vor allem an dieser Stelle aktiv, hilft Menschen dabei, Dinge loszulassen und sich ihre eigene Ordnungsstruktur aufzubauen. Ist dieser Schritt geschafft, wird Aufräumen zu einem wiederkehrenden Ereignis, bei dem sie nicht mehr dabei sein muss.

Erst loslassen, dann aufräumen. Bildquelle: Kara Eads

Sich von Dingen zu trennen, widerstrebt vielen. Katharina erklärt, dass Dinge in unserer Gesellschaft eine hohe Bedeutung haben. Wir schreiben wir ihnen nicht nur materiellen, sondern vor allem auch immateriellen Wert zu. Das kann – neben Liebesbriefen oder Urlaubsfotos – auch vermeintlich Banales betreffen, wie zum Beispiel alte Mitschriften aus dem Studium. Vielen Menschen fällt es schwer, etwas zu entsorgen, in das sie Zeit und Energie investiert haben, auch wenn es seit Jahren nur noch im Schrank verstaubt.

Wann klingeln sie endlich, die Elfen mit dem Wischmob?

Obwohl es vielen schwerfällt, liegt Aufräumen und Ausmisten im Trend. Die Ratgeberliteratur lockt mit Titeln wie Magic Cleaning, Das magische Aufräumbuch und Die magische Küchenspüle Bei so viel Magie fragt man sich, wie es sein kann, dass man überhaupt noch etwas selbst tun muss. Wann klingeln sie endlich, die Elfen mit dem Wischmob? Die Titel lassen glauben, dass Ordnung ohne Anstrengung zu haben sei. Katharina widerspricht: Aufräumen ist nicht leicht. In ihren Coachings und Online-Seminaren vermittelt sie, dass Aufräumen immer auch bedeutet, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Aufräumen hat etwas mit Selbstliebe und Selbstpflege zu tun und damit, dass man sich für sich selbst und seine Umgebung Zeit nimmt.

Aufräumen oder Nicht-Aufräumen – Hauptsache, man fühlt sich wohl.

Ordnungsmentorin Katharina Vollhus hilft das Chaos zu beseitigen. Credit: Carmen Jasmyn Hoffmann

Letztlich gilt: Aufräumen oder Nicht-Aufräumen – Hauptsache, man fühlt sich wohl. Vielleicht kann es helfen, die vermeintliche Kleinigkeit nicht mehr nur als solche abzutun. Stattdessen könnte man Aufräumen als eine Aktivität mit potenziell großer Wirkung ernst nehmen. Und gleichzeitig gern auch über sich selbst lachen, wenn einen ein Haar auf dem Teppich schon zur Weißglut treibt.

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Annekathrin Walther

Annekathrin Walther spielt mit Text seit ihr Lesen und Schreiben möglich ist. Auf ihr Studium der LIteraturwissenschaft folgten Exkursionen ins Stadttheater und den Buchhandel. Seit 2013 liegt sie als Freiberuflerin vor Anker und schreibt als solche für Theater, Audio und Internet.

1 Kommentar

  1. Edith Mendoza

    MUY INTERESANTE SUS TEMAS LES FELICITO. gRACIAS

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