Hat die Entwicklung von Antibiotika ein Ende?

Words by Claudia Marisa Alves de Castro
Photography: Pina Messina auf Unsplash
Sollte die Antibiotika-Forschung weiter zurückgeschraubt werden, könnte das fürchterliche Folgen haben

Wie Recherchen des NDR ergeben haben, stoppen Pharmaunternehmen die Forschung an neuen Antibiotika. Und das, obwohl die Ausbreitung resistenter Keime als eine der größten globalen Gefahren gesehen wird. 
 

 

Wie geht es nun weiter? Angeblich erst einmal gar nicht. Denn obwohl der Internationale Pharmaverband (IFPMA) erst 2016 eine »Industrie-Allianz« zum Kampf gegen resistente Keime gegründet hat, im Rahmen derer rund 100 Unternehmen in einer gemeinsamen Erklärung zugesagt hatten, weiterhin in diesem Bereich zu investieren, kehren nun immer mehr Branchenriesen der Antibiotika-Forschung den Rücken zu. Zuletzt haben sich Novartis und Sanofi sowie AstraZeneca aus dem Bereich zurückgezogen, heißt es.  

Resistente Keime: Bedrohung für die Menschheit

Und das, obwohl die sogenannten Resistenzen neben dem Klimawandel als eine der größten globalen Gefahren gelten. In der Europäischen Union sterben an den Folgen von Infektionen mit resistenten Keimen derzeit etwa 33.000 Menschen jedes Jahr – weltweit sind es Hunderttausende. Vor einem unkontrollierten Anstieg der Todeszahlen warnen auch die Vereinten Nationen immer wieder. Schätzungen zufolge könnten durch resistente Keime bis 2050 jährlich etwa zehn Millionen Menschen sterben. 

Immer mehr Firmen beenden die Forschung

Wie der NDR berichtet, hat etwa die Hälfte der Firmen, die damals die Erklärung für eine Fortführung der Antibiotikaforschung unterzeichnet haben, diese inzwischen unterbrochen. Auf Nachfrage des Senders antwortete der Großkonzern Allergan, dass dort weiter zur Behandlung von Infektionskrankheiten geforscht werde. Auf weitere Nachfrage, ob dies auch Antibiotika einschließe, gab es keine weitere Reaktion. Vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen könnte das Problem für den Rückzug schnell gefunden sein: Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums kostet mehrere Hundert Millionen Euro. Wird das Medikament zugelassen, kommen dann auch noch Ausgaben für die Herstellung, den Vertrieb sowie die Vermarktung hinzu. Deshalb schlagen internationale Experten nun Alarm, denn angesichts der hohen Kosten sei es unverantwortlich, wenn sich auch große Konzerne nun aus der Forschung zurückzögen. 

Aktuell seien es nur noch vier der weltweit 25 größten Pharmaunternehmen, nämlich MSD, GlaxoSmithKline, Otsuka und Roche (über die Tochterfirma Genentech), die überhaupt noch an der Entwicklung neuer Antibiotika arbeiten. Wie viel Zeit und Geld sie genau investieren, ist allerdings nicht bekannt. 

 

Antibiotika rechnen sich nicht

Es scheint, als spielten die hohen Kosten nicht nur für kleine Unternehmen eine große Rolle: »Der Grund für den Rückzug der großen Pharmakonzerne aus diesem Bereich sind offenbar wirtschaftliche Erwägungen«, heißt es in einer Pressemitteilung des Norddeutschen Rundfunks. Am Ende lasse sich mit Antibiotika deutlich weniger Geld verdienen als mit Krebsmedikamenten oder Mitteln gegen chronische Erkrankungen, da Antibiotika in der Regel nur wenige Tage lang eingesetzt würden. »Zudem sollten neue Mittel nur im Notfall eingesetzt werden, wenn alle herkömmlichen Antibiotika nicht mehr anschlagen. Sie sollen also als Reserve zurückgehalten werden, damit sie ihre Wirkung nicht so schnell verlieren«, heißt es weiter. 


Doch feststeht, wir stehen vor einem immer dringender und größer werdenden Problem: Die Entwicklung eines neuen Medikaments dauert in der Regel etwa 15 Jahre. Da sich resistente Keime aber immer weiter ausbreiten, verlieren die sich aktuell auf dem Markt befindlichen Medikamente zunehmend ihre Wirkung. Peter Beyer von der WHO bezeichnet die Situation als eines »der Probleme unseres Jahrhunderts, wo wir uns wirklich mehr engagieren müssen«.

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Claudia Marisa Alves de Castro

Redaktionsleiterin

Claudia Alves de Castro kommt vom Land, war aber nie für die Kleinstadt gemacht. Jetzt – da sie in Hamburg lebt – kann sie ihrem Interesse für Menschen, Geschichten und dem Schreiben freien Lauf lassen. Vom Lifestyle- und Fashionblog, über die Arbeit beim Fernsehen vor und hinter der Kamera, bis hin zu den Online-Redaktionen großer Verlage, Claudia ist mit allen Medien-Wassern gewaschen. Neben ihrer Leidenschaft für ihren Beruf, macht sie ihre Liebe für Kultur, Medien und Reisen besonders glücklich. Seit März 2018 schreibt sie über all das bei uns.

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