ASMR - Was steckt hinter dem YouTube Trend?

Words by Arzu Gül
Photography: Thư Anh via Unsplash
Frau legt Kopf zurück und ist in Bewegung

Es ist wie eine kleine Parallelwelt – eine Community mit Millionen Anhängern. Die, die es spüren können, schwören darauf. Andere reihen sich irgendwo zwischen Unverständnis oder sogar Ekel ein. ASMR bedeutet Autonomous Sensory Meridian Response und soll Menschen mit Schlafstörungen, Panikattacken und Stress helfen.

 

Doch was genau steckt hinter ASMR? Die Abkürzung bezeichnet im Grunde nur ein Gefühl: ein Kribbeln, das auf der Kopfhaut ausgelöst wird und dann bis in den Nacken und den unteren Rücken zieht. Es ist vergleichbar mit dem Gefühl, das Menschen beispielsweise beim Einsatz einer Kopfmassagen-Kralle empfinden, jedoch findet im Gegensatz dazu bei ASMR in der Regel kein körperlicher Kontakt statt.

Das erste wissenschaftliche Phänomen 
mit Ursprung auf Social Media

Das wohlige Gefühl wird bei Menschen unter anderem durch unterschiedliche Geräusche, sanftes Flüstern oder eine beruhigende Stimme ausgelöst und gehört weltweit zu den ersten und einzigen wissenschaftlichen Phänomenen, die ihren Ursprung tatsächlich auf Social Media haben.

Die ersten Videos und Berichte stammen schon aus 2013, doch in den letzten Jahren ist die Nachfrage nach ASMR-Videos rasant angestiegen. Einige der Videos weisen über 20 Millionen Views auf, ASMR-KünstlerInnen haben teilweise höhere Zuschauerzahlen als so manche Superstars, und WissenschaftlerInnen erforschen das Phänomen mit starkem Interesse, jedoch bisher ohne weitreichende Ergebnisse.

Ein Heilmittel gegen Angst und Depressionen?


Tatsächlich berichten zahlreiche Personen, dass ASMR eine Art wohliges Gefühl in ihnen auslöst, sie beruhigt und ihr Stresslevel mindert. Einige Menschen konnten dadurch laut eigener Aussage sogar ihre Panikattacken und depressiven Stimmungsschwankungen heilen. Wieder andere nutzen es als tägliche Einschlafhilfe gegen ihre Insomnie. Haben wir etwa ein Allheilmittel gegen die Beschwerden unserer Generation gefunden?

Doch das Kuriose an der Geschichte: Nicht jeder kann den Effekt von ASMR spüren. Es gibt Menschen, bei denen die Flüster-Videos und Klopfgeräusche rein gar nichts auslösen, außer vielleicht eine Portion Gelächter, Unverständnis oder sogar Unbehagen. 

ASMR hat es in die Offline-Welt geschafft

Für diejenigen, die auf die Geräusch-Trigger ansprechen, scheint die Methode aber zumindest interessant genug, um sie wenigstens einmal auszuprobieren und so vielleicht ihre psychischen Leiden zu mindern. Die Nachfrage ist groß, weshalb ASMR inzwischen sogar den Weg aus der Online- in die Offline-Welt gefunden hat: Whisper Lodge nennt sich das erste ASMR-Studio in New York. 

Hier führen Melinda Lauw und Andrew Hoepfner in unterschiedlichen Locations regelmäßige ASMR-Workshops durch, die als Einzel- oder Gruppenstunde gebucht werden können. Im Gegensatz zu den Online-Videos können die BesucherInnen hier sogar Berührungstrigger auswählen, wie z.B. das Durchkämmen ihrer Haare oder sanfte Berührungen mit einer Feder, um sich ca. eine Stunde aus dem wilden Großstadtleben zu entziehen und der völligen Entspannung zu verfallen. 

ASMR – wie geht es weiter?

Die starken Diskussionen auf den unterschiedlichsten Plattformen haben dazu geführt, dass auch WissenschaftlerInnen auf das Phänomen aufmerksam geworden sind und sich der Thematik angenommen haben. Die University of Sheffield hat aus diesem Grund die erste offizielle wissenschaftliche ASMR-Studie durchgeführt, in der Kontrollgruppen mit und ohne ASMR-Empfindsamkeit mit diversen Video-Triggern konfrontiert wurden. Tatsächlich konnte so festgestellt werden, dass beim Betrachten von ASMR-Videos die Herzfrequenz der »aktiven« Versuchspersonen um bis zu 3,14 Schläge pro Minute reduziert werden konnte. Ebenso stiegen positive Emotionen und Gefühle der sozialen Verbindung und Entspannung bei diesen Menschen an, wohingegen Stress sowie Gefühle von Traurigkeit insgesamt seltener wurden. 

Für die Wissenschaft bedeutet dies, dass im nächsten Schritt erforscht werden muss, wann und aus welchem Grund ein Mensch ASMR empfindet und warum die sensorischen Reize bei anderen im Gegensatz dazu keinerlei Reaktionen hervorrufen. Sollte diese Frage zukünftig geklärt werden, könnte ASMR zusätzlich zu klassischen Methoden in der Behandlung psychischer Störungen zum Einsatz kommen.

Wir interessieren uns sehr dafür, wie ihr ASMR empfindet. Habt ihr schon davon gehört? Was lösen die Videos bei Euch aus?

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Das ultimative ASMR-Experiment: Wirkt es bei mir?

Vor einiger Zeit berichteten wir bereits von ASMR (»Autonomous Sensory Meridian Response«), einem kribbelnden Gefühl, das von der Kopfhaut den gesamten Körper durchzieht und durch verschiedene Geräusche, wie zum Beispiel ein Flüstern, Rascheln oder Tippen, ausgelöst werden kann. Auf YouTube findet sich eine riesige ASMR-Community – jeden Tag werden Hunderte Videos zu diesem Thema hochgeladen. Menschen berichten davon, wie ASMR-Videos ihren Stress mindern oder sogar bei Angststörungen helfen konnten. Sofort stellte sich mir die Frage: Funktioniert das auch bei mir?

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Arzu Guel

Redakteurin

Nach einem MBA in Medienmanagement und Stationen in der Produktentwicklung, Objektleitung und Vermarktung von Magazinen, hat Arzu Guel zurück zu ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben und Kreieren von Content, gefunden. Seit September 2019 schreibt sie nicht nur für Monda Magazin, sondern entwickelt auch Formate für unseren Instagram-Kanal. Sie brennt für die Themen Digitalisierung, Future Trends und für Menschen mit einzigartigen Geschichten.

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