Angelina Kirsch braucht Unabhängigkeit und Verbundenheit

Words by Jana Ahrens
Portrait einer blonden Frau, die sich durch das lange Haar fährt und in die Kamera lächelt
Curvy Model Angelina Kirsch ist für viele Menschen ein Vorbild. Wie es dazu kam, wie sie mit Unabhängigkeit und dem Wunsch nach Verbundenheit umgeht und warum sie gern viel spürt und erlebt, hat sie uns im Interview erzählt.
 

Dein Leben hat ja seit deinem ersten Job als Curvy Model ganz schön an Fahrt aufgenommen und du wirst viel beobachtet. Wie schaffst du es, dabei so konsequent und aktiv Lebensfreude auszustrahlen? 

Für mich ist es ganz wichtig, bodenständig zu bleiben. Ich habe so ein Glück! Ich habe eine tolle Familie, die hinter mir steht. Ich habe tolle Freunde, die mich lieben und die mich unterstützen. Und ich bin privat die alte Angelina geblieben. Natürlich habe ich auch schlechte Tage. Ich schaue auch mal in den Spiegel und denke: „Boa, ich kann mich heute nicht sehen!“ Das ist normal. Aber ich habe dann auch immer Gedanken, die mich wieder hochziehen. Meist schaffe ich es, mich an diesen Tagen zu fragen, worauf es ankommt im Leben. Ich lebe noch immer in meinem Heimatort. Das ist eine bewusste Entscheidung. Ich kenne hier jeden Stein und jede Ecke, und die Leute rasten nicht aus, wenn sie mich sehen. Ich bin hier einfach Angelina und nicht das Model, die Designerin, Autorin, Jurorin oder Tänzerin, oder was ich jetzt schon alles ausprobieren durfte. Ich möchte mir privat treu bleiben. Denn wenn man abhebt, dann kommen die Probleme, die eigentlich gar keine sind. Wichtig ist auch, dass ich nicht nur Glück hatte mit meinem Job, sondern darin auch eine Aufgabe sehe. Klar, ich liebe es, wenn die Leute mich ansprechen. Ich glaube, wenn man das nicht mag, dann darf man diesen Job nicht machen. Aber mir gefällt auch, dass es nicht nur pure Unterhaltung ist und die Leute meine Arbeit nicht nur lustig oder toll finden. Dass es Leute gibt, die sagen: „Seit ich dich kenne, geht’s mir viel besser mit meinem Körper.“ Frauen, die sagen: „Seit ich dich kenne, trage ich auch wieder Bikini am Strand und ich gehe wieder ins Schwimmbad und ich traue mich wieder, ein Kleid anzuziehen.“ Das gibt mir so viel und macht mich glücklich. Gepaart mit meinem Privatleben kann ich da einfach nur sagen: Ich bin ein Glückskind. Das kann ich mir auch an Tagen sagen, an denen es mal nicht so rosig aussieht. 

 

Für Angelina sind ihre Freunde die beste Versicherung, um nicht abzuheben.

 

Das heißt, du akzeptierst dich auch in den schlechten Momenten. 

Das Leben ist wie ein Bild, das man sich anschaut: hell und dunkel. Du brauchst diese dunklen Momente, damit die hellen richtig strahlen. Diese Kontraste machen das Leben interessant. Das gehört einfach dazu. Dann ist es wichtig, dass man sich nicht entmutigen lässt. Mein Vater hat mir immer gesagt: Auch wenn du mal einen schlechten Tag hast, versuch, irgendwas Positives rauszuholen. Und wenn es nur ist, dass du dir an dem Tag ein Eis gönnst, dir etwas Schönes kaufst oder in die Badewanne gehst. Ich gehe dann gern mal tanzen. Du kannst auch einfach die Musik anmachen und vor dem Spiegel tanzen, dich einfach mal selbst auffordern. Ich finde es wichtig, am Ende des Tages nicht im Bett zu liegen und zu denken: Gott sei Dank ist dieser Tag vorbei. Dann wäre er vergeudet.

 

 

Dazu passt ja auch ein Thema aus deinem Buch »Rock Your Curves«: Die Idee, sich von dem Urteil anderer unabhängiger zu machen. Trotzdem ist es ja ein zutiefst menschliches Bedürfnis, sich anderen verbunden zu fühlen. Mit welchen Menschen fühlst du dich verbunden? Wer stützt dich?

Das sind auf jeden Fall meine Eltern. Ich habe ein ganz enges Verhältnis zu meinen Eltern, aber auch zu meiner Zwillingsschwester. Wir fahren noch jedes Jahr gemeinsam in den Urlaub. Ich kann wirklich mit allem, egal was es ist, zu meinen Eltern gehen. Ich kann mit ihnen wirklich über alles reden und werde nicht verurteilt. Das ist für mich die wichtigste Stütze. Dann habe ich natürlich auch ganz enge Freunde. Da kann ich mich fallen lassen und auch mal Schwächen zulassen. Ich weiß, ich kann mich da anlehnen.

 

 

Du schreibst im Buch auch von Freundschaften, die auseinandergingen. Hat sich dein Freundeskreis mit deiner Entwicklung verändert? 

Viele sind tatsächlich noch Freundinnen von früher. Wobei ich auch sagen muss, dass mir bei Freundschaften immer Qualität wichtiger war als Quantität. Ich brauchte nicht viele Freunde. Aber als der Job kam, hat sich herauskristallisiert, wer sich nur dranhängt und wer es wirklich gut mit mir meint. Das Beispiel habe ich ja auch in dem Buch genannt. Wie meine vormals beste Freundin sehr harte Sachen über mich sagte. Das musste ich erst einmal verarbeiten und dann musste ich die Konsequenzen ziehen. Die engsten Freunde kenne ich trotzdem noch aus der Zeit vor meinem Job als Curvy Model. Natürlich habe ich auch neue Freunde durch meine Arbeit dazugewonnen, das ist ja das Schöne daran. Aber wichtig sind eben auch die, die ich schon aus meiner Kindheit kenne, oder aus meiner Tätigkeit im Orchester. Die sind dann in meinem Heimatort viel um mich herum. Sie fungieren als eine Art Spiegel. An ihnen kann ich mich selber überprüfen. Klar, wir alle entwickeln uns weiter. Aber ich habe auch alle dazu angehalten, mir Bescheid zu sagen und die Alarmglocken zu läuten, sobald ich Quatsch mache. Sie sind meine Versicherung. Sie bewahren mich davor, abzuheben.

 

Wenn du eine Freundschaft beendest, wendest du dich dann konsequent ab, oder versuchst du, dich zu erklären?

Auch das mache ich so, wie ich es fühle. Mit der Freundin aus dem Buch war ich über 10 Jahre lang befreundet. Dann ist es natürlich hart – auch für mich selber – zu begreifen, dass die Freundschaft nicht mehr hält. Da hat es auch mir selber geholfen, mit ihr zu sprechen und noch einmal zu erklären, warum ich gehen muss. Manchmal hilft es auch, einen Brief zu schreiben. So lässt sich verarbeiten und festigen, was einem so alles durch den Kopf schießt. Ich möchte mir am Ende sicher sein: Ja, es ist die richtige Entscheidung. Es gab auch Situationen, in denen ich Kontakte beendet habe, ohne etwas zu sagen. Dann hatte ich aber auch kein Bedürfnis mehr nach einer Aussprache. Dann war alles schon gesagt. Am Ende bin ich der Mensch, mit dem ich auskommen muss. Auch wenn ich eines Tages einen Partner und Kinder habe, muss ich am Ende des Tages doch mit mir selber einschlafen und aufwachen. 

 

 

Was würdest du dir denn für nachfolgende Generationen in Bezug auf deren Umgang mit ihren Körpern und ihrem Selbstbewusstsein wünschen? 

 

Ich würde mir wünschen, dass alle Teenies das so erleben dürfen, wie ich es getan habe. Dass sie aufmerksame Eltern haben, die sich um ihr Selbstbewusstsein kümmern. Oder einfach Menschen um sich herum haben, die aufmerksam sind und im richtigen Moment die richtigen Worte sagen. Ich wünsche mir auch, dass das Schönheitsideal noch viel diverser wird. Im besten Fall wünsche ich mir, dass die Menschen sagen: Das Leben ist wie eine Blumenwiese und nicht wie ein Rosenbeet. Und so dürfen wir auch aussehen: jede und jeder anders. Ich wünsche mir mehr Selbstverständlichkeit für unterschiedliche Körpertypen und Körperformen, weniger Normen. Gerade bei der Darstellung in den Medien. Wir brauchen diese Medien, weil sie uns Hoffnung und Ablenkung und Freude geben. Das finde ich auch alles ok. Aber ich möchte vielen Teenies, wenn ich sie in der Stadt sehe, auch mal sagen: „Hey, guck doch mal hoch. Guck doch mal weg von deinem Telefon. Weiß du überhaupt noch, wie ein Sonnenuntergang aussieht?“ Die Gefahr ist, dass wir verlernen, was Lebensfreude ist. Statt einfach mal zu sagen: Jetzt lebe ich im Hier und Jetzt und ich bin happy.

Wie ist das bei dir: Verordnest du dir auch mal so richtig Social-Media-freie oder telefonfreie Zeit?  

Das ergibt sich von selber. Ich verordne mir das eher umgekehrt. Ich muss mir manchmal sagen, dass ich unbedingt mal wieder was posten muss, weil ich einfach von Anfang an gelernt habe, im Leben zu sein. Ich will mein Leben nicht durch mein Smartphone leben, sondern mit meinen eigenen Augen, meinen eigenen Ohren, mit meiner Nase, meinem Mund und meinen Händen. Ich will das alles fühlen, spüren und erleben. 

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Jana Ahrens

Chefredakteurin

Jana Ahrens liebt die Auseinandersetzung mit der Mode und mit den Gegenständen und Situationen eines modernen Lebens. Sie interessiert sich weniger für schöne Dinge, als eher für die Schönheit ihrer Umstände. Im Januar 2018 hat sie die Chefredaktion des Monda Magazins übernommen.

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