Das ultimative ASMR-Experiment: Wirkt es bei mir?

Words by Arzu Gül
Photography: Gabriel Benois via Unsplash
Frau im Wind mit geschlossenen Augen

Vor einiger Zeit berichteten wir bereits von ASMR (»Autonomous Sensory Meridian Response«), einem kribbelnden Gefühl, das von der Kopfhaut den gesamten Körper durchzieht und durch verschiedene Geräusche, wie zum Beispiel ein Flüstern, Rascheln oder Tippen, ausgelöst werden kann. Auf YouTube findet sich eine riesige ASMR-Community – jeden Tag werden Hunderte Videos zu diesem Thema hochgeladen. Menschen berichten davon, wie ASMR-Videos ihren Stress mindern oder sogar bei Angststörungen helfen konnten. Sofort stellte sich mir die Frage: Funktioniert das auch bei mir?

 

Denn: Nicht jeder kann ASMR spüren. WissenschaftlerInnen haben hierzu bisher noch keine offiziell anerkannte Theorie, jedoch wird gemutmaßt, es liege an der genetischen Veranlagung. Drastisch formuliert: Die gesamte Menschheit lässt sich offenbar in zwei Kategorien einteilen: ASMR-empfindsam und ASMR-negativ.

Wo reihe ich mich in dieser einfachen Kategorisierung ein? Funktionieren die Trigger möglicherweise auch bei mir? Das möchte ich herausfinden und unterziehe mich deshalb einem dreitätigen ASMR-Experiment. Dafür nutze ich die Videos, um deren Wirkung in unterschiedlichen Situationen zu testen: zum besseren Einschlafen, zur Stress-Reduktion und schließlich auch als Meditationshilfe. Was es gebracht hat? Lest selbst:

Tag 1: Getrennte Betten

Als ich meinem Partner von meinem ASMR-Experiment erzähle, verzieht er erst einmal das Gesicht. Ich erzähle ihm voller Euphorie von den wildesten Berichten, die ich während meiner Recherche gelesen habe. »Heute Abend schlafen wir im Nu ein und wahrscheinlich so tief und fest wie noch nie«. Er ist skeptisch. Es ist 23.15 Uhr, wir liegen im Bett, ich habe den Laptop aufgeschlagen und rufe ein Video namens »ASMR Sleep Clinic« auf. 41 Minuten lang rascheln, streicheln, mit-den-Fingern-auf-Gegenständen-klopfen. Erst muss ich lachen. Nach 10 Minuten spüre ich leider immer noch nichts. Mein Freund scheint genervt. Nach einer Viertelstunde nimmt er sein Kissen und geht rüber aufs Sofa. So könne er nicht schlafen. Ich bin frustriert. Warum spüre ich nur nichts? Immerhin: Bei Minute 31 scheine ich eingeschlafen zu sein. Normalerweise klappt das aber deutlich schneller.

Tag 2: Voll hypnotisiert

Heute soll ASMR mir bei der Reduktion meines Stress-Levels helfen. Diesen Tag habe ich bewusst so ausgesucht. Ich habe diverse Calls, Termine in der Stadt, muss einkaufen, Wäsche waschen und E-Mails beantworten. Am Abend falle ich erschöpft auf das Sofa. ASMR soll mich retten. Auf YouTube klicke ich auf ein Video mit dem Titel »ASMR Brushing Away your Stress«. Heute bin ich alleine zu Hause und lasse mich daher voll und ganz auf die Erfahrung ein, ohne darauf zu achten, was mein Partner davon hält. Und siehe da: Ohne äußere Einflüsse fühlt sich mein Kopf nach 10 Minuten schon weitestgehend leer an - ich denke nicht mehr über meine Arbeit nach und bin voll und ganz fokussiert. Auch die Last fällt ab. Der Stress fühlt sich dumpf an und weit weg. Nach 25 Minuten ist das Video am Ende angekommen. Ich fühle mich gut. Ganz entspannt gehe ich in die Küche und koche unter leisen Musikklängen ein Abendessen. Ich lasse mir heute mehr Zeit als sonst. Mein Körper ist zur Abwechslung mal nicht unter Strom, und ich kann mich tatsächlich auch nach der Video-Hypnose entspannen. 

Tag 3: Meditation in der Ohrmuschel

Mein gestriger Erfolg hat mich angespornt, ASMR als Meditationshilfe zu nutzen. Als Yoga-Anfängerin fällt mir die Meditation aktuell noch sehr schwer. Schon lange aber ist es mir ein Wunsch, meine Meditationsfähigkeiten zu verbessern und irgendwann einmal das Gefühl der Vollkommenheit und Leere zu spüren, von dem Profi-Yogis immer schwärmen. Auf YouTube finde ich hierzu geführte Meditationen mit Komponenten von ASMR. Ich bin guter Dinge. Wieder bin ich alleine, setze mich dieses Mal sogar auf meine Yoga-Matte und nutze zur Abwechslung Kopfhörer – ein vollkommen anderes Erlebnis! Tatsächlich erfahre ich, dass die Nutzung von Kopfhörern für den Erfolg von ASMR maßgeblich ist. Die Geräusche werden ungefiltert und viel intensiver an die Rezeptoren im Gehirn weitergegeben und in ihrer Wirkung verstärkt. Ich ärgere mich, es nicht bereits an den ersten beiden Tagen ausprobiert zu haben. In der Meditation machen sich positive Gefühle und Entspannung breit. Doch ein Kribbeln spüre ich leider auch nach 15 Minuten immer noch nicht. Nach einiger Zeit stört mich das Flüstern der YouTuberin sogar –  ich erreiche einfach keine Stille im Kopf. Die Übung war ein Misserfolg.

Fazit: Mein Gehirn springt nicht drauf an! 


Mein Mini-Experiment geht nach drei Tagen zu Ende. Ich bin zwiegespalten. Anscheinend gehöre ich nicht zur Fraktion der ASMR-empfindsamen Menschen. Das Kribbeln und Kitzeln stellt sich bei mir nicht ein. Wie wäre es wohl, wenn ich es spüren könnte?

Dennoch bin ich positiv überrascht. Mit der richtigen Umgebung und dem Einsatz von Kopfhörern konnte ich eine starke Entspannung erzeugen. Für mich also Grund genug, es ab und zu einmal auszuprobieren. Eine entsprechende Auswahl findet sich auf YouTube zur Genüge: Bei meiner letzten Suchanfrage werden mir mehrere Hunderttausend Videos angezeigt. 

Und nun sind wir gespannt auf Eure Berichte – habt ihr schon von ASMR gehört? Und könnt Ihr dieses Phänomen spüren?

Dazu Passend

ASMR - Was steckt hinter dem YouTube Trend?

Es ist wie eine kleine Parallelwelt – eine Community mit Millionen Anhängern. Die, die es spüren können, schwören darauf. Andere reihen sich irgendwo zwischen Unverständnis oder sogar Ekel ein. ASMR bedeutet Autonomous Sensory Meridian Response und soll Menschen mit Schlafstörungen, Panikattacken und Stress helfen.

Share:

Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

Kommentieren